K
Kingovic
Guest
Vor kurzem nahm in Sarajevo der Fernsehsender al-Jazira Balkan seinen Betrieb auf. Er mischt die abgeschottete Medienszene im ehemaligen Jugoslawien auf.
Andreas Ernst
Für die Medienlandschaft im ehemaligen Jugoslawien ist der Auftritt des arabischen Senders al-Jazira Balkan (AJB) ein wichtiges Ereignis. Erstmals seit dem Zerfall des gemeinsamen Staates deckt ein Nachrichtenkanal ein Gebiet ab, in dem die Berichterstattung stark von staatlichen und ethnischen Grenzen geprägt ist. Der neue Sender verwendet die namenlose Sprache, die dort alle verstehen. Sie heisst nun Bosnisch, Kroatisch, Serbisch oder pragmatisch «unsere Sprache».
Neben dem Studio in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo hat der Sender Aussenposten in Belgrad, Zagreb und Skopje. Etwa 130 Mitarbeiter sind für die Produktion der Sendungen verantwortlich. Das Team besteht aus erfahrenen Journalisten und Anfängern – und natürlich aus Vertretern aller Volksgruppen.
Über Satelliten und Kabelnetze erreicht der Sender ein Einzugsgebiet mit 20 Millionen Personen. Dass Sarajevo als Standort gewählt wurde, sei ein «technischer Zufall», sagt Programmdirektor Goran Milic. Vielleicht nicht ganz: Denn der Initiator des Projekts, Edhem Foco, ist ein frommer muslimischer, bosnjakischer Geschäftsmann, der freundschaftliche Beziehungen mit Vertretern der Fernsehzentrale im Golfstaat Katar pflegt. Al-Jazira, der Staatssender des Emirs von Katar, hat sich einen Namen durch die Berichterstattung über den Afghanistankrieg und die arabischen Aufstände gemacht.
Die Erfolgschancen von AJB stehen gut. Dessen regionale Ausrichtung entspricht einer Entwicklung, welche die dortigen Gesellschaften seit einigen Jahren erfasst hat. Sie wachsen teilweise zusammen. Was dabei entstanden ist, nennen manche die «Jugosphäre». Vor allem wirtschaftlich und kulturell durchdringen sich die Gesellschaften immer stärker. Unbehindert von sprachlichen oder kulturellen Barrieren werden Güter getauscht, Investitionen im Nachbarland getätigt oder Filme und Ausstellungen gemeinsam produziert.
Die Politik hinkt diesem Prozess nach. Zwar haben sich die Beziehungen zwischen Belgrad und Zagreb markant verbessert, aber die Probleme der Staatlichkeit von Bosnien und von Kosovo behindern die regionale politische Kooperation. Gleichwohl wächst das Bedürfnis nach qualitativ hochstehender Information über die Nachbarschaft.
Hier stösst AJB in eine Marktlücke. Denn sowohl in den öffentlichen als auch in den privaten Sendern richtet sich die Berichterstattung stark auf nationale Institutionen aus. Und dies oft auf eintönige Art, indem etwa eine Pressekonferenz nach der andern abgefilmt wird. AJB hingegen setzt viel stärker auf journalistische Eigenleistung, wie eine aktuelle Stichprobe zeigt: So sendete man eine Analyse der Probleme des öffentlichen Verkehrs in Zagreb, Belgrad und Sarajevo; einen Bericht über Ursachen und Folgen des verbreiteten Waffenbesitzes in der Region und eine Reportage über die Blüte der Filmproduktion in den ex-jugoslawischen Ländern.
Die Unabhängigkeit von lokalen Politik- und Wirtschaftsinteressen ist der zweite Trumpf von AJB. Viele Medien auf dem Westbalkan sind auf Gedeih und Verderb mit staatlichen Stellen oder reichen Unternehmern verbunden. Wer sich mit den Regierenden anlegt, wie etwa der Fernsehsender A1 in Skopje, riskiert, ins Visier einer politisch beeinflussten Justiz zu geraten. Im Fall von A1 führte dies zur Schliessung des Senders wegen Steuerhinterziehung.
Gegen staatliche Pressionen oder finanzielle Lockungen von Tycoons dürfte AJB immun sein. Programmdirektor Milic verspricht eine unabhängige Berichterstattung, die konsequent die «verschiedenen Seiten» eines Problems darstellen soll.
In einer Diskussionssendung über die umstrittene Zukunft des bosnischen Staats wurde dieser Anspruch von der Moderatorin mühelos erfüllt. Mag sein, wenden Skeptiker ein: Vom Emir in Katar sei AJB aber nicht unabhängig. Befürchtet wird islamistische Propaganda. Doch dafür gibt es bis anhin keinerlei Anzeichen. Eine solche Schlagseite wäre dem Geschäft gewiss abträglich. Denn mindestens 75 Prozent der potenziellen Zuschauer sind Nichtmuslime. Und wenn AJB, wie sein Initiator Edhem Foco in einem Interview sagte, auch ein Sprungbrett nach Westeuropa sein will, dann wird man sich hüten, daraus ein Instrument des politischen Islam zu machen. Für die Region Ex-Jugoslawiens stellt der Sender vor allem eine grosse Chance dar.
Ein Emir sprengt die Barrieren im Balkan (Kultur, Medien, NZZ Online)
Hihi
Andreas Ernst
Für die Medienlandschaft im ehemaligen Jugoslawien ist der Auftritt des arabischen Senders al-Jazira Balkan (AJB) ein wichtiges Ereignis. Erstmals seit dem Zerfall des gemeinsamen Staates deckt ein Nachrichtenkanal ein Gebiet ab, in dem die Berichterstattung stark von staatlichen und ethnischen Grenzen geprägt ist. Der neue Sender verwendet die namenlose Sprache, die dort alle verstehen. Sie heisst nun Bosnisch, Kroatisch, Serbisch oder pragmatisch «unsere Sprache».
Neben dem Studio in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo hat der Sender Aussenposten in Belgrad, Zagreb und Skopje. Etwa 130 Mitarbeiter sind für die Produktion der Sendungen verantwortlich. Das Team besteht aus erfahrenen Journalisten und Anfängern – und natürlich aus Vertretern aller Volksgruppen.
Über Satelliten und Kabelnetze erreicht der Sender ein Einzugsgebiet mit 20 Millionen Personen. Dass Sarajevo als Standort gewählt wurde, sei ein «technischer Zufall», sagt Programmdirektor Goran Milic. Vielleicht nicht ganz: Denn der Initiator des Projekts, Edhem Foco, ist ein frommer muslimischer, bosnjakischer Geschäftsmann, der freundschaftliche Beziehungen mit Vertretern der Fernsehzentrale im Golfstaat Katar pflegt. Al-Jazira, der Staatssender des Emirs von Katar, hat sich einen Namen durch die Berichterstattung über den Afghanistankrieg und die arabischen Aufstände gemacht.
Die Erfolgschancen von AJB stehen gut. Dessen regionale Ausrichtung entspricht einer Entwicklung, welche die dortigen Gesellschaften seit einigen Jahren erfasst hat. Sie wachsen teilweise zusammen. Was dabei entstanden ist, nennen manche die «Jugosphäre». Vor allem wirtschaftlich und kulturell durchdringen sich die Gesellschaften immer stärker. Unbehindert von sprachlichen oder kulturellen Barrieren werden Güter getauscht, Investitionen im Nachbarland getätigt oder Filme und Ausstellungen gemeinsam produziert.
Die Politik hinkt diesem Prozess nach. Zwar haben sich die Beziehungen zwischen Belgrad und Zagreb markant verbessert, aber die Probleme der Staatlichkeit von Bosnien und von Kosovo behindern die regionale politische Kooperation. Gleichwohl wächst das Bedürfnis nach qualitativ hochstehender Information über die Nachbarschaft.
Hier stösst AJB in eine Marktlücke. Denn sowohl in den öffentlichen als auch in den privaten Sendern richtet sich die Berichterstattung stark auf nationale Institutionen aus. Und dies oft auf eintönige Art, indem etwa eine Pressekonferenz nach der andern abgefilmt wird. AJB hingegen setzt viel stärker auf journalistische Eigenleistung, wie eine aktuelle Stichprobe zeigt: So sendete man eine Analyse der Probleme des öffentlichen Verkehrs in Zagreb, Belgrad und Sarajevo; einen Bericht über Ursachen und Folgen des verbreiteten Waffenbesitzes in der Region und eine Reportage über die Blüte der Filmproduktion in den ex-jugoslawischen Ländern.
Die Unabhängigkeit von lokalen Politik- und Wirtschaftsinteressen ist der zweite Trumpf von AJB. Viele Medien auf dem Westbalkan sind auf Gedeih und Verderb mit staatlichen Stellen oder reichen Unternehmern verbunden. Wer sich mit den Regierenden anlegt, wie etwa der Fernsehsender A1 in Skopje, riskiert, ins Visier einer politisch beeinflussten Justiz zu geraten. Im Fall von A1 führte dies zur Schliessung des Senders wegen Steuerhinterziehung.
Gegen staatliche Pressionen oder finanzielle Lockungen von Tycoons dürfte AJB immun sein. Programmdirektor Milic verspricht eine unabhängige Berichterstattung, die konsequent die «verschiedenen Seiten» eines Problems darstellen soll.
In einer Diskussionssendung über die umstrittene Zukunft des bosnischen Staats wurde dieser Anspruch von der Moderatorin mühelos erfüllt. Mag sein, wenden Skeptiker ein: Vom Emir in Katar sei AJB aber nicht unabhängig. Befürchtet wird islamistische Propaganda. Doch dafür gibt es bis anhin keinerlei Anzeichen. Eine solche Schlagseite wäre dem Geschäft gewiss abträglich. Denn mindestens 75 Prozent der potenziellen Zuschauer sind Nichtmuslime. Und wenn AJB, wie sein Initiator Edhem Foco in einem Interview sagte, auch ein Sprungbrett nach Westeuropa sein will, dann wird man sich hüten, daraus ein Instrument des politischen Islam zu machen. Für die Region Ex-Jugoslawiens stellt der Sender vor allem eine grosse Chance dar.
Ein Emir sprengt die Barrieren im Balkan (Kultur, Medien, NZZ Online)
Hihi