Diese nationale Idee wird von oben (Politik) nach unten (Volk) vorgegeben. Das fing damals im Zuge des Maidan an, als Politiker der Partei der Regionen und der Kommunisten im Parlament verdroschen und aus ihm vertrieben wurden.
Die Annexion der Krim und der Krieg im Donbas im Jahr 2014 – und insbesondere der russische Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 – haben die Einstellung der Ukrainer grundlegend verändert. Selbst Ukrainer und ethnische Russen aus Regionen, die zuvor als prorussisch galten, kämpfen heute an der Front gegen Russland für eine unabhängige Ukraine; es gibt keine Anzeichen für massenhafte Überläufe. Dies steht in krassem Gegensatz z.B. zur Situation der Tschechen und Slowaken im 1WK, als sich ganze Regimenter Russland ergaben. Meiner Ansicht nach ist dies der ultimative Beweis für die Loyalität der Soldaten. Ich persönlich hatte zu Kriegsbeginn mit solchen Überläufen gerechnet, doch nichts dergleichen geschah.
Wann war Bandera vor dem Krieg in der Ukraine außerhalb vom äußeren Westen beliebt? Wenn Selenskyj jetzt auf diesen Zug aufspringt, dann gibt er doch denen Argumente, die meinen in der Ukraine würde ein Kampf gegen Nazis geführt werden. Das ist vollkommen diametral bspw. zu Kroatien, wo der lächerliche Za Dom Spremni-Trend der irgendwann in offener Verherrlichung der Ustasa mündete (wo auch sonst), von der Politik nie gewollt und bagatellisiert wurde und wird, auch wenn ein paar bedenkliche Persönlichkeiten dort ihre Straßen haben. Gibt es in der Ukraine wirklich nicht die Möglichkeit sich (zumindest deklarativ) auf den Antifaschismus im 2. Weltkrieg oder irgendwas anderes zu berufen, statt auf das wohl Schlimmste und Verbscheuungswürdigste des vorherigen Jahrhunderts?
Sie haben keine anderen Helden, die einen derart selbstlosen und kompromisslosen Kampf für die Unabhängigkeit der Ukraine gegen Russland geführt haben wie die OUN/UPA, die noch 10 Jahre nach 1945 in den ukrainischen Wäldern gegen sowjetische Truppen kämpften. Die anderen Kandidaten, die als Grundlage für einen nationalen Mythos von Unabhängigkeitskämpfern dienen könnten – Chmelnyzkyj, Masepa, Petljura oder Skoropadskyj –, schlossen Bündnisse mit Polen, Schweden, Russland, den Krimtataren; sie opferten Gebiete, wie Petljura, oder ließen Besatzer ins Land, wie Skoropadskyj.
Was die "Antifaschisten" betrifft, so kämpften sie in der Ukraine faktisch für den Sieg der UdSSR – das heißt gegen die ukrainische Unabhängigkeit und für die Wiederherstellung des Sowjetregimes. Angesichts der Wahl zwischen zwei Übeln – und eine dritte Option gab es nicht – entschieden sie sich für das, was sie für das kleinere Übel hielten. Sie hatten ausserdeme dieselben Feinde wie Nazi-Deutschland: Russland, Polen, die Juden und die Kommunisten. Unter deutscher Herrschaft hofften sie, zumindest einen Protektoratsstatus ähnlich dem der Slowakei zu erlangen; ein Sieg Sowjetrusslands hingegen hätte die Eingliederung der Ukrainer in das „dreieinige russische Volk“ bedeutet, ohne jede Hoffnung auf Unabhängigkeit für ihr Land und mit der Aussicht auf eine vollständige Russifizierung in der Zukunft.
Die Annexion der Krim und der Krieg im Donbas im Jahr 2014, gefolgt von der russischen Aggression im Jahr 2022, bestätigten mMn für viele Ukrainer, was die „Banderisten“ achtzig Jahre zuvor über Russland sagten: dass Russland – ungeachtet seiner Regierungsform – stets versuchen würde, die Ukraine zu unterwerfen, und dass die Unabhängigkeit nur durch einen bewaffneten Kampf errungen werden könne. Eine wesentliche Rolle spielte auch, als sie sahen, wie sich das Leben im Donbass nach 2014 und in den besetzten Gebieten nach dem Einmarsch Russlands 2022 entwickelt hatte, und ein solches Schicksal für sich selbst wollen sie nicht.