TigerS
Kosovo-Thailänder
Tiefgefroren und kaum Hoffnung auf Fortschritt
Der Einsatz der Schweizer Armee in Kosovo verschiebt sich immer mehr vom relativ stabilen Süden in den Norden, wo der Konflikt zwischen Albanern und Serben für Unruhen sorgt. swissinfo.ch war mit der Swisscoy im tief verschneiten Land unterwegs.
"Solange hier Serben leben, solange verstehen wir uns als Teil Serbiens. Die Regierung in Pristina hat hier nichts verloren", sagt der Mann: "Aber es gibt keinen Hass. Die Albaner sagen ihren Kindern nicht, die Serben seien böse. Das gilt auch im umgekehrten Sinn." - Eine Generationenfrage also das Ganze? - "Nein, unsere Generation lebt ja noch!
Der Mann ist Serbe. Er hat eine leitende Funktion auf der Verwaltung des serbischen Teils der geteilten Stadt Mitrovica. Er trifft sich regelmässig mit einem Beobachtungs- und Verbindungsteam der Swisscoy zu informellen Gesprächen.
"Nein, das war lediglich ein Geplänkel zwischen zwei Nachbarn, das hat sich wieder gelegt", sagt er auf die Frage von Teamchef Daniel Oettli, ob in einem Stadtteil, in dem es wegen Problemen bei der Stromversorgung in den vergangenen Wochen wiederholt zu Scharmützeln gekommen ist, ethnische Spannungen zu befürchten seien.
Kaum noch Leben
Wir fahren im Jeep weiter in den albanischen Teil im Süden der Stadt, vorbei an zwei Strassensperren. Die erste ist unbewacht, die Sperre über den einzigen fahrzeugtauglichen Übergang über den Fluss Ibar, die Austerlitz- Brücke, ist beidseits bewacht, aber die Wachen haben nichts zu tun.
Die Ruhe hat auch mit dem hochwinterlichen Wetter zu tun. Kosovo liegt unter einer dicken Schneedecke. Es ist bitterkalt und es schneit unerbittlich weiter. Die wenigen Fahrzeuge, die überhaupt noch unterwegs sind, kämpfen – grösstenteils mit Sommerpneus - gegen die kaum gepfadeten, glitschigen und hoch gefährlichen Strassenverhältnisse. Die Schulen sind geschlossen, Fussgänger sind nur ganz wenige unterwegs.
Ethnischer und politischer Konflikt
"Die Lage ist ruhig, aber angespannt. Wenn jetzt ein Albaner einen Serben überfahren würde, könnte das umgehend Demonstrationen und Unruhen auslösen", sagt der Schweizer Oberst Adolf Conrad, der im Auftrag der Nato-Friedenstruppen(KFOR) für die Friedenssicherung in Kosovos Norden zuständig ist.
Seit im vergangenen Sommer kosovarische Zöllner die Kontrolle an der Grenze zu Serbien übernommen haben, revoltieren die Kosovo-Serben dagegen. Sie haben Strassensperren errichtet, einen Grenzposten angezündet und Umfahrungsstrassen gebaut. Das Territorium gehört offiziell zu Kosovo, aber dessen staatliche Institutionen haben keine Kontrolle darüber.
Vor wenigen Wochen haben serbische Heckenschützen einen kosovarischen Polizisten erschossen. Im Januar kam es verschiedentlich zu Schlägereien zwischen Kosovo-Serben und Soldaten der Nato-Truppen.
Die Schweizer, die Augen und Ohren
"Wenn die Situation eskaliert, ziehen wir uns zurück", sagt Conrad zur Rolle seiner Beobachtungs- und Verbindungsteams (LMT). Die Schweizer Soldaten und Offiziere haben die Aufgabe, den Puls der beiden Bevölkerungsgruppen zu messen. Conrad bezeichnet sie als die "Ohren und Augen" des KFOR-Kommandanten.
Konkret heisst das: Die drei Schweizer LMT gehen wie ihre Kollegen von den zwei slowenischen LMT regelmässig auf Patrouille, markieren so Präsenz und sprechen mit ihren Informanten der serbischen und albanischen Seite. Wie und ob die KFOR eingreift, entscheidet deren Kommandant in Pristina.
Dem Süden geht es kaum besser
Szenenwechsel. Malisheva im Süden war und ist eine Hochburg der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK. Die Bevölkerung ist weitgehend albanisch. Die Region gilt als politisch stabil. Das Militärcamp im nahen Suva Reka, in dem seit 1999 auch die Soldaten der Swisscoy untergebracht sind, wird im Sommer 2012 aufgehoben und zurück gebaut.
Armut, Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven gehören zum Alltag. Der Abfall landet auf Feldern oder in zerbombten Roma-Siedlungen. Die Abwasser fliessen ungereinigt ab. Die Hygiene und die medizinische Ausrüstung in den Spitälern sind miserabel. Zwei Mal täglich fällt der Strom aus.
Jetzt, da die notdürftig verlegten Stromleitungen teilweise dem Schnee nicht standhalten, fällt er in einzelnen Quartieren auch gänzlich aus. Wirtschafts-Wachstum ist keines in Sicht.
Feuerwehr und Wiederverwertung
Die LMT Teams sind in Häusern untergebracht. Eines der beiden Swisscoy-Häuser steht im Zentrum von Malisheva. Der Hauseingang führt in einen Empfangsraum. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Gegend kennen das Haus und kommen vorbei, wenn sie ein Anliegen haben. Meistens seien das Probleme mit dem Wasser, der Stromversorgung oder andere Alltagsprobleme, sagt Teamleiter Marcel Kuoni.
Als im vergangenen Sommer in der Gegend ein Waldbrand wütete und die lokale Feuerwehr ausserstande war, ihn zu löschen, verständigten die Schweizer die KFOR. Diese schickte Helikopter, die den Brand löschten.
Seit einiger Zeit trennt die Wohngemeinschaft der Soldaten den Abfall. Ein Nachbar holt ihn ab und führt die geeigneten Materialien der Wiederverwertung zu. "Das verschafft ihm immerhin etwas Geld", sagt Kuoni.
Das "Schloss" inmitten der Misere
Diesen kleinen Erfolgen stehen auch Misserfolge gegenüber. So hat Norwegen vor einigen Jahren den Bau einer Gewerbeschule finanziert. Die Schule funktioniert, aber die Schulabgänger haben keine Chance, eine Lehrstelle zu finden.
Oberleutnant Augusto Rizzo erzählt von einem türkischen Investor, der in Malisheva den Bau einer grossen Recycling-Anlage geplant hatte. Einen kleinen Staudamm für das Kühlwasser und ein Bürogebäude hatte er bereits bauen lassen, als ihm der Gemeinderat beschied, er müsse, wenn er weiter bauen wolle, 10'000 Euro bezahlen. Der Investor zog von dannen. "Korruption ist hier weit verbreitet", sagt Oberleutnant Augusto Rizzo.
Wir fahren nacheinander an einer Grosssägerei und an einem vor einigen Jahren neu gebauten Restaurant vorbei, das aussieht wie ein mittelalterliches Schloss. Das "Schloss", vor dem eine amerikanische Stretch-Limousine parkiert ist und die Sägerei gehören Familienmitgliedern eines ehemaligen Mitglieds der Zentralregierung in Pristina.
#
Kosovo: Tiefgefroren und kaum Hoffnung auf Fortschritt - swissinfo
gruß
Der Einsatz der Schweizer Armee in Kosovo verschiebt sich immer mehr vom relativ stabilen Süden in den Norden, wo der Konflikt zwischen Albanern und Serben für Unruhen sorgt. swissinfo.ch war mit der Swisscoy im tief verschneiten Land unterwegs.
"Solange hier Serben leben, solange verstehen wir uns als Teil Serbiens. Die Regierung in Pristina hat hier nichts verloren", sagt der Mann: "Aber es gibt keinen Hass. Die Albaner sagen ihren Kindern nicht, die Serben seien böse. Das gilt auch im umgekehrten Sinn." - Eine Generationenfrage also das Ganze? - "Nein, unsere Generation lebt ja noch!
Der Mann ist Serbe. Er hat eine leitende Funktion auf der Verwaltung des serbischen Teils der geteilten Stadt Mitrovica. Er trifft sich regelmässig mit einem Beobachtungs- und Verbindungsteam der Swisscoy zu informellen Gesprächen.
"Nein, das war lediglich ein Geplänkel zwischen zwei Nachbarn, das hat sich wieder gelegt", sagt er auf die Frage von Teamchef Daniel Oettli, ob in einem Stadtteil, in dem es wegen Problemen bei der Stromversorgung in den vergangenen Wochen wiederholt zu Scharmützeln gekommen ist, ethnische Spannungen zu befürchten seien.
Kaum noch Leben
Wir fahren im Jeep weiter in den albanischen Teil im Süden der Stadt, vorbei an zwei Strassensperren. Die erste ist unbewacht, die Sperre über den einzigen fahrzeugtauglichen Übergang über den Fluss Ibar, die Austerlitz- Brücke, ist beidseits bewacht, aber die Wachen haben nichts zu tun.
Die Ruhe hat auch mit dem hochwinterlichen Wetter zu tun. Kosovo liegt unter einer dicken Schneedecke. Es ist bitterkalt und es schneit unerbittlich weiter. Die wenigen Fahrzeuge, die überhaupt noch unterwegs sind, kämpfen – grösstenteils mit Sommerpneus - gegen die kaum gepfadeten, glitschigen und hoch gefährlichen Strassenverhältnisse. Die Schulen sind geschlossen, Fussgänger sind nur ganz wenige unterwegs.
Ethnischer und politischer Konflikt
"Die Lage ist ruhig, aber angespannt. Wenn jetzt ein Albaner einen Serben überfahren würde, könnte das umgehend Demonstrationen und Unruhen auslösen", sagt der Schweizer Oberst Adolf Conrad, der im Auftrag der Nato-Friedenstruppen(KFOR) für die Friedenssicherung in Kosovos Norden zuständig ist.
Seit im vergangenen Sommer kosovarische Zöllner die Kontrolle an der Grenze zu Serbien übernommen haben, revoltieren die Kosovo-Serben dagegen. Sie haben Strassensperren errichtet, einen Grenzposten angezündet und Umfahrungsstrassen gebaut. Das Territorium gehört offiziell zu Kosovo, aber dessen staatliche Institutionen haben keine Kontrolle darüber.
Vor wenigen Wochen haben serbische Heckenschützen einen kosovarischen Polizisten erschossen. Im Januar kam es verschiedentlich zu Schlägereien zwischen Kosovo-Serben und Soldaten der Nato-Truppen.
Die Schweizer, die Augen und Ohren
"Wenn die Situation eskaliert, ziehen wir uns zurück", sagt Conrad zur Rolle seiner Beobachtungs- und Verbindungsteams (LMT). Die Schweizer Soldaten und Offiziere haben die Aufgabe, den Puls der beiden Bevölkerungsgruppen zu messen. Conrad bezeichnet sie als die "Ohren und Augen" des KFOR-Kommandanten.
Konkret heisst das: Die drei Schweizer LMT gehen wie ihre Kollegen von den zwei slowenischen LMT regelmässig auf Patrouille, markieren so Präsenz und sprechen mit ihren Informanten der serbischen und albanischen Seite. Wie und ob die KFOR eingreift, entscheidet deren Kommandant in Pristina.
Dem Süden geht es kaum besser
Szenenwechsel. Malisheva im Süden war und ist eine Hochburg der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK. Die Bevölkerung ist weitgehend albanisch. Die Region gilt als politisch stabil. Das Militärcamp im nahen Suva Reka, in dem seit 1999 auch die Soldaten der Swisscoy untergebracht sind, wird im Sommer 2012 aufgehoben und zurück gebaut.
Armut, Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven gehören zum Alltag. Der Abfall landet auf Feldern oder in zerbombten Roma-Siedlungen. Die Abwasser fliessen ungereinigt ab. Die Hygiene und die medizinische Ausrüstung in den Spitälern sind miserabel. Zwei Mal täglich fällt der Strom aus.
Jetzt, da die notdürftig verlegten Stromleitungen teilweise dem Schnee nicht standhalten, fällt er in einzelnen Quartieren auch gänzlich aus. Wirtschafts-Wachstum ist keines in Sicht.
Feuerwehr und Wiederverwertung
Die LMT Teams sind in Häusern untergebracht. Eines der beiden Swisscoy-Häuser steht im Zentrum von Malisheva. Der Hauseingang führt in einen Empfangsraum. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Gegend kennen das Haus und kommen vorbei, wenn sie ein Anliegen haben. Meistens seien das Probleme mit dem Wasser, der Stromversorgung oder andere Alltagsprobleme, sagt Teamleiter Marcel Kuoni.
Als im vergangenen Sommer in der Gegend ein Waldbrand wütete und die lokale Feuerwehr ausserstande war, ihn zu löschen, verständigten die Schweizer die KFOR. Diese schickte Helikopter, die den Brand löschten.
Seit einiger Zeit trennt die Wohngemeinschaft der Soldaten den Abfall. Ein Nachbar holt ihn ab und führt die geeigneten Materialien der Wiederverwertung zu. "Das verschafft ihm immerhin etwas Geld", sagt Kuoni.
Das "Schloss" inmitten der Misere
Diesen kleinen Erfolgen stehen auch Misserfolge gegenüber. So hat Norwegen vor einigen Jahren den Bau einer Gewerbeschule finanziert. Die Schule funktioniert, aber die Schulabgänger haben keine Chance, eine Lehrstelle zu finden.
Oberleutnant Augusto Rizzo erzählt von einem türkischen Investor, der in Malisheva den Bau einer grossen Recycling-Anlage geplant hatte. Einen kleinen Staudamm für das Kühlwasser und ein Bürogebäude hatte er bereits bauen lassen, als ihm der Gemeinderat beschied, er müsse, wenn er weiter bauen wolle, 10'000 Euro bezahlen. Der Investor zog von dannen. "Korruption ist hier weit verbreitet", sagt Oberleutnant Augusto Rizzo.
Wir fahren nacheinander an einer Grosssägerei und an einem vor einigen Jahren neu gebauten Restaurant vorbei, das aussieht wie ein mittelalterliches Schloss. Das "Schloss", vor dem eine amerikanische Stretch-Limousine parkiert ist und die Sägerei gehören Familienmitgliedern eines ehemaligen Mitglieds der Zentralregierung in Pristina.
#
Kosovo: Tiefgefroren und kaum Hoffnung auf Fortschritt - swissinfo
gruß