Ilan
eminency
Hallo ihr
Nein, es geht nicht um den DSDS-Clown Menderes Bagci, sondern um den früheren türkischen Präsidenten Adnan Menderes. Was ist so besonders an ihm? Er weist Züge auf, die Erdogan heute auch hat.
ADNAN MENDERES 1899 - 17. September 1961
Hier ein Artikel im Spiegel von 1961, für diejenigen die sich für das Thema interessieren, aber nicht so viel lesen wollen, markiere ich die wichtigsten Sachen.
Bis zum letzten Atemzug jagte er Gegnern und Kerkermeistern Angst ein. Selbst als schon der Henker dem gestürzten Türken-Premier* das weiße Todeskleid überwarf und ihm ein Plakat mit dem darauf verzeichneten Urteil des Revolutionstribunals anheftete, wagten die neuen Herren des Landes nicht aufzuatmen. Dabei hatten sie jedes Risiko, jedes Hindernis auf dem letzten Weg des Adnan Menderes beseitigt: Die unzufriedene Armee war rechtzeitig zu einem Nato -Manöver abkommandiert, die Polizei in höchste Alarmbereitschaft versetzt, dem Volk jede Erörterung des Todesurteils verboten.
Erst als der Henker die vollzogene Hinrichtung des wegen Verfassungsbruchs verurteilten Premiers meldete, sah sich das seit Mai 1960 herrschende Offiziers-Regime von seinem schlimmsten Alpdruck befreit - von einem Manne, der den kemalistischen Revolutionären hinter Kerkermauern beinahe noch gefährlicher - geworden wäre, als er es hinter dem Schreibtisch des Premiers gewesen war. Polterte der provisorische Staatschef Gürsel erleichtert: "Das Urteil des Gerichts ist eine ernste Warnung an alle Politiker, die Ideale der Verfassung zu achten."
Dem Revolutions-Papa Gürsel entging, wie sehr Adnan Menderes noch unter dem Galgen über die puritanischen Mai-Revolutionäre triumphiert hatte: Das Todesurteil gegen den Expremier, diese "Barbarei von besonders abscheulicher Art" (Englands "Guardian"), atmete just jenen Geist, gegen den General Gürsel und seine Offiziere revoltiert hatten - die westlich-kemalistische Türkei kehrt in den aufgeklärten Despotismus des Orients zurück.
Denn Adnan Menderes, Jurist, Großgrundbesitzer und Autokrat, war im Mai 1960 gestürzt worden, weil er sich gegen den Geist der modernen Türkei vergangen hatte. Daß der kleine, flinke Premier korrupt war, Mätressen aushielt und die Opposition drangsalierte, beunruhigte die Offiziere wenig; aber daß er das moslemisch-konservative Bauerntum mit Wahlgeschenken überschüttete und damit die Atatürk-Reformen unterminierte, brach ihm den Hals.
Dabei hatte sich Adnan Menderes, Gutsbesitzersohn und Zögling eines US-College, von Anfang an westlicher Aufklärung verschworen. Der Mann, der die vom Türkei-Gründer Atatürk geschlossenen Moscheen wieder öffnete und den religiösen Traditionen der Bauern schmeichelte, stand selber jeder Religion fern; der moderne Landwirt, der nicht einmal sein Geburtsdatum kannte, wußte nur allzu gut um die Rückständigkeit der Bauern.
Nichts schien ihm denn auch selbstverständlicher, als dem Reformer Atatürk zu folgen. Seit 1930 Abgeordneter der Nationalversammlung, besaß er das Vertrauen des Reformators derart, daß dieser ihn sogar in eine Schein-Oppositionspartei entsandte, deren Gründung Atatürk selbst befohlen hatte.
Indes, der Jurist Menderes fand Gefallen an oppositionellen Reden. Nach Auflösung der Tarnpartei gründete er 1945 mit konservativen Politikern und Bankiers eine echte oppositionelle Bewegung, die Demokratische Partei. Sie errang 1950 die Mehrheit und katapultierte Adnan Menderes an die Macht.
Premier Menderes sah die Stunde gekommen, den Traum seines Lebens zu verwirklichen: die Türkei zu einem modernen Industriestaat zu machen. Wie in einem Rausch ließ er Straßen und Staudämme bauen, Kraftwerke und Fabriken errichten. "Atatürk ist der Begründer der Türkei, ich aber bin ihr Erbauer", prahlte er und ignorierte völlig, daß seine Gigantomanie Land und Volk in Schulden und Inflation stürzte.
Verständnislos sah der Mann, der nicht ohne den Beifall anderer leben konnte, das Anwachsen der Opposition. Der einstige Oppositionelle unterdrückte nun seinerseits nicht nur Presse und Opposition, sondern zerstörte auch, um sich die Wahlsympathien der Bauern zu erhalten, die laizistischen Grundlagen des Atatürk-Staates; bald warfen die neugebauten Moscheen tiefe Schatten über das unruhige Land.
Von der moslemischen Restauration bedroht, schlugen Intelligenzler und Offiziere gegen den Autokraten los. Doch auch der Gefangene Menderes blieb eine Gefahr, denn jeden Augenblick konnten die bäuerlichen Massen dem gestürzten Moscheen-Erbauer zu Hilfe kommen. Die Lösung des heiklen Problems war orientalisch einfach: Menderes mußte sterben - der erste Regierungschef eines Nato-Staates, der am Galgen endete. Die Offiziellen der westlichen Welt, über jeden politischen Mord in Ungarn oder auf Kuba entrüstet, nahmen von der Exekution ihres einstigen Alliierten ungleich gelassener Kenntnis.
Über die Türkei aber senkt sich ein Schleier des Aberglaubens: Der große Befreier Menderes, so flüstern sich die Bauern Anatoliens zu, sei gar nicht tot, sondern reite nächtens auf einem Schimmel durch die Lande, begierig, die Treue seiner Anhänger auf die Probe zu stellen.
DER SPIEGEL 40/1961 - ADNAN MENDERS 1899 - 17. September 1961
Eine Frage besonders an die Türken (die anderen können aber auch):
Findet ihr, dass die beiden vergleichbar sind? Begründet eure Antwort bitte.
Nein, es geht nicht um den DSDS-Clown Menderes Bagci, sondern um den früheren türkischen Präsidenten Adnan Menderes. Was ist so besonders an ihm? Er weist Züge auf, die Erdogan heute auch hat.
ADNAN MENDERES 1899 - 17. September 1961
Hier ein Artikel im Spiegel von 1961, für diejenigen die sich für das Thema interessieren, aber nicht so viel lesen wollen, markiere ich die wichtigsten Sachen.
Bis zum letzten Atemzug jagte er Gegnern und Kerkermeistern Angst ein. Selbst als schon der Henker dem gestürzten Türken-Premier* das weiße Todeskleid überwarf und ihm ein Plakat mit dem darauf verzeichneten Urteil des Revolutionstribunals anheftete, wagten die neuen Herren des Landes nicht aufzuatmen. Dabei hatten sie jedes Risiko, jedes Hindernis auf dem letzten Weg des Adnan Menderes beseitigt: Die unzufriedene Armee war rechtzeitig zu einem Nato -Manöver abkommandiert, die Polizei in höchste Alarmbereitschaft versetzt, dem Volk jede Erörterung des Todesurteils verboten.
Erst als der Henker die vollzogene Hinrichtung des wegen Verfassungsbruchs verurteilten Premiers meldete, sah sich das seit Mai 1960 herrschende Offiziers-Regime von seinem schlimmsten Alpdruck befreit - von einem Manne, der den kemalistischen Revolutionären hinter Kerkermauern beinahe noch gefährlicher - geworden wäre, als er es hinter dem Schreibtisch des Premiers gewesen war. Polterte der provisorische Staatschef Gürsel erleichtert: "Das Urteil des Gerichts ist eine ernste Warnung an alle Politiker, die Ideale der Verfassung zu achten."
Dem Revolutions-Papa Gürsel entging, wie sehr Adnan Menderes noch unter dem Galgen über die puritanischen Mai-Revolutionäre triumphiert hatte: Das Todesurteil gegen den Expremier, diese "Barbarei von besonders abscheulicher Art" (Englands "Guardian"), atmete just jenen Geist, gegen den General Gürsel und seine Offiziere revoltiert hatten - die westlich-kemalistische Türkei kehrt in den aufgeklärten Despotismus des Orients zurück.
Denn Adnan Menderes, Jurist, Großgrundbesitzer und Autokrat, war im Mai 1960 gestürzt worden, weil er sich gegen den Geist der modernen Türkei vergangen hatte. Daß der kleine, flinke Premier korrupt war, Mätressen aushielt und die Opposition drangsalierte, beunruhigte die Offiziere wenig; aber daß er das moslemisch-konservative Bauerntum mit Wahlgeschenken überschüttete und damit die Atatürk-Reformen unterminierte, brach ihm den Hals.
Dabei hatte sich Adnan Menderes, Gutsbesitzersohn und Zögling eines US-College, von Anfang an westlicher Aufklärung verschworen. Der Mann, der die vom Türkei-Gründer Atatürk geschlossenen Moscheen wieder öffnete und den religiösen Traditionen der Bauern schmeichelte, stand selber jeder Religion fern; der moderne Landwirt, der nicht einmal sein Geburtsdatum kannte, wußte nur allzu gut um die Rückständigkeit der Bauern.
Nichts schien ihm denn auch selbstverständlicher, als dem Reformer Atatürk zu folgen. Seit 1930 Abgeordneter der Nationalversammlung, besaß er das Vertrauen des Reformators derart, daß dieser ihn sogar in eine Schein-Oppositionspartei entsandte, deren Gründung Atatürk selbst befohlen hatte.
Indes, der Jurist Menderes fand Gefallen an oppositionellen Reden. Nach Auflösung der Tarnpartei gründete er 1945 mit konservativen Politikern und Bankiers eine echte oppositionelle Bewegung, die Demokratische Partei. Sie errang 1950 die Mehrheit und katapultierte Adnan Menderes an die Macht.
Premier Menderes sah die Stunde gekommen, den Traum seines Lebens zu verwirklichen: die Türkei zu einem modernen Industriestaat zu machen. Wie in einem Rausch ließ er Straßen und Staudämme bauen, Kraftwerke und Fabriken errichten. "Atatürk ist der Begründer der Türkei, ich aber bin ihr Erbauer", prahlte er und ignorierte völlig, daß seine Gigantomanie Land und Volk in Schulden und Inflation stürzte.
Verständnislos sah der Mann, der nicht ohne den Beifall anderer leben konnte, das Anwachsen der Opposition. Der einstige Oppositionelle unterdrückte nun seinerseits nicht nur Presse und Opposition, sondern zerstörte auch, um sich die Wahlsympathien der Bauern zu erhalten, die laizistischen Grundlagen des Atatürk-Staates; bald warfen die neugebauten Moscheen tiefe Schatten über das unruhige Land.
Von der moslemischen Restauration bedroht, schlugen Intelligenzler und Offiziere gegen den Autokraten los. Doch auch der Gefangene Menderes blieb eine Gefahr, denn jeden Augenblick konnten die bäuerlichen Massen dem gestürzten Moscheen-Erbauer zu Hilfe kommen. Die Lösung des heiklen Problems war orientalisch einfach: Menderes mußte sterben - der erste Regierungschef eines Nato-Staates, der am Galgen endete. Die Offiziellen der westlichen Welt, über jeden politischen Mord in Ungarn oder auf Kuba entrüstet, nahmen von der Exekution ihres einstigen Alliierten ungleich gelassener Kenntnis.
Über die Türkei aber senkt sich ein Schleier des Aberglaubens: Der große Befreier Menderes, so flüstern sich die Bauern Anatoliens zu, sei gar nicht tot, sondern reite nächtens auf einem Schimmel durch die Lande, begierig, die Treue seiner Anhänger auf die Probe zu stellen.
DER SPIEGEL 40/1961 - ADNAN MENDERS 1899 - 17. September 1961
Eine Frage besonders an die Türken (die anderen können aber auch):
Findet ihr, dass die beiden vergleichbar sind? Begründet eure Antwort bitte.
