Putins Krieg gerät ins Stocken, doch der Kreml kennt keinen Rückwärtsgang
Vier Jahre lang setzte Wladimir Putin darauf, dass Russland den längeren Atem haben würde. Die Rechnung war einfach. Mehr Soldaten, mehr Material, mehr Zeit. Irgendwann, so die Hoffnung im Kreml, müsse die Ukraine zusammenbrechen. Doch genau diese Rechnung beginnt nun zu wanken. Nicht weil Russland plötzlich militärisch geschlagen wäre, sondern weil sich der Krieg verändert hat und die Ukraine inzwischen genau jene Schwachstellen trifft, auf die Moskau keine überzeugende Antwort findet. An der Front rücken russische Truppen zwar weiter vor, aber deutlich langsamer als noch vor einem Jahr. Die Gewinne werden kleiner, während die Verluste steigen. Militärbeobachter gehen inzwischen davon aus, dass Russland seit dem vergangenen Winter mehr Soldaten verliert, als neu angeworben werden können. Die Diskussion über eine neue Zwangsmobilisierung kehrt deshalb zurück. Putin scheut diesen Schritt bislang, weil er weiß, welchen politischen Preis er im eigenen Land hätte.
Gleichzeitig hat sich die Ukraine angepasst. Russische Taktiken, mit denen Moskau 2025 noch Erfolge erzielte, verlieren zunehmend ihre Wirkung. Ukrainische Einheiten entdecken eingeschleuste Infanteristen schneller, stören russische Drohnen mit elektronischer Kriegsführung und setzen eigene Abfangdrohnen ein. Aus der reinen Verteidigung entstehen wieder kleinere Gegenangriffe, die russische Verbände binden und an einzelnen Frontabschnitten sogar Gelände zurückerobern. Noch gravierender sind jedoch die Entwicklungen weit hinter der Front. Ukrainische Langstreckendrohnen treffen Raffinerien, Tanklager und militärische Versorgungsknoten tief im russischen Hinterland. Selbst Regionen tausende Kilometer von der Ukraine entfernt bleiben nicht mehr verschont. Die Angriffe treffen nicht nur die Energieindustrie, sondern zunehmend auch die militärische Versorgung. Auf der besetzten Krim entwickelt sich bereits eine spürbare Treibstoffknappheit.
Russlands größte Stärke wird dabei zunehmend zu seinem Problem. Das riesige Staatsgebiet lässt sich nicht vollständig schützen. Jeder zusätzliche Drohnenangriff zwingt Moskau zu entscheiden, welche Städte, Industrieanlagen oder Militärstützpunkte Vorrang erhalten. Luftabwehr, die Moskau schützt, fehlt an anderer Stelle. Verteidigt man Raffinerien, bleiben Flugplätze verwundbar. Schützt man Militärdepots, geraten Energieanlagen ins Visier. Auch politisch verändert sich die Lage. Donald Trump, der Wolodymyr Selenskyj noch im vergangenen Jahr erklärt hatte, dieser halte keine Karten in der Hand, spricht inzwischen deutlich anerkennender über die ukrainischen Fähigkeiten. Amerikanische Geheimdienstberichte über die wachsende Reichweite und Präzision ukrainischer Drohnen haben nach Angaben aus Washington ihre Wirkung nicht verfehlt. Gleichzeitig wächst auch innerhalb Russlands der Wunsch nach einem Ende des Krieges.
Trotzdem bedeutet das keine unmittelbare Wende. Russland verfügt weiterhin über einen entscheidenden Vorteil. Ballistische Raketen treffen regelmäßig Kiew und andere Städte, während der Ukraine noch immer moderne Patriot-Abwehrsysteme fehlen. Präsident Selenskyj bezeichnet genau diese Raketen inzwischen als Moskaus letzten großen militärischen Trumpf und fordert vom Westen zusätzliche Luftverteidigung. Ob Putin daraus Konsequenzen zieht, bleibt die eigentliche Frage. Öffentlich hält der Kreml unverändert an seinen Maximalforderungen fest und verlangt weiterhin Gebietsabtretungen sowie politischen Einfluss auf die Ukraine. Gleichzeitig mehren sich Hinweise, dass der Präsident von seinem militärischen Umfeld ein deutlich günstigeres Bild erhält, als es die Lage tatsächlich hergibt. Mehrere westliche Experten gehen davon aus, dass Putin den Zustand seiner Armee nur unvollständig kennt.
Der Krieg befindet sich damit an einem Punkt, den vor wenigen Monaten kaum jemand erwartet hätte. Die Ukraine hat die Initiative in wichtigen Bereichen zurückgewonnen, ohne den Krieg entscheiden zu können. Russland verliert an Tempo, ohne entscheidend geschlagen zu sein. Aus dem früheren Abnutzungskrieg ist ein Wettlauf um Technik, Reichweite und Anpassungsfähigkeit geworden. Wer sich schneller verändert, gewinnt Zeit. Wer glaubt, alles laufe wie bisher, verliert sie. Genau darin liegt heute Putins größtes Risiko.