Langsam aber stetig heizt sich die Lage zwischen Albanern und Serben im Kosovo wieder auf. Mord, Verhaftungen auf beiden Seiten und die Drohung mit Spezialpolizei sorgen für Unruhe. Die von der Nato geführte KFOR schaut hilflos zu.
Pristina/Belgrad (dpa) - Nach Monaten oberflächlicher Ruhe schaukelt sich die Dauerkrise im Kosovo wieder auf. Am Sonntag wurde ein Albaner in der Stadt Mitrovica ermordet. Serben vertrieben einen Tag später mit Gewalt Beamte der albanisch kontrollierten Kosovo-Polizei, die das Attentat mit Sprengstoff untersuchen wollten. Daraufhin verlangt die mächtige Opposition die Einführung des Ausnahmezustandes. Schließlich kündigt der stellvertretende Kosovo-Regierungschef den Einsatz von Sonderpolizei gegen die Serben im Norden des Landes an.
Die NATO-geführte Schutztruppe KFOR und die EU-Rechtsstaatsmission (EULEX) schauen hilflos zu und sind zwischen alle Stühle geraten. Erst in dieser Woche hatten in Mitrovica wieder mehrere Hundert Albaner die EULEX-Polizisten beschimpft, die die Brücke über den Ibarfluss gesperrt hatten, um Zusammenstöße mit Serben zu verhindern. «Haut ab!, Geht nach Hause!, Seht ihr nicht, dass ihr die Stimmung nur noch anheizt?», hatte ein ranghoher Kosovo-Polizist die EULEX-Vertreter angefahren. Kurz zuvor hatten die Serben EULEX vorgeworfen, sie seien unfähig, die Albaner in Schach zu halten.
Vor zwei Tagen hatte der Chef der oppositionellen «Vetevendosje»-Partei, Albin Kurti, an NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen und den deutschen KFOR-Kommandeur Erhard Drews geschrieben. Die Truppe müsse endlich ihren Auftrag erfüllen und für Bewegungsfreiheit auch im Norden sorgen, war die zentrale Botschaft. Dort blockieren Serben seit dem letzten Sommer wichtige Transitrouten. EULEX-Fahrzeuge werden alle zwei bis drei Tage festgesetzt und müssen unverrichteter Dinge wieder in ihre Standorte zurückkehren.
Die Liste der ungelösten Probleme von EULEX und KFOR ist lang. Die grassierende Kriminalität im Norden mit serbischer Mehrheit blüht auch nach Jahren wie eh und je. Das von Serben blockierte Kreisgericht in Mitrovica arbeitet immer noch nicht und sorgt damit für einen rechtsfreien Raum in Nordkosovo. Die KFOR hatte zwar angekündigt, die serbischen Schleichwege über die grüne Grenze zur Umgehung der gesicherten Grenzübergänge zu schließen. Doch sie traut sich nicht, diese Anordnung des NATO-Kommandos in Neapel auch umzusetzen.
Ein Jahr verhandelten Serben und Albaner unter EU-Vermittlung in Brüssel, um das tägliche Leben beider Völker zu erleichtern. Doch das Gegenteil ist der Fall. Am wichtigsten Grenzübergang Merdare verlangen beide Seiten jetzt eine Art Eintrittsgeld. Serbien erhebt 100 Euro «Autoversicherung» für einen Monat, Kosovo will für zwei Wochen 60 Euro haben. Und das bei Monatseinkommen von 350 Euro. Die Folge: Chaos und stundenlanges Warten.
Es reicht ein Funke, um das Pulverfass wieder einmal explodieren zu lassen. Mit der Ankündigung serbischer Wahlen im Kosovo ist auch schon die Lunte gelegt. Die Kosovo-Regierung will solche Abstimmungen als «Angriff auf die Souveränität» selbst mit Gewalt verhindern. Als Reaktion will Pristina Kommunalwahlen auch unter den Serben im Norden durchführen, wo die Kosovo-Regierung bisher nichts zu sagen hatte. Das wiederum wird in Belgrad als unverschämte Provokation verstanden.
Im brodelnden Kosovo gerät die KFOR zwischen die Fronten | EUROPE ONLINE