Das grosse Reinemachen in Serbien
Von Enver Robelli, Belgrad. Aktualisiert am 15.03.2009
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Serbien verschärft den Kampf gegen die organisierte Kriminalität und wird zu einer Art Vorbild für die Region.
Zigarettenschmuggel als lukrative Einnahmequelle von Serbiens Tabakmafia.
Bild: Keystone
In Haft oder im Exil: Prominente des Milosevic-Regimes
Milorad Ulemek, genannt Legija: Der 1965 in Belgrad geborene Serbe hat eine langjährige Verbrecherkarriere hinter sich: Schon als jugendlicher Räuber geriet er in Konflikt mit der Polizei und flüchtete ins Ausland. Er war Mitglied der französischen Fremdenlegion. Anfang der 90er-Jahre schloss er sich den serbischen paramilitärischen Einheiten an, die für Massenmorde und Plünderungen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina verantwortlich gemacht werden. Legija war Befehlshaber einer Spezialeinheit, die als Prätorianergarde von Slobodan Milosevic galt und mutmasslich hinter Auftragsmorden an politischen Gegnern stand. Legija gilt als Drahtzieher des Mordes am prowestlichen Politiker Zoran Djindjic. Derzeit verbüsst er eine 40-jährige Gefängnisstrafe. Der am schärfsten bewachte Häftling Serbiens versuchte Mitte Februar aus dem Gefängnis zu fliehen.
Marko Milosevic: Der Sohn des ehemaligen Präsidenten Slobodan Milosevic wird per Haftbefehl gesucht. Die Justiz wirft ihm vor, von 1996 bis 2001 umgerechnet mehrere Millionen Franken mit Zigarettenschmuggel verdient zu haben. Nach dem Sturz seines Vaters flüchtete Marko Milosevic erst nach Kasachstan und lebt heute im Moskauer Exil.
Mirjana Markovic: Die Witwe Milosevics wird des Zigarettenschmuggels bezichtigt. Sie lebt seit 2003 in Moskau und schreibt Kolumnen für eine serbische Tageszeitung. In der seriösen serbischen Presse wurde sie auch in Verbindung gebracht mit Mordanschlägen auf Oppositionspolitiker.
Mihajl Kertes, ehemaliger Zollchef: Der 1947 in der Provinz Vojvodina geborene Kertes war der prominenteste Ungar in Milosevics Kabinett. Als Zollchef soll er in den 90er-Jahren den Schmuggel mit lukrativen Gütern während der Uno-Sanktionen gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien organisiert und kontrolliert haben. Im September 2007 wurde er zu einer zweieinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt wegen seiner Beteiligung an einem Attentatsversuch gegen mehrere Oppositionspolitiker. Kertes wird beschuldigt, umgerechnet über 100 Millionen Franken in Banken auf Zypern versteckt zu haben. Zudem unterhielt er laut Ermittlern Verbindungen zur sogenannten Zigarettenmafia. (enr)
In Serbien hatte in den letzten Jahren jeder Wirtschaftszweig und jedes Staatsunternehmen seine eigene Mafia. Es gab eine Autobahnmafia, welche Gebühren abzweigte. Die Zollmafia liess sich bestechen und begünstigte den Schmuggel mit allerlei Waren. Eine Tabakmafia profitierte vom illegalen Handel mit Zigaretten. Die Zusammenarbeit mit kriminellen Organisationen in anderen Staaten der Region war eng – in der Unterwelt des Balkans gilt immer noch die Parole von der Brüderlichkeit und Einheit. Als vor genau sechs Jahren der prowestliche Ministerpräsident Zoran Djindjic einer halbstaatlichen Bande zum Opfer fiel, wurde rasch bekannt, dass der Drahtzieher des Mordes neben dem serbischen auch einen kroatischen Reisepass besass.
Spektakuläre Polizeiaktionen
Laut offiziellen Angaben sind in Serbien etwa 200 organisierte Verbrechergruppen aktiv. Doch der Einfluss von mächtigen Unterweltpaten und korrupten Staatsbeamten schwindet. Die weltweite Finanzkrise und die Angst vor einer Blockade der EU-Integration wegen der mangelnden Zusammenarbeit mit dem Uno-Kriegsverbrechertribunal haben die serbische Regierung in den letzten Wochen gezwungen, den Kampf gegen die organisierte Kriminalität zu verschärfen. Bei spektakulären Polizeiaktionen wurden in ganz Serbien fünf Banden zerschlagen und mehrere Dutzend Personen festgenommen. Jüngstes Beispiel ist die Verhaftung von 18 Polizisten und 17 weiteren Personen, die verdächtigt werden, im Grenzgebiet zu Kosovo illegal mit Öl, Alkohol und anderen zollpflichtigen Waren gehandelt zu haben.
Zuvor hatte die Polizei fast 40 Personen verhaftet, unter ihnen auch 8 Beamte des Verteidigungsministeriums. Sie sollen bei der Vergabe von Dienstwohnungen jene Armeeangehörigen bevorzugt haben, die bereit waren, hohe Bestechungsgelder zu zahlen. In Haft befinden sich auch 2 Ärzte des Belgrader Militärkrankenhauses, die fingierte Atteste ausgestellt und so die Erschleichung von Invalidenrenten ermöglicht haben sollen. Der finanzielle Schaden beträgt laut Behördenangaben mehrere Hundert Millionen Dinar.
Im Februar gelang der Polizei ein grosser Schlag gegen eine Bande von Geldfälschern. Sie sollen seit zwei Jahren «mehrere Hunderttausend» 100-Euro-Blüten in Serbien und in der EU in Umlauf gebracht haben. Gemäss einem Bericht der Nationalbank in Belgrad wurden bisher zwei Millionen Euro Falschgeld beschlagnahmt, weitere acht Millionen zirkulieren offenbar in westlichen EU-Ländern. Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen.
Im Unterschied zu den 90er-Jahren, als Verbrecher aus allen Teilen des zerfallenden Jugoslawien durch Raub und Schmuggel reich wurden, versuchen die Unterweltkönige nun, ihr illegal erworbenes Eigentum zu legalisieren. Einigen ist das bereits gelungen, weil sie rechtzeitig vor dem Sturz des Regimes von Slobodan Milosevic (siehe Kasten) die Fronten wechselten und sich auf die Seite der demokratischen Opposition schlugen. Doch inzwischen hat sich die Arbeit der Ermittlungsbehörden verbessert. Das Sondergericht gegen das organisierte Verbrechen in Belgrad hat seit 2003 insgesamt 50 Urteile gegen kriminelle Organisationen gefällt. Derzeit laufen vor diesem Gericht mehr als 60 Verfahren.
Lob für Innenminister Dacic
Serbiens Staatschef Boris Tadic sagte kürzlich bei einer Sicherheitskonferenz in Belgrad, sein Land werde den Kampf gegen das organisierte Verbrechen entschlossen weiterführen und appellierte an die anwesenden Innenminister südosteuropäischer Länder, die Zusammenarbeit zu verstärken. Als Vorbild für die ganze Region gilt die Kooperation zwischen der serbischen und der kroatischen Polizei. Der Austausch von Informationen führte im letzten Herbst zur Festnahme von zehn Personen verschiedener Nationalität, die hinter dem Mord am kroatischen Verleger Ivo Pukanic stehen sollen.
Die serbische Öffentlichkeit lobt indes die Arbeit von Innenminister Ivica Dacic. Dacic war in den 90er-Jahren ein führendes Mitglied der Sozialistischen Partei und ein enger Vertrauter des verstorbenen Autokraten Slobodan Milosevic. Seit den letzten Wahlen im Mai 2008 gehören die Sozialisten der als prowestlich eingestuften Regierung an, die von der Demokratischen Partei von Präsident Boris Tadic angeführt wird. Dacic will heute als Chef der Sozialisten auch Jugendliche ansprechen. Denn die alte Garde stirbt allmählich aus.
http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Das-grosse-Reinemachen-in-Serbien/story/13479860