Das hat weniger mit Bildung, Dummheit oder Hass zu tun. Es geht vielmehr um Macht die Teil einer kulturellen Identität ist und dort unten weit verbreitet ist. In dieser Kultur herrschen klare Regeln und Hierarchien. Heutzutage sind diese zwar aufgelockert, dennoch existieren sie weiterhin, besonders bei wichtigen Themen wie der Frage nach den Kindern.
Die Kultur ist stark vom Kanun geprägt, einem vorislamischen, ursprünglich sogar vorchristlichen Gewohnheitsrecht, das sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert hat, aber bis heute menschenverachtende Inhalte besitzt und traditionell viele wichtige Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens regelt.
Im Kanun wird die Frau zusammen mit Haus und Vieh als Hab und Gut gleichgestellt. Sie besitzt weder die gleichen Rechte am Familienvermögen noch die gleiche Entscheidungsfreiheit. Frauen werden sogar ausdrücklich vom Erbe ausgeschlossen. Selbst wenn eine Familie ausschließlich Töchter hinterlässt, geht der Besitz an entfernte männliche Verwandte. Die Frau hat dabei ungefähr so viel Mitspracherecht über das Familienvermögen wie das Vieh im Stall.
Über das eigene Vieh kann der Hausherr entscheiden, genauso wie traditionell der Vater darüber entscheiden darf, welchen Mann seine Tochter heiraten wird.
Bis vor zwei Generationen war das noch gängige Praxis. Ich kenne kaum jemanden im Kosovo, dessen Großeltern aus Liebe geheiratet haben, sich selbst kennengelernt und anschließend eigenständig entschieden haben, zu heiraten.
Und auch heute sind diese Traditionen längst nicht verschwunden. Im Kosovo ist es nach wie vor weit verbreitet, dass Grundstücke und Familienbesitz ausschließlich an die Söhne weitergegeben werden. Töchter gehen bei der Verteilung des väterlichen Grundstücks häufig leer aus.
Fairerweise muss ich aber auch sagen, dass sich im Kosovo seit Kriegsende eine Menge verändert hat und ich froh darüber bin, wie stark der Einfluss des Kanun und dieser alten Familienstrukturen zurückgegangen ist, auch wenn sich besonders beim Erbrecht und der gelegentlichen Unterdrückung von Frauen noch immer Spuren davon zeigen.
Dabei sieht das kosovarische Erbrecht vor, dass alle Kinder, unabhängig von ihrem Geschlecht, gleichberechtigt erben. In der Praxis sieht das jedoch oft anders aus.
Wenn männliche Familienmitglieder ein geerbtes Grundstück verkaufen wollen, müssen sie deshalb häufig auch die Unterschriften ihrer Schwestern einholen, eine Art Verzichtserklärung. Das zeigt, wie tief diese traditionellen Vorstellungen bis heute verwurzelt sind. Selbst dort, wo das Gesetz längst Gleichberechtigung vorsieht, bestimmen alte Machtstrukturen weiterhin darüber, wer tatsächlich etwas bekommt.
Klar, man könnte jetzt meinen, dass nur ungebildete Menschen solche Regeln akzeptieren. Aber damit würden wir die Gefahren nur herunterspielen, indem wir behaupten, so etwas gäbe es nur in den Dörfern.
Die Sklavenhaltung in Amerika war gerade unter gebildeten und reichen Amerikanern weit verbreitet. Sie brauchten ihre Sklaven und ein Machtinstrument, um ihre Stellung zu sichern: das Gesetz.
Die Apartheid in Südafrika, wurde über Jahrzehnte auch von der gebildeten und wohlhabenden weißen Bevölkerung unterstützt, um ihre Macht und Privilegien zu sichern
Es geht dabei immer nur um Machterhalt, sei es zwischen verschiedenen Ethnien, Nationen, Gruppen oder sogar zwischen den Geschlechtern.