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Historische Ursachen des Kosovo-Konflikts

Lubenica

Ultra-Poster
Ich finde nicht, dass man sich jetzt wegen Weihnachten zurückhalten muss. Klingt pietätvoll, aber du hast den Thread eröffnet und was wahr ist, muss auch an Weihnachten wahrbleiben ;)

Zum eigentlichen Threadthema der Historie:

Einer der größten Fehler und jüngeren Ursachen war es auf alle Fälle, dass Milosevic Titos Autonomie der Albaner abgeschafft hat. Haradinaj und Thaci sind aber genau so große Arschlöcher wie er.

Was ja auf der Hand liegt, ist dass sich die meisten Wissenschaftler inzwischen darüber einig sind, dass es nie eine serbische Bevölkerungsmehrheit im Kosovo gab – und das trotz Versuchen von serbischer Seite aus, sie durch Umsiedlung herzustellen.

Das Argument, dass die Albaner sich stärker vermehrt haben, hat eigentlich so für sich gesehen in politischen Diskussionen gar nichts zu suchen, die haben nicht gerammelt wie die Karnickel, um das Land zu erobern.

Mich würden sehr wohl die Entwicklungen weit, weit vor dem 2.WK interessieren, ich denke dazu ist der Thread auch da, wobei das vermutlich ohne Dekis Karten schwierig werden wird, endgültig aufzuklären. Hier widersprechen sich ja die Aussagen vieler Historiker der beiden Ethnien hinsichtlich eines ursprünglichen "Anrechts" auf das Stück Land. Das fände ich wirklich spannend, wie sich das alles über die Jahrhunderte entwickelt hat.

Kurz noch zur erwähnten Intervention:

Was selbige angeht, die wohl wegen der absolut unbestrittenen serbischen Gräueltaten auf irgendeine Art und Weise nötig war: Hier wundert es mich, dass eigentlich auf das Argument der äußeren Interessen, welche ja von Clinton wörtlich bestätig wurden, von albanischer Seite aus nie eingegangen wird. Ist doch völlig klar, dass es eine Mischung aus diesen ganzen Faktoren war. Des Weiteren fand ich die Dresden-Nummer nach wie vor unmenschlich, Belgrad zu bombardieren (und nein es war kein Versehen, zig Zivilisten, Botschaften und Krankenhäuser) zu treffen – frag mich nicht wieder, was man sonst hätte machen müssen, ich bin kein Militärexperte, aber vermutlich wären sogar Bodentruppen besser gewesen, um kontrolliert einzugreifen und zivile Ziele zu minimieren. Außerdem immer wieder dieselbe Frage, wenn doch eh genug passiert ist, um zu intervenieren, wieso dann noch so lächerliche Scharping-Geschichten? Laienhafte Theorie: Minimalinvasives Eingreifen hätte gereicht und wäre gerechtfertigt gewesen – um aber einfach eine Stadt brennen zu lassen und das ganze Ding unter Kontrolle zu bekommen, um im Anschluss auch noch UN-Mandate zu übergehen, war die eine oder andere Märchenstunde nötig.

Alles in allem hat aber die Zahn-um-Zahn-Mentalität (und hier zählen die Pogrome von 2004 auch dazu) der beiden Ethnien bis heute zu keinem Ziel geführt und wird (zum Glück noch) diplomatisch fortgesetzt. Einfach mal langsam annähern. Es ist traurig zu sehen, dass die anderen Kriegsparteien zaghafte Schritte in die Richtung unternehmen (letzte Olujafeier, Erdbebenhilfe usw.), Albaner und Serben aber hier nur Rückschritte machen.

Im Grunde genommen sind ja nur noch kleine Zugeständnisse wie z.B. die Gründung einer ZSO nötig, um da weiterzukommen.
Die Abschaffung der Autonomie durch Milosevic hatte ich vergessen und es ist eins der wichtigsten Gründe für den damals kommen Konflikt gewesen.
 

Tyler

Top-Poster
Die Abschaffung der Autonomie durch Milosevic hatte ich vergessen und es ist eins der wichtigsten Gründe für den damals kommen Konflikt gewesen.
Mich interessiert tatsächlich auch die ganze Uralt-Geschichte, wie viele in Wirklichkeit moslemische Serben oder orthodoxe Albaner sind, wer wann von welchem Berg kam, was eigentlich so vor der Amselfeldschlacht war usw. tatsächlich auch. Nicht weil ich dadurch irgendein "Anrecht" ableiten würde, sondern nur, um die Zusammenhänger besser zu verstehen. Bin leider zu faul und hab' aktuell zu wenig Zeit, mich da mal zu belesen.
 

Lubenica

Ultra-Poster
Mich interessiert tatsächlich auch die ganze Uralt-Geschichte, wie viele in Wirklichkeit moslemische Serben oder orthodoxe Albaner sind, wer wann von welchem Berg kam, was eigentlich so vor der Amselfeldschlacht war usw. tatsächlich auch. Nicht weil ich dadurch irgendein "Anrecht" ableiten würde, sondern nur, um die Zusammenhänger besser zu verstehen. Bin leider zu faul und hab' aktuell zu wenig Zeit, mich da mal zu belesen.
Ja, mich interessiert es auch und es wäre sicher auch irgendwie spannend, was einem, wenn man viele gute Bücher und Quellen an der Hand hätte, da für Geschichten um die Ohren fliegen würden. Ich bezweifle allerdings das man eine historische Ursachenforschung für den letzten Kosovokonflikt betreiben kann, bzw. das man daraus Schlüsse zur Gegenwart ziehen könnte oder von dort auf hier und heute übertragen kann. Das Ding ist, wir wissen zu wenig über die Zeit, ich zumindest. Das was ich sagen kann ist und woran ich nicht glaube ist...das es eine Uralte Feindschaft zwischen Albanern, Serben und anderen Ethnien oder Volksgruppen im Gesamten und im Allgemeinen gab. Es gab sicher hier und dort Feindschaft und Konkurrenz und ähnliches....aber das gab es ja auch zwischen Serben und zwischen Albanern selbst.
Zb. die Familie und das Adelsgeschlecht Kastrioti, aus der Skanderbeg hervorgegangen ist. Diese Familie war albanisch und serbisch...und ich meine, da war sogar italienisch auch dabei... ich kann mir ein ethnienübergreifendes soziales Verhältnis auch bei den Bauern und der ärmeren Bevölkerung der Serben und Albaner vorstellen.
 

Tyler

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Ja, mich interessiert es auch und es wäre sicher auch irgendwie spannend, was einem, wenn man viele gute Bücher und Quellen an der Hand hätte, da für Geschichten um die Ohren fliegen würden. Ich bezweifle allerdings das man eine historische Ursachenforschung für den letzten Kosovokonflikt betreiben kann, bzw. das man daraus Schlüsse zur Gegenwart ziehen könnte oder von dort auf hier und heute übertragen kann. Das Ding ist, wir wissen zu wenig über die Zeit, ich zumindest. Das was ich sagen kann ist und woran ich nicht glaube ist...das es eine Uralte Feindschaft zwischen Albanern, Serben und anderen Ethnien oder Volksgruppen im Gesamten und im Allgemeinen gab. Es gab sicher hier und dort Feindschaft und Konkurrenz und ähnliches....aber das gab es ja auch zwischen Serben und zwischen Albanern selbst.
Zb. die Familie und das Adelsgeschlecht Kastrioti, aus der Skanderbeg hervorgegangen ist. Diese Familie war albanisch und serbisch...und ich meine, da war sogar italienisch auch dabei... ich kann mir ein ethnienübergreifendes soziales Verhältnis auch bei den Bauern und der ärmeren Bevölkerung der Serben und Albaner vorstellen.
Denke schon, dass beide Parteien viele Argumente auf solche uralten Vorgeschichten stützen:

Nach der Völkerwanderung und der Landnahme der Slawen auf dem Balkan konnte sich das Byzantinische Reich im 7. Jahrhundert wieder stabilisieren. Obwohl die Balkanhalbinsel nun zum großen Teil von Slawen bewohnt war, herrschten die byzantinischen Kaiser bis Anfang des 9. Jahrhunderts über das Gebiet des heutigen Kosovo. 814 wurde die Region vom bulgarischen Zarenreich erobert. Nordwestlich des Kosovo begann im 10. Jahrhundert die Entstehung der ältesten serbischen Fürstentümer (Raszien). Im 11. Jahrhundert folgte eine letzte Periode der byzantinischen Herrschaft über den Kosovo. In diesem Jahrhundert erwähnte auch ein byzantinischer Autor erstmals die Albaner als siedelndes Volk im heutigen Albanien.
[…]
Die serbischen Ansprüche im Bezug auf den Kosovo-Konflikt im 20. und 21. Jahrhundert werden primär vor dem Hintergrund des Serbischen Reichs des Mittelalters geltend gemacht:

Kosovo ist im serbischen Selbstverständnis die Geburtsstätte der nationalen Kultur. Das Kloster von Peć war – von 1346 bis 1463 und von 1557 bis zur Aufhebung des Patriarchats durch die Osmanen im Jahre 1766 – Sitz des serbischen Patriarchen. Auch heute noch trägt der Patriarch der Serbischen-Orthodoxen Kirche – obwohl er seit 1920 in Belgrad residiert – den Titel des Erzbischofs von Peć. Charakteristisch ist die enge Verflechtung zwischen serbischer Nationalbewegung und eigener Nationalkirche: Die Kirche selbst versteht sich als Träger nationaler Kultur und Staatlichkeit.
 

Lubenica

Ultra-Poster
Denke schon, dass beide Parteien viele Argumente auf solche uralten Vorgeschichten stützen:

Nach der Völkerwanderung und der Landnahme der Slawen auf dem Balkan konnte sich das Byzantinische Reich im 7. Jahrhundert wieder stabilisieren. Obwohl die Balkanhalbinsel nun zum großen Teil von Slawen bewohnt war, herrschten die byzantinischen Kaiser bis Anfang des 9. Jahrhunderts über das Gebiet des heutigen Kosovo. 814 wurde die Region vom bulgarischen Zarenreich erobert. Nordwestlich des Kosovo begann im 10. Jahrhundert die Entstehung der ältesten serbischen Fürstentümer (Raszien). Im 11. Jahrhundert folgte eine letzte Periode der byzantinischen Herrschaft über den Kosovo. In diesem Jahrhundert erwähnte auch ein byzantinischer Autor erstmals die Albaner als siedelndes Volk im heutigen Albanien.
[…]
Die serbischen Ansprüche im Bezug auf den Kosovo-Konflikt im 20. und 21. Jahrhundert werden primär vor dem Hintergrund des Serbischen Reichs des Mittelalters geltend gemacht:

Kosovo ist im serbischen Selbstverständnis die Geburtsstätte der nationalen Kultur. Das Kloster von Peć war – von 1346 bis 1463 und von 1557 bis zur Aufhebung des Patriarchats durch die Osmanen im Jahre 1766 – Sitz des serbischen Patriarchen. Auch heute noch trägt der Patriarch der Serbischen-Orthodoxen Kirche – obwohl er seit 1920 in Belgrad residiert – den Titel des Erzbischofs von Peć. Charakteristisch ist die enge Verflechtung zwischen serbischer Nationalbewegung und eigener Nationalkirche: Die Kirche selbst versteht sich als Träger nationaler Kultur und Staatlichkeit.
Ja das machen sie ja alle... das gehört teils zum "guten" nationalistischen Ton und Gebären. Auf der einen Seite hast du die Geschichte. auf der anderen Seite hast du diejenigen die die Geschichte mitgeschrieben haben und diejenigen die Geschichte schreiben um damit zu prägen... diejenigen die die Geschichte zu ihren Gunsten und Zwecken schreiben und predigen.... und oft wird aus Mythos Geschichte gemacht...das dürfen wir auch nicht vergessen. Der Mythos spielt überall in allem in allen Geschichten eine prägende Rolle...manchmal mehr manchmal weniger.
 

Paraysia

Frischling
Die Ursachen liegen in der Ungleichheit. Das Thema ist sehr lang und breit, aber ich lege den Fokus auf die Jahre vor 1974 - sprich der Rankovic-Ära, 1974 - 1989 - der Zeit als Autonomie und nach 1989 - der Zeit mit Milosevic.

Als Tito die Universität in Prishtina eröffnete, sagte Rankovic bei einem treffen: „... Ich versuche die Albaner auszurotten und was machst du (?) - du gibst ihnen ein Licht.“

Als Basis nehme ich die Bundesverfassung Jugoslawiens vom 21. Februar 1974, da sie als höchste Instanz innerhalb der BRJ gilt. Die Bundesverfassung Jugoslawiens tratt am 21. Februar 1974 in Kraft ein und räumte den acht Föderaionsmitglieder reichliche Pflichten, aber auch Kompetenzen zu. Die acht Föderationsmitglieder waren dazu befugt, eigene Verfassungen zu schaffen bzw. zu erlassen, sofern diese nicht im Wiederspruch zur Bundesverfassung standen. Diese eigenen Verfassungen waren nur innerhalb der Grenzen des jeweiligen Föderationsmitgliedes gültig ist. Gestützt auf die normative Bundesverfassungsbestimmung, konnten diese eigene Verfassungen, deren Gesetzte, Grenzen u.v.m nur mit der Zustimmung des jeweiligen Föderationsmitgliedes geändert werden. Dies wird im Art 5. Abs 4. der Bundesverfassung festgehalten: Dadurch waren alle acht Föderationsmitglieder dazu verpflichtet, ihre Grenzen gegenseitig zu respektieren. Ohne gegenseitiges Einvernehmen, waren ihre eigen geschaffenen Verfassungen, Gesetze sowie „Staats“grenzen unverrückbar und unveränderbar - im klaren: unantastbar.

So waren alle acht Föderationsmitglieder alles gleichberechtigte konstitutive Glieder Jugoslawiens, auch wenn die Verfassung den Kosovo und Vojvodina als Autonomie und nicht Teilrepublik deklariert, es ändert nichts an der damaligen Gleichstellung. Das war nur Kosmetik fürs Auge. Das heisst zusammengefasst: Serbien konnte nie auf legaler Weise gegen den Willen der Albaner im Kosovo die Autonomie entziehen. Deshalb kam es auch zur „Jogurt-Revolotion“ - und dort nahm das übel seinen entgültigen Lauf.
 
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