Die große Pommes-Krise – Warum Belgien auf Millionen Tonnen Kartoffeln sitzen bleibt
Belgien hat die Pommes zu einem nationalen Markenzeichen gemacht. Umso bitterer ist die Lage, die sich derzeit auf den Feldern des Landes abzeichnet. Bauern entsorgen Kartoffeln, weil sie niemand mehr kaufen will. Kris D’haeyere aus Hermalle-sous-Huy musste rund tausend Tonnen seiner Ernte zurück auf die Felder kippen. Die Knollen lagen monatelang in Lagerhallen, fanden selbst für wenige Euro pro Tonne keinen Abnehmer und begannen schließlich auszutreiben. Aus einer Ernte, die für rund 200 Millionen Pommes gereicht hätte, wurde ein Verlustgeschäft. Was zunächst wie das Problem einzelner Landwirte wirkt, hat längst europäische Ausmaße angenommen. Nach einer außergewöhnlich starken Ernte sitzt Europa auf einem Überschuss von rund fünf Millionen Tonnen Kartoffeln für die industrielle Pommes-Produktion. Die Preise brachen regelrecht zusammen. Vor drei Jahren wurden in Belgien noch fast 600 Euro für eine Tonne bezahlt. Inzwischen liegt der Marktpreis praktisch bei null. D’haeyere beziffert seinen eigenen Schaden auf rund 160.000 Euro. Für die kommende Saison reduziert er die Anbaufläche drastisch.
Auch in Deutschland wird die Überproduktion sichtbar. In Berlin wurden tausende Tonnen Kartoffeln kostenlos verteilt. Die Aktion wurde schnell als Kartoffel-Flut bekannt. Gleichzeitig geraten die wichtigsten Absatzmärkte unter Druck. Die amerikanischen Zölle haben europäische Pommes in den Vereinigten Staaten verteuert. Die Ausfuhren gingen zurück. Auch Saudi-Arabien bestellt weniger Ware als früher. Währenddessen drängen China und Indien mit immer größeren Mengen tiefgekühlter Pommes auf den Weltmarkt. Viele Restaurants achten angesichts steigender Kosten inzwischen stärker auf den Preis als auf die Herkunft. Zusätzliche Belastungen kommen von den Entwicklungen im Nahen Osten. Höhere Energiepreise verteuern Kühlung, Lagerung und Transport. Auch Düngemittel werden teurer, weil wichtige Lieferwege beeinträchtigt sind. Gleichzeitig macht sich die Inflation bemerkbar. Wer seltener ins Restaurant geht, bestellt auch weniger Pommes. Da ein erheblicher Teil des Verbrauchs außer Haus stattfindet, trifft diese Entwicklung die Branche unmittelbar.
Hinzu kommt ein Wandel beim Konsum. Medikamente wie Ozempic oder Wegovy verändern die Essgewohnheiten vieler Menschen. Der Appetit auf stark verarbeitete und frittierte Lebensmittel nimmt häufig ab. Die weltweite Nachfrage nach tiefgekühlten Pommes wächst zwar weiterhin, aber deutlich langsamer als noch vor wenigen Jahren. Für belgische Bauern stellt sich deshalb eine unangenehme Frage. Handelt es sich um eine vorübergehende Krise oder um den Beginn einer Entwicklung, die das Geschäft dauerhaft verändert? Während Jean-Pierre Van Puymbrouck weiterhin darauf hofft, seinen Hof eines Tages an seine Tochter übergeben zu können, blickt Kris D’haeyere deutlich skeptischer auf die Zukunft. Nach tausend Tonnen entsorgter Kartoffeln fällt sein Urteil knapp aus. Die guten Jahre, sagt er, könnten vorbei sein.
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