Am 18. Oktober 1912 erließ König Peter von Serbien sein Manifest "An das serbische Volk", in dem er u. a. sagt:
"Die türkischen Regierungen haben auch gegenüber ihren Staatsbürgern Unverständnis für ihre Pflichten bewiesen und waren für alle Beschwerden und Vorstellungen taub. Es kam so weit, daß mit der Lage in der europäischen Türkei niemand mehr zufrieden war. Sie wurde den Serben, den Griechen und auch den Albanern unerträglich."
"Ich habe deshalb in Gottes Namen meiner tapferen Armee befohlen, in den heiligen Kampf für die Freiheit unserer Brüder und für ein besseres Leben zu ziehen."
"Meine Armee wird in Altserbien nebst den christlichen auch mohammedanische Serben antreffen, die uns ebenso teuer sind, und neben ihnen auch christliche und mohammedanische Albaner, mit denen unser Volk seit dreizehnhundert Jahren stets Freud und Leid teilt. Wir bringen ihnen allen Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit."
Seit diesem feierlichen Manifest ist noch kein halbes Jahr verflossen, und wie haben die Serben das Wort ihres Königs eingelöst?
Tausende und Abertausende ermordete und zu Tode gequälte Männer, Frauen, Greise und Kinder, verbrannte und geplünderte Dörfer, geschändete Frauen und Mädchen, ein verwüstetes, geplündertes, im Blute schwimmendes und geschändetes Land geben Antwort auf diese Frage.
Nicht als Befreier, als Mörder der Albaner sind die Serben nach Albanien gekommen. Auf der Londoner Botschafterunion wurde die Anregung gegeben, die Grenzen Albaniens nach einer nationalen oder konfessionellen Statistik zu bestimmen, die eine Kommission an Ort und Stelle zu erheben hätte. Die Serben haben sich beeilt, diese Statistik mit Maschinengewehren, mit Flinten und Bajonetten zu präparieren. Sie haben Greuel verübt, die unbeschreiblich sind. Die Empörung und das Entsetzen über diese Missetaten werden übertroffen von dem Gefühl tiefer Bedrückung, daß solche schauderhafte Untaten in Europa, unfern großer Kulturzentren, im zwanzigsten Jahrhundert möglich sind. Und noch schwerer wird dieses Gefühl durch die Tatsache, daß, trotzdem Berichterstatter aller Nationen seit Monaten von diesem entsetzlichen Taten erzählen, trotzdem Pierre Loti seine flammende Anklage in die Welt geworfen hat, nichts geschieht, um diesem entsetzlichen Morden ein Ende zu bereiten.
Ein tapferes, charaktervolles Volk wird vor aller Welt gekreuzigt, und Europa, das christliche, das zivilisierte Europa, schweigt dazu!
Zehntausende wehrlose Menschen werden niedergemetzelt, Frauen werden geschändet, Greise und Kinder erwürgt, hunderte Dörfer niedergebrannt, Priester abgeschlachtet.
Und Europa schweigt!
Serbien und Montenegro sind ausgezogen, um fremdes Land zu erobern. Aber auf dem Land sitzt ein freiheitsliebendes, tapferes Volk, dessen Nacken trotz jahrhundertelanger Knechtschaft sich noch nicht gewöhnt hat, fremdes Joch zu tragen. So ist ganz offen die Lösung ausgegeben worden: Die Albaner müssen ausgerottet werden!
Eine verwilderte, entmenschte Soldateska hat diese Lösung in der fürchterlichsten Weise zur Wahrheit gemacht.
Ungezählte Dörfer werden dem Erdboden gleichgemacht, zahllose Menschen in tierischer Grausamkeit niedergemetzelt. Wo der Fleiß von Generationen den armen Albanern eine bescheidenen Heimat schuf, liegen rauchende Trümmerhaufen; ein ganzes Volk blutet am Kreuz - und Europa schweigt!