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Es gibt viele Ersatzgötter

Marcin

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„Es gibt viele Ersatzgötter“

Von unserem Redaktionsmitglied Uwe Rauschelbach

Der Katholikentag in Mannheim geht auch am Nationaltheater nicht spurlos vorüber. Die Utopiestation des Nationaltheaters befasst sich am Dienstag, 15. Mai, 19.30 Uhr, mit der Rolle der Religion in unserer Gesellschaft. Behandelt werden Folgen des religiösen Fundamentalismus und der Spannung zwischen religiösen und säkularen Kräften. Unter den Diskussionsteilnehmern sitzt auch der Publizist und Islamkritiker Hamed Abdel-Samad.

Herr Abdel-Samad, Sie werden meist als Islamkritiker in Anspruch genommen. Passt Ihnen dieses Etikett überhaupt?

Hamed Abdel-Samad: Ich lebe nicht für und von der Islamkritik. Aber ich bin dem Islam und Religionen insgesamt sehr kritisch gegenüber eingestellt. Vor allem dann, wenn Religionen ihre Ansprüche im öffentlichen Raum geltend machen.

Was ist daran problematisch? Politiker oder Künstler tun das doch auch.

Abdel-Samad: Politiker oder Künstler vertreten Meinungen, für die sie keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen. Religionen verkünden vorgefertigte Wahrheiten und erwarten, dass sie akzeptiert werden. Meinungen sind aber diskutabel. Man kann sie annehmen oder zurückweisen. Im Absolutismus der Religionen liegt ein gewisses Gefahrenpotenzial. Das ist mit politischen Ideologien, die ebenso absolutistisch auftreten, nicht anders.

Liegt der Unterschied zwischen dem Islam und anderen Ideologien oder Religionen in der Bereitschaft zu Gewalt?

Abdel-Samad: Viele Ideologien wenden Gewalt an, ob Rechts- oder Linksradikalismus. Was mich am Islam aber am meisten stört, ist sein Anspruch, islamische Vorschriften teilweise über die bestehenden staatlichen Gesetze zu stellen. In der modernen Welt kommen Gesetze durch Verhandlungen und den Ausgleich von Interessen zustande. Im Islam kommen die Gesetze vertikal von Gott und werden nicht zur Debatte gestellt.

Gehört der Islam zu Deutschland?

Abdel-Samad: Es ist nicht die Aufgabe eines Politikers, eine Religion ein- oder auszubürgern, wie es der frühere Bundespräsident Christian Wulff getan hat. Ähnlich verhält sich heute auch Innenminister Hans-Peter Friedrich. Der Staat sollte vielmehr die gleiche Distanz zu allen Religionen einnehmen. Ideal wäre es deshalb, wenn die christlichen Kirchen ihre vom Staat verliehenen Privilegien zurückgeben. Stattdessen werden den Vertretern des Islam mehr Rechte und Einfluss zugebilligt, um ihn mit der christlichen Religion gleichzustellen.

Integrationsbemühungen also, die in die falsche Richtung zielen?

Abdel-Samad: Ja. Ein Schützen- oder ein Dackelverein bekommt doch auch keine besonderen Privilegien. Die Religionen fordern aber Respekt und Anerkennung ein. Anerkennung und Respekt muss man sich jedoch erarbeiten, das kann man nicht einfordern.

Benötigt der Islam eine Aufklärung, beispielsweise durch einen reformierten Koran?

Abdel-Samad: Ich halte nicht viel von der Idee, dass man durch Koran-Exegesen für mehr Aufklärung sorgen könnte. Im Koran gibt es so viele Passagen, die in einer aufgeklärten Welt nichts zu suchen haben. Stattdessen sollte man den gesunden Menschenverstand einsetzen, zumindest im politischen und öffentlichen Diskurs. Das bedeutet nicht die Entmachtung der Religion und die Vernichtung des Glaubens. Aber wer bestimmte Ansprüche vertritt, muss das rational begründen und auch Widerspruch zulassen.

Islamvertreter behaupten, die westliche Kultur sei halt- und substanzlos und brauche mehr Religion. Haben sie recht?

Abdel-Samad: Nein. Ich kenne drei Länder, in denen die Religion gut verankert ist, und da will kein Mensch leben: Afghanistan, Iran und Saudi-Arabien. Was Menschen angeblich brauchen, um ein gutes Leben zu führen, muss verhandelt werden. Das fällt nicht einfach vom Himmel. Es gibt keine kollektive Lösung.

Leben Sie als Islamkritiker eigentlich nicht mit einem gewissen Sicherheitsrisiko?

Abdel-Samad: Ich stand vor einiger Zeit für fünf Monate unter Polizeischutz. Aber gerade in dieser Zeit wurde mir bewusst, dass ich nicht schweigen darf. Es bedeutet mir sehr viel, dass ich meine Meinung äußern kann. Das Sicherheitsrisiko gehe ich gerne ein.

Was haben Sie aus der gemeinsamen "Deutschland-Safari" mit Henryk M. Broder gelernt?

Abdel-Samad: Auch jenseits der Religion neigen Menschen zu absolutistischen Ideologien. Dabei kann es auch um gute Sachen gehen, wie beim Umweltschutz. Das kann zur Pseudoreligion werden, mit Propheten und missionarischen Aktionen. Seitdem die Menschen nicht mehr an Gott glauben, haben sie sich viele Ersatzgötter geschaffen. Das ist oft lustig und hat uns viele Vorlagen geliefert, die wir dankend angenommen haben.

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 09.05.2012
 
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