Für Euch Alle meine Lieblings-Weihnachtsgeschichte.
Geschrieben von Karl Heinrich Waggerl, einem österreichischer Schriftsteller (geb. 1897 in Bad Gastein; gest. 1973 in Schwarzach im Pongau. (Mit 5 Millionen verkaufter Bücher und Übersetzungen in mehr als ein Dutzend Sprachen zählt Waggerl zu den meistgelesenen österreichischen Autoren)
Das wirklich schöne daran: Es ist völlig egal, welcher Glaubensgemeinschaft man angehört, ganz egal wann, und ob man überhaupt Weihnachten feiert. Es ist eine Lebensweisheit.
Vom Ochsen und vom Esel
Vom Ochsen und vom Esel hat die Schrift durchaus nichts zu melden. Aber meine Mutter hat mir erzählt, wie es war: Der Erzengel, während Joseph mit Maria nach Bethlehem wanderte, rief die Tiere in der Gegend zusammen, um eines oder das andere auszuwählen, das der Heiligen Familie im Stall mit Anstand aufwarten konnte.
Als erster meldete sich natürlich der Löwe. Nur jemand von königlichem Geblüt sei würdig, brüllte er, dem Herrn der Welt zu dienen. Er werde sich mit all seiner Stärke vor die Tür setzen und jeden zerreißen, der sich in die Nähe des Kindes wagte.
"Du bist mir zu grimmig", sagte der Engel.
Darauf schlich der Fuchs heran und erwies in aller Unschuld eines Gaudiebes seine Reverenz mit der Rute. König hin oder her, meinte er, vor allem sei doch für die leibliche Notdurft zu sorgen. Deshalb mache er sich erbötig, süßesten Honig für das Gotteskind zu stehlen und jeden Morgen auch ein Huhn in den Topf für die Wöchnerin.
"Du bist mir zu liederlich" sagte der Engel.
Nun stelzte der Pfau in den Kreis. Das Sonnenlicht glänzte in seinem Gefieder, rauschend entfaltete er sein Rad. So wolle er es auch hinter der Krippe aufschlagen, erklärte er, und damit den armseligen Schafstall köstlicher schmücken als Salomon seinen Tempel.
"Du bist mir zu eitel" sagte der Engel.
Hinterher kamen noch viele der Reihe nach, Hund und Katze, die kluge Eule und die süß flötende Nachtigall, jedes pries seine Künste an, aber vergeblich. Zuletzt blickte der strenge Cherub noch einem um sich und sah Ochs und Esel draußen auf dem Felde stehen, beide im Geschirr, denn sie dienten einem Bauern und mußten Tag für Tag am Wassergöpel im Kreise laufen. Der Engel rief auch sie herbei. "Ihr beiden, was habt ihr anzubieten?"
"Nichts, Euer Gnaden" sagte der Esel und klappte traurig seine Ohren herunter. "Wir haben nichts gelernt, außer Demut und Geduld. Denn in unserem Leben hat uns alles andere immer nur noch mehr Prügel eingetragen."
"Aber" warf der Ochse schüchtern ein, "aber vielleicht könnten wir dann und wann ein wenig mit den Schwänzen wedeln und die Fliegen verscheuchen!"
"Dann seid ihr die Rechten!" sagte der Engel.
Ich wünsche Euch frohe Weihnachten, und nachdem am 21. 12. entgegen allen Erwartungen die Welt NICHT untergegangen ist, auch einen erfolgreichen Start ins neue Jahr!
Hans.