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Oliver Jens Schmitt’s kurze Geschichte über den Kosovo Geschrieben von: Selim Kelmendi Sonntag, 26. Juli 2009 um 15:13 Uhr Kosovo - Kurze Geschichte einer zentralbalkanischen Landschaft heisst das neue Buch des Schweizer Historikers, Oliver Jens Schmitt.

In diesem Buch ist es Schmitt auf eindrucksvolle Art und Weise gelungen, die Komplexität der Geschichte des Kosovo und seiner Bewohner darzustellen.

Für Schmitt gibt es nicht einfach nur "den Albaner", so wie wir ihn kennen oder besser gesagt, zu kennen glauben. Er unterscheidet nicht einfach nur zwischen katholischen, orthodoxen und muslimischen Albanern, er differenziert zusätzlich zwischen Albanern aus den Hochlandschaften, die sich den Sitten und den Gesetzen des osmanischen Reiches völlig entzogen haben und weiter nach ihrer eigenen, patriarchalischen Gesetzgebung des Kanuns lebten und etwa den Albanern aus Prizren, die er als sogenannte "Turk-Albaner" bezeichnet, weil sie die Lebensgewohnheiten der muslimischen Osmanen völlig angenommen haben. Weitere Definitionen sind für Schmitt auch die sogenannten "Proto-Albaner", also die autochthonen Albaner. Von diesen kann man allerdings nicht einfach auf das heutige albanische Volk des Kosovo schliessen.

Ähnlich geht Schmitt auch mit den Serben um, die für ihn keineswegs ein homogenes, orthodoxes Volk darstellen. Auch unter den Serben gab es während des osmanischen Reiches Konvertierungen zum Islam. Weiter gab es unter den Serben aus Belgrad und den sogenannten "Kosovo-Serben" auch während und gegen Ende des osmanischen Reiches nicht immer eine politische Gleichschaltung. Schliesslich kann man das slawische Volk im Kosovo laut Schmitt nicht einfach als Serbisch bezeichnen.

Schmitt’s Kosovo-Geschichte fängt nicht mit der serbischen Herrschaft an

Schmitt stellt in seinem Buch fest, dass der Kosovo im Laufe der letzten beiden Jahrtausende Teil dreier grosser Reiche war (Rom, Byzanz, und osmanisches Reich). Da die Herrschaft der serbischen Krone im Kosovo verhältnismässig kurz andauerte, zählt Schmitt diese nicht zu den imperialen Machtbildungen hinzu.

Dardanien, eine römische Provinz, dessen Bewohner sich aus illyrischen Stämmen - vor allem der Dardaner - zusammensetzten und das Gebiet des Kosovo umfassten, endete im 6./7. Jahrhundert mit dem Vordringen slawischer Gruppen.

Wer in Schmitts Buch mehr über Dardanien, dem Ende des römischen Reiches (600) und der Eingliederung des Kosovo in das byzantische Reich (1018) erfahren möchte, wird enttäuscht sein. Zugegebenermassen muss man in diesem Zusammenhang erwähnen, dass diese geschichtliche Periode mangels Quellenangaben kaum fassbar ist und nachwievor einer gründlichen, geschichtlichen Aufarbeitung bedarf.

Die Herrschaft des Kosovo unter dem Bulgarischen Reich (9. Jahrhundert) war laut Schmitt oberflächlich. Es war kein slawisches Reich, sondern wurde von einer "heidnischen turksprachigen Oberschicht" oder den sogenannten Proto-Bulgaren, beherrscht, die sich erst im Laufe eines langen Prozesses zu einem slawischen Volk wandelten.

Dem byzantischen Reich (1018-1204) gelang es aufgrund der "demografischen und militärischen Möglichkeiten" den Kosovo nie vollständig zu unterwerfen.

Später gelangte der Kosovo unter unbestrittene 180 Jahre lange serbische Herrschaft. Dies sieht Schmitt jedoch lediglich als "Zwischenspiel zwischen der byzantinischen und der osmanischen Herrschaft" an.

Die Stellung der orthodoxen Kirche im osmanischen Reich

Aus der Schilderung über die Zeit des osmanischen Reichs im Kosovo sticht vor allem die Stellung der orthodoxen Kirchen stark hervor.

Schmitt stellt fest, dass die orthodoxe Kirche vom osmanischen Reich lange Zeit unterstützt wurde. Dies lag im osmanischen Interesse, denn so konnte sie gegen die katholischen Albaner aus den Hochlandschaften vorgehen. Erst um 1600 und um 1700 soll das osmanische Reich aufgrund militärischer Schwäche den Steuerdruck auf die orthodoxe Kirche erhöht haben.

Auf der anderen Seite fand die starke Konvertierung der albanischsprachigen Bewohner zum Islam aufgrund des Steuerdrucks und der Möglichkeit, über die Konvertierung zum Islam in höhere Positionen bei Militär und Verwaltung innerhalb des osmanischen Reiches zu gelangen, statt.

Die politische Raffinesse des osmanischen Reiches wird im späteren Verlauf des Buches deutlich, in dem Schmitt erklärt, dass das osmanische Reich katholische Albaner aus den Hochlandschaften für den Kampf gegen muslimische Albaner eingesetzt haben soll, die dem osmanischen Reich zu aufmüpfig wurden.

Differenzierung über die Sprache, nicht über die Religion

Anders als viele andere Historiker unterscheidet Schmitt nicht immer zwangsläufig zwischen Religionen und setzt diese mit den verschiedenen Ethnien gleich.

Schmitt stellt fest, dass genauso wie die muslimische Gemeinschaft, die südslawischsprachigen, albanischsprachigen und vlachische Orthodoxen eine Einheit bildeten.

Und wie erwähnt, sind für Schmitt die südslawischsprachigen Bewohner des Kosovo nicht einfach mit den Serben gleichzusetzen. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls interessant, dass Schmitt - anders als viele albanische Historiker - feststellt, dass die albanischen Bewohner des Kosovo früher nicht einfach zuerst katholisch waren und später zu Muslimen wurden, viel mehr waren die autochthonen, albanischsprachigen Bewohner des Kosovo christlich-orthodox.

Die Frage der Autochtonie der Bewohner des Kosovo

Auch wenn slawische Gruppen im 6.-7. Jahrhundert in das Gebiet des Kosovo vorgedrungen sind, so sei das christianisierte "serbische Volk" laut Schmitt erst im 9. Jahrhundert auf dem Balkan belegt. Weiter liegt der eigentliche Ursprung der serbischen Sprachgemeinschaft nicht im Kosovo, sondern im Gebiet des Sandzak von Novi Pazar (heute Serbien). Diese Erkenntnisse werden wohl auch im heutigen politischen Kontext eine wichtige Rolle spielen, wonach der Kosovo für viele serbische Politiker nachwievor "die historische und kulturelle Wiege des Serbentums" ist.

Die alteingessenen, altbalkanischen Bewohner dieser Gebiete wurden aufgrund des Slawisierungsprozesses dieser Gebiete - wovon auch die flächendeckende Schicht der Ortsnamen zeugt – von den Ebenen in die Hügellandschaft verdrängt. Auch wenn sich Teile dieser Bewohner weiter in den Ebenen niedergelassen haben, so haben sich die meisten Bewohner der Provinz Dardania - darunter die Vlachen und die Proto-Albaner – in die Hochlandschaft zurückgezogen. Während dieser Zeit scheinen diese Menschen ihren Ackerbauwortschatz völlig vergessen zu haben und stellten sich auf Viehzucht um. Dadurch lässt sich wohl auch erklären, dass die Albaner, als sie sich zu einem schwer bestimmten Zeitpunkt, aber bereits im 9. Jahrhundert wieder in die Ebenen niederliessen, die slawischen Bezeichnungen für den Ackerbau weitgehend übernommen haben sollen.

Die Bevölkerungsstruktur im Mittelalter

Laut Schmitt haben die Albaner im Mittelalter nicht die Bevölkerungsmehrheit dargestellt. Streitpunkt zwischen Schmitt und albanischen Historikern ist offenbar, welcher Ethnie man den Namen aus den Steuerregistern des osmanischen Reiches zuteilt. Albanische Historiker weisen zu Recht darauf hin, dass man auf slawische oder orthodoxe Namen nicht zwangsläufig auf eine slawische Ethnie schliessen muss. Schmitt ist da vorsichtiger, indem er sagt, dass man durch diese Praxis in die absurde Lage geriete, bei jedem Träger eines slawischen Namens einen Albaner zu vermuten. Die Wahrheit dürfte wohl in der Mitte liegen. Unabhängig davon, steht auch für Schmitt fest, dass die Albaner vor allem in der Dukagjinebene gelebt haben. Dies sei sogar in den serbischen Urkunden belegt, dort seien sie allerdings zusammen mit den Vlachen als Hirten erfasst worden. Die osmanischen Steuerregister belegen wiederum, dass Albaner nicht nur als Hirten, sondern auch als Bauern in der Dukagjinebene lebten. Ihre Präsenz verdünnte sich allerdings gegen Osten hin aus, so die Meinung von Schmitt.

Die These, wonach das osmanische Reich die Siedlungsausbreitung der Albaner erleichtert habe, zieht Schmitt jedoch in Zweifel, indem er erklärt, dass die Albaner unter Skanderbeg in den mittelalbanischen Bergen den Osmanen viel längeren und heftigeren Widerstand entgegengesetzt haben, als die serbischen Adeligen in den Ebenen.

Wer mehr über den Verlauf und das Ende des osmanischen Reiches, dem Kosovo in Serbien, den beiden Jugoslawien (1918-1999) bis hin zu der Nato-Intervention und der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo vergangen Jahres, erfahren möchte, kann das Buch bei Amazon bestellen


Oliver Jens Schmitt?s kurze Geschichte über den Kosovo
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