Der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad, Sohn eines Imam in Ägypten, über Thilo Sarrazins umstrittene Thesen, seine schwierige Integration in Deutschland und sein Werk "Der Untergang der islamischen Welt".
SPIEGEL: Herr Abdel-Samad, Deutschland ist ein gespaltenes Land. Gehören Sie zur Pro- oder Contra-Sarrazin-Fraktion?
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Abdel-Samad: Weder noch.
SPIEGEL: Sie haben den goldenen Mittelweg in der Integrationsdebatte gefunden? Oder wollen Sie sich nicht in die Nesseln setzen, weder bei Ihren deutschen Freunden noch bei Ihren muslimischen Glaubensbrüdern?
Abdel-Samad: Mir gefällt die Art der Debatte überhaupt nicht. Man hält Gericht über Sarrazin oder bejubelt ihn unreflektiert. Alles bündelt sich in seiner Person - ob als Held oder Sündenbock, Sarrazin ist zum unfreiwilligen Freund der Untätigen und Ratlosen geworden. Alle Versäumnisse und Vorwürfe haben nun eine Adresse: Superman Sarrazin.
SPIEGEL: Sie halten ihn und seine Thesen für überschätzt?
Abdel-Samad: Ich bin gegen Sarrazins Rauswurf aus der SPD und denke, dass eine unverkrampfte Debatte über Integration in Deutschland bitter notwendig ist. Aber seine Schlussfolgerungen helfen uns nicht weiter, sie sind von gestern. Deutschland schafft sich nicht ab, Deutschland verändert sich durch Immigration, und das ist gut so. Über Probleme des Zusammenlebens sollten wir reden. Über die Versäumnisse der Immigranten, die nötigen Angebote an sie.
SPIEGEL: Und das verhindert der Provokateur Sarrazin mit seinen biologistischen Gedankenspielen?
Abdel-Samad: Befördert es jedenfalls nicht. Aus der Integrationssackgasse hilft uns das keinesfalls heraus. Sie sehen doch, was gerade passiert, wie sich alle eingraben: Ein CDU-Politiker wird zum wiederholten Mal betonen, dass Ausländer anständig Deutsch lernen sollten, und ein SPD-Politiker wird, nachdem er Sarrazins Äußerungen verurteilt hat, Beispiele für gelungene Integration aufzählen. Eine wütende Islamkritikerin wird die Türken für alles verantwortlich machen.
SPIEGEL: Sie meinen Necla Kelek, die Sarrazins Buch begeistert vorgestellt hat.
Abdel-Samad: Und ein türkischer Beschwichtigungsromantiker wird die Grünen-Multikulti-Hymne singen. Thilo Sarrazin ist lediglich ein Beleg dafür, dass wir ein Problem haben. Er ist der Überbringer der Botschaft, dass bei uns eine verkrampfte Streitkultur herrscht. Stimmungsmache, Apologetik, Überempfindlichkeit.
SPIEGEL: Hätte man Sarrazins Buch totschweigen sollen?
Abdel-Samad: Meine bescheidene arabische Intelligenz sagt mir, dass Sarrazin harmloser ist als das, was die Medien aus ihm machen wollen. Er kann das Land weder spalten noch heilen.
SPIEGEL: Klären Sie uns doch mal auf: Sie sind ein scharfer Kritiker des Islam und müssten doch eigentlich mit Sarrazin, der diese Religion pauschal verteufelt, in einem Boot sitzen. Warum ist das nicht so?
Abdel-Samad: Er sieht den Islam überall auf dem Vormarsch. Auch ich kritisiere vieles am Islam. Ich sehe ihn aber auf dem Weg ins Abseits. Der Islam muss nicht verteufelt werden, er muss sich von Grund auf modernisieren.
SPIEGEL: Sie prophezeien den "Untergang der islamischen Welt". Dabei ist der Islam die am schnellsten wachsende Religion, vor allem Europa fürchtet sich vor Überfremdung.
Abdel-Samad: Zahlen sagen wenig - es gibt 1,4 Milliarden Muslime, na und? Entscheidend ist: In fast allen Ländern mit einer muslimischen Mehrheit sehen wir einen zivilisatorischen Rückschritt, eine Erstarrung aller Lebensformen. Der Islam hat keine überzeugenden Antworten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, er befindet sich im geistigen, moralischen und kulturellen Niedergang - eine todgeweihte Religion, ohne Selbstbewusstsein und ohne Handlungsoptionen.
SPIEGEL: Machen Sie nicht den Fehler vieler radikaler Islamkritiker, die gesamte Religion mit all ihren Ausprägungen über einen Kamm zu scheren?
Abdel-Samad: Selbstverständlich hat unsere Religion viele Strömungen. Die Unterschiede mögen für Theologen und Ethnologen von Interesse sein, politisch gesehen sind sie ziemlich irrelevant. Entscheidend sind die gemeinsame Orientierungslosigkeit und Rückständigkeit, die oft zu einem aggressiven Fundamentalismus führen. Der gibt den Ton an.
SPIEGEL: Dubai trennen Welten von Somalia, das relativ liberale Indonesien Lichtjahre vom rigorosen Gottesstaat Iran. Die Türkei ist eine Demokratie und hat gegenwärtig ein höheres Wirtschaftswachstum als jeder andere europäische Staat. Alles Ausnahmen von der Regel?
Abdel-Samad: Natürlich gibt es Unterschiede. Aber wenn es Muslimen um die Einführung von Islamunterricht an europäischen Schulen geht oder wenn sie für eine islamische Organisation den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts beantragen, dann ist immer die Rede von einem Islam. Kaum attackiert jemand den Glauben, greifen sie zu einem Taschenspielertrick, um die Kritik abzuwürgen, und fragen scheinheilig: Von welchem Islam ist die Rede?
SPIEGEL: Helfen Sie uns weiter.
Abdel-Samad: Der Islam ist in gewisser Weise wie eine Droge. Wie Alkohol. Wenig davon kann sehr heilend und inspirierend wirken, aber wenn der Gläubige in jeder Lebenssituation zur Flasche der dogmatischen Lehre greift, wird es gefährlich. Von diesem hochprozentigen Islam rede ich. Er schadet dem Individuum und gefährdet das Zusammenleben. Er hemmt die Integration, denn dieser Islam teilt die Welt in Freund und Feind, in Gläubige und Ungläubige.
SPIEGEL: Das hört sich an, als ob Sie von Sarrazin so weit nicht entfernt sind.
Abdel-Samad: Mich verbindet mit Herrn Sarrazin nur, dass wir beide Migrationshintergrund haben. Er hat Angst vor der islamischen Welt, ich habe Angst um sie. Deutschland bietet uns beiden ein Forum, allein deshalb darf dieses Land nicht abgeschafft werden.
SPIEGEL: Sie propagieren einen Islam light. Was bleibt vom Kern der Religion?
Abdel-Samad: Mein Traum ist in der Tat ein aufgeklärter Islam, ohne Scharia und Dschihad, ohne Geschlechter-Apartheid, Missionierung und Anspruchsmentalität. Eine Religion, die sich jeder Kritik und Nachfrage stellt. Was mich betrifft: Ich bin schon vor längerem vom Glauben zum Wissen konvertiert.
SPIEGEL: Sie sind Atheist geworden.
Abdel-Samad: Nein.
SPIEGEL: Können Sie ruhig zugeben, es ist ja keine Schande, Atheist zu sein.
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plista
Abdel-Samad: Aber es stimmt nicht.
SPIEGEL: Das würde Ihnen kein Imam, kein katholischer Priester, kein Rabbi durchgehen lassen. An Gott glauben heißt doch akzeptieren, dass etwas jenseits des Wissens existiert. Wenn Sie das nicht teilen - warum bestehen Sie darauf, sich als Muslim zu bezeichnen?
Abdel-Samad: An Gott glauben kann auch heißen, mit ihm zu hadern. Ich bete nicht regelmäßig, ich faste nicht im Ramadan. Ich bin in diesem Sinn kein Gläubiger. Aber ich fühle mich als Muslim. Das ist mein Kulturkreis. Der Islam ist für mich auch Heimat und Sprache, mein Arabisch ist von all dem nicht zu trennen. Man kann Distanz zum Islam haben, aber im Herzen des Islam bleiben. Ich will das Feld nicht den Fundamentalisten überlassen, die Gewalt predigen. Sie sind auf dem Vormarsch.
1 | 2 | 3weiter
1. Teil: "Der Islam ist wie eine Droge"
2. Teil: "Ideologischer Flirt mit den Marxisten und mit der Muslimbruderschaft"
3. Teil: "Die westliche Freiheit war für mich zunächst ein Fluch"
Religion: "Der Islam ist wie eine Droge" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur
SPIEGEL: Herr Abdel-Samad, Deutschland ist ein gespaltenes Land. Gehören Sie zur Pro- oder Contra-Sarrazin-Fraktion?
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Abdel-Samad: Weder noch.
SPIEGEL: Sie haben den goldenen Mittelweg in der Integrationsdebatte gefunden? Oder wollen Sie sich nicht in die Nesseln setzen, weder bei Ihren deutschen Freunden noch bei Ihren muslimischen Glaubensbrüdern?
Abdel-Samad: Mir gefällt die Art der Debatte überhaupt nicht. Man hält Gericht über Sarrazin oder bejubelt ihn unreflektiert. Alles bündelt sich in seiner Person - ob als Held oder Sündenbock, Sarrazin ist zum unfreiwilligen Freund der Untätigen und Ratlosen geworden. Alle Versäumnisse und Vorwürfe haben nun eine Adresse: Superman Sarrazin.
SPIEGEL: Sie halten ihn und seine Thesen für überschätzt?
Abdel-Samad: Ich bin gegen Sarrazins Rauswurf aus der SPD und denke, dass eine unverkrampfte Debatte über Integration in Deutschland bitter notwendig ist. Aber seine Schlussfolgerungen helfen uns nicht weiter, sie sind von gestern. Deutschland schafft sich nicht ab, Deutschland verändert sich durch Immigration, und das ist gut so. Über Probleme des Zusammenlebens sollten wir reden. Über die Versäumnisse der Immigranten, die nötigen Angebote an sie.
SPIEGEL: Und das verhindert der Provokateur Sarrazin mit seinen biologistischen Gedankenspielen?
Abdel-Samad: Befördert es jedenfalls nicht. Aus der Integrationssackgasse hilft uns das keinesfalls heraus. Sie sehen doch, was gerade passiert, wie sich alle eingraben: Ein CDU-Politiker wird zum wiederholten Mal betonen, dass Ausländer anständig Deutsch lernen sollten, und ein SPD-Politiker wird, nachdem er Sarrazins Äußerungen verurteilt hat, Beispiele für gelungene Integration aufzählen. Eine wütende Islamkritikerin wird die Türken für alles verantwortlich machen.
SPIEGEL: Sie meinen Necla Kelek, die Sarrazins Buch begeistert vorgestellt hat.
Abdel-Samad: Und ein türkischer Beschwichtigungsromantiker wird die Grünen-Multikulti-Hymne singen. Thilo Sarrazin ist lediglich ein Beleg dafür, dass wir ein Problem haben. Er ist der Überbringer der Botschaft, dass bei uns eine verkrampfte Streitkultur herrscht. Stimmungsmache, Apologetik, Überempfindlichkeit.
SPIEGEL: Hätte man Sarrazins Buch totschweigen sollen?
Abdel-Samad: Meine bescheidene arabische Intelligenz sagt mir, dass Sarrazin harmloser ist als das, was die Medien aus ihm machen wollen. Er kann das Land weder spalten noch heilen.
SPIEGEL: Klären Sie uns doch mal auf: Sie sind ein scharfer Kritiker des Islam und müssten doch eigentlich mit Sarrazin, der diese Religion pauschal verteufelt, in einem Boot sitzen. Warum ist das nicht so?
Abdel-Samad: Er sieht den Islam überall auf dem Vormarsch. Auch ich kritisiere vieles am Islam. Ich sehe ihn aber auf dem Weg ins Abseits. Der Islam muss nicht verteufelt werden, er muss sich von Grund auf modernisieren.
SPIEGEL: Sie prophezeien den "Untergang der islamischen Welt". Dabei ist der Islam die am schnellsten wachsende Religion, vor allem Europa fürchtet sich vor Überfremdung.
Abdel-Samad: Zahlen sagen wenig - es gibt 1,4 Milliarden Muslime, na und? Entscheidend ist: In fast allen Ländern mit einer muslimischen Mehrheit sehen wir einen zivilisatorischen Rückschritt, eine Erstarrung aller Lebensformen. Der Islam hat keine überzeugenden Antworten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, er befindet sich im geistigen, moralischen und kulturellen Niedergang - eine todgeweihte Religion, ohne Selbstbewusstsein und ohne Handlungsoptionen.
SPIEGEL: Machen Sie nicht den Fehler vieler radikaler Islamkritiker, die gesamte Religion mit all ihren Ausprägungen über einen Kamm zu scheren?
Abdel-Samad: Selbstverständlich hat unsere Religion viele Strömungen. Die Unterschiede mögen für Theologen und Ethnologen von Interesse sein, politisch gesehen sind sie ziemlich irrelevant. Entscheidend sind die gemeinsame Orientierungslosigkeit und Rückständigkeit, die oft zu einem aggressiven Fundamentalismus führen. Der gibt den Ton an.
SPIEGEL: Dubai trennen Welten von Somalia, das relativ liberale Indonesien Lichtjahre vom rigorosen Gottesstaat Iran. Die Türkei ist eine Demokratie und hat gegenwärtig ein höheres Wirtschaftswachstum als jeder andere europäische Staat. Alles Ausnahmen von der Regel?
Abdel-Samad: Natürlich gibt es Unterschiede. Aber wenn es Muslimen um die Einführung von Islamunterricht an europäischen Schulen geht oder wenn sie für eine islamische Organisation den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts beantragen, dann ist immer die Rede von einem Islam. Kaum attackiert jemand den Glauben, greifen sie zu einem Taschenspielertrick, um die Kritik abzuwürgen, und fragen scheinheilig: Von welchem Islam ist die Rede?
SPIEGEL: Helfen Sie uns weiter.
Abdel-Samad: Der Islam ist in gewisser Weise wie eine Droge. Wie Alkohol. Wenig davon kann sehr heilend und inspirierend wirken, aber wenn der Gläubige in jeder Lebenssituation zur Flasche der dogmatischen Lehre greift, wird es gefährlich. Von diesem hochprozentigen Islam rede ich. Er schadet dem Individuum und gefährdet das Zusammenleben. Er hemmt die Integration, denn dieser Islam teilt die Welt in Freund und Feind, in Gläubige und Ungläubige.
SPIEGEL: Das hört sich an, als ob Sie von Sarrazin so weit nicht entfernt sind.
Abdel-Samad: Mich verbindet mit Herrn Sarrazin nur, dass wir beide Migrationshintergrund haben. Er hat Angst vor der islamischen Welt, ich habe Angst um sie. Deutschland bietet uns beiden ein Forum, allein deshalb darf dieses Land nicht abgeschafft werden.
SPIEGEL: Sie propagieren einen Islam light. Was bleibt vom Kern der Religion?
Abdel-Samad: Mein Traum ist in der Tat ein aufgeklärter Islam, ohne Scharia und Dschihad, ohne Geschlechter-Apartheid, Missionierung und Anspruchsmentalität. Eine Religion, die sich jeder Kritik und Nachfrage stellt. Was mich betrifft: Ich bin schon vor längerem vom Glauben zum Wissen konvertiert.
SPIEGEL: Sie sind Atheist geworden.
Abdel-Samad: Nein.
SPIEGEL: Können Sie ruhig zugeben, es ist ja keine Schande, Atheist zu sein.
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Abdel-Samad: Aber es stimmt nicht.
SPIEGEL: Das würde Ihnen kein Imam, kein katholischer Priester, kein Rabbi durchgehen lassen. An Gott glauben heißt doch akzeptieren, dass etwas jenseits des Wissens existiert. Wenn Sie das nicht teilen - warum bestehen Sie darauf, sich als Muslim zu bezeichnen?
Abdel-Samad: An Gott glauben kann auch heißen, mit ihm zu hadern. Ich bete nicht regelmäßig, ich faste nicht im Ramadan. Ich bin in diesem Sinn kein Gläubiger. Aber ich fühle mich als Muslim. Das ist mein Kulturkreis. Der Islam ist für mich auch Heimat und Sprache, mein Arabisch ist von all dem nicht zu trennen. Man kann Distanz zum Islam haben, aber im Herzen des Islam bleiben. Ich will das Feld nicht den Fundamentalisten überlassen, die Gewalt predigen. Sie sind auf dem Vormarsch.
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1. Teil: "Der Islam ist wie eine Droge"
2. Teil: "Ideologischer Flirt mit den Marxisten und mit der Muslimbruderschaft"
3. Teil: "Die westliche Freiheit war für mich zunächst ein Fluch"
Religion: "Der Islam ist wie eine Droge" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur
Eine wirklich gelungene Analyse um die ganze Debatte