Ist nicht von mir, aber passt hier her
„Ich bin ja kein Experte, aber …“
Kennst du den Satz? Kommt immer ganz ruhig, ganz bescheiden daher. Und danach folgt garantiert keine Bescheidenheit. Sondern die felsenfeste, absolute Wahrheit über Impfstoffe, Klima, Zinsen oder Migration. Kein Vielleicht. Keine Quelle. Nur: „So ist es.“
Der Satz verspricht Zurückhaltung. Er liefert das genaue Gegenteil.
Und das ist kein Zufall, sondern Taktik. Linguisten nennen so einen Disclaimer einen „Hedge“ – eine Rückversicherung. Man nimmt sich selbst vorher aus der Verantwortung, damit man danach umso lauter behaupten kann, was man will. Kein Faktencheck kann einen mehr treffen: „Ich hab doch nie gesagt, dass ich Experte bin.“ Nur hat man sich exakt so aufgeführt.
US-Senator Marco Rubio hat's 2012 perfekt vorgeführt. Gefragt, wie alt die Erde sei: „I'm not a scientist, man.“ Und schon Jahre vorher, zur Klimafrage: nicht qualifiziert, das zu beurteilen – während der Weltklimarat längst Klartext gesprochen hatte. Bei uns lief während Corona dieselbe Nummer unter dem Titel „Ich bin ja kein Virologe, aber …“ – gefolgt von Immunsystem-Weisheiten, die echte Virologen zur Verzweiflung brachten. Eine Forschungseinrichtung hat das treffend eine „Pandemie der falschen Experten“ genannt.
Und bevor jetzt reflexhaft „Dunning-Kruger-Effekt!“ in die Kommentare fliegt: Eine brandneue Studie aus Bath und London (Juli 2026) stellt genau diesen Klassiker infrage. Ergebnis: Überschätzung ist offenbar ein zutiefst menschliches Phänomen – und trifft nicht nur die Ahnungslosen, sondern mindestens genauso die, die eigentlich was können.
Bescheiden ist der Satz „ich bin ja kein Experte“ nur, wenn danach wirklich Schweigen kommt. Oder eine Frage. Alles andere ist keine Bescheidenheit. Das ist eine Behauptung mit eingebauter Rückversicherung.
Wer hat den Satz zuletzt bei euch am Stammtisch gehört – und was kam danach?