Zwischen Moskau und Washington – Xi sucht den alten Hebel zurück!
Als Xi Jinping am Montag in Pjöngjang aus dem Flugzeug stieg, ging es nicht um ein Protokollfoto und auch nicht um eine gewöhnliche Visite unter Nachbarn. Sieben Jahre lang war kein chinesischer Staatschef mehr nach Nordkorea gereist. Nun kommt Xi selbst – in einem Moment, in dem sich die Machtverhältnisse in Asien verschieben und China verhindern will, dass ihm sein schwierigster Verbündeter zu weit aus den Händen gleitet. Offiziell wurde kaum etwas angekündigt. Doch gerade das macht solche Reisen oft bedeutsam. Xi und Kim Jong Un treffen sich zum ersten Mal seit ihrem gemeinsamen Auftritt in Peking im vergangenen September, damals noch im Schatten Wladimir Putins und einer Militärparade. Heute ist die Lage eine andere. Nordkorea hat sich Russland angenähert, Waffen geliefert, Unterstützung erhalten und damit gezeigt, dass Pjöngjang nicht mehr ausschließlich von Peking abhängig sein will.
Für China ist das ein Problem. Jahrzehntelang war Nordkorea wirtschaftlich, politisch und diplomatisch an China gebunden. Peking blieb Rückversicherung, Handelsroute und Schutzmacht zugleich. Doch mit dem Krieg in der Ukraine und der engeren Verbindung zwischen Moskau und Pjöngjang entstand plötzlich Konkurrenz um Einfluss. Xi reist deshalb nicht nur als Partner, sondern auch als Erinnerung daran, wer in der Region lange die Regeln mitbestimmt hat. Die Reise fällt zudem in eine Phase intensiver Gespräche zwischen China und den Vereinigten Staaten. Nach mehreren Treffen mit Donald Trump und weiteren angekündigten Kontakten im Herbst entsteht ein zweites Spielfeld. Wer Einfluss auf Nordkorea hat, besitzt in Washington weiterhin einen Hebel. Die koreanische Halbinsel bleibt eines jener wenigen Themen, bei denen Peking politischen Wert anbieten kann, ohne militärisch direkt eingreifen zu müssen.
Für Kim Jong Un wiederum kommt Xi zur rechten Zeit. Nordkorea verfolgt seit Jahren ein Ziel, das sich kaum verändert hat. Man will nicht mehr als Staat behandelt werden, der irgendwann abrüsten soll, sondern als Atommacht, mit der über Begrenzung und Anerkennung verhandelt wird. Genau deshalb spricht Pjöngjang immer seltener über Abrüstung und immer häufiger über Stabilität, Sicherheit und neue Realitäten. China dürfte wirtschaftliche Zugeständnisse anbieten – mehr Handel, Hilfen, Tourismus und gemeinsame Projekte. Gleichzeitig könnte Xi vermeiden, öffentlich Druck auf Kim auszuüben. Das würde dem nordkoreanischen Kurs entgegenkommen, ohne dass China seine langfristige Position offiziell aufgeben müsste.
Auffällig ist dabei auch die Sprache. In Nordkoreas Staatsmedien wurde Xi als besonders geehrter Staatsgast gefeiert. Xi selbst sprach davon, gemeinsam gegen Hegemonie und Zwangspolitik vorzugehen und eine geordnetere multipolare Welt anzustreben. Hinter diesen Begriffen steht ein gemeinsames Ziel – die eigene Position stärken, ohne sich den Regeln Washingtons unterzuordnen. Die Reise zeigt damit mehr als nur eine alte Freundschaft. Sie zeigt, dass China verhindern will, in Nordkorea Zuschauer zu werden, während Russland und die Vereinigten Staaten ihre eigenen Linien ziehen. Und sie zeigt, dass Kim Jong Un weiter versucht, aus jedem Lager etwas zu gewinnen, ohne sich vollständig festzulegen.