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... wird mir immer sympathischer:respekt:
Hamburg (dapd). Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk ("Schnee") kann die Oberschicht seines Landes nicht ausstehen. "Die Bourgeoisie macht mich wütend. Ich verabscheue ihre Überheblichkeit, ihren engstirnigen Egoismus und die Art, wie sie ihre eigenen Landsleute hasst", sagte der 60-jährige Literaturnobelpreisträger der Wochenzeitung "Die Zeit".
Die türkische säkulare Oberklasse störe sich nicht an Militärputschen und der Misshandlung von Kurden. "Sie schaut auf die Mehrheit der türkischen Frauen herab, weil sie Kopftuch tragen. Das erinnert mich an die Haltung der Weißen in Südafrika gegenüber Schwarzen früher", kritisierte Pamuk.
Leute: Orhan Pamuk schimpft auf die türkische Oberschicht - Nachrichten Newsticker - News3 (DAPD) - WELT ONLINE
Orhan Pamuk
Hamburg (dapd). Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk ("Schnee") kann die Oberschicht seines Landes nicht ausstehen. "Die Bourgeoisie macht mich wütend. Ich verabscheue ihre Überheblichkeit, ihren engstirnigen Egoismus und die Art, wie sie ihre eigenen Landsleute hasst", sagte der 60-jährige Literaturnobelpreisträger der Wochenzeitung "Die Zeit".
Die türkische säkulare Oberklasse störe sich nicht an Militärputschen und der Misshandlung von Kurden. "Sie schaut auf die Mehrheit der türkischen Frauen herab, weil sie Kopftuch tragen. Das erinnert mich an die Haltung der Weißen in Südafrika gegenüber Schwarzen früher", kritisierte Pamuk.
Leute: Orhan Pamuk schimpft auf die türkische Oberschicht - Nachrichten Newsticker - News3 (DAPD) - WELT ONLINE
Orhan Pamuk
Veröffentlicht am 21. August 2012 von InitiativGruppe
Die ZEIT (16.08.2012, Seite 47) hat ein lesenswertes Interview mit Orhan Pamuk geführt; online ist es nicht frei zugänglich. Ich tippe einiges daraus ab. Danach Bemerkungen meinerseits.
In den Medien ist vor allem berichtet worden, wie der Autor die säkulare türkische Bourgeoisie in die Pfanne haut – zu der er sich gleichzeitig selbst bekennt. (Hier die Abschnitte 5, 6 und 7.)
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1ZEIT: Was macht europäische Literatur aus?2
Pamuk:
Die Literatur über den kleinen Mann ist eine große europäische Erfindung.
Der Widerspruch heute ist, dass Europa Angst vor dem kleinen Mann hat, wenn er nicht aus Europa kommt.
Worauf basiert der gemeinsame europäische Gedanke? Auf Religion? Oder doch eher auf Gleichheit, Brüderlichkeit, Freiheit?
Was ist also mit den Zuwanderern, den Flüchtlingen, die nach Europa wollen?
Das größte Problem im europäischen Denken und in der Literatur ist, wie mit Immigranten umzugehen sei, mit hungrigen Menschen aus Asien und Afrika.
Soll man sie stoppen?
Aber wie will man das ethisch erklären?
Wie kann man ein Intellektueller sein, der Gleichheit und Brüderlichkeit hochhält – und die Probleme der Zuwanderer ignoriert?
Europa ist verwirrt.
Derzeit wird eine hohe Mauer zwischen Griechenland und der Türkei gebaut.
ZEIT: Ist dieses Europa noch attraktiv für die Türkei?3
Pamuk:
Was den Beitritt der Türkei zur EU betrifft, gab es hierzulande und in der EU viele, die dagegen waren.
Nicolas Sarkozy und Angela Merkel waren mit ihrem türkeikritischen Kurs erfolgreich.
Das hat nicht nur von Europa träumende Schriftsteller wie mich enttäuscht, sondern gerade auch die Gesellschaft.
Diese Ablehnung hatten wir nicht erwartet.
ZEIT: Das Ende des Kalten Krieges brachte die geteilten Hälften Europas wieder zusammen. Fühlte sich die Türkei damals ausgeschlossen?4
Pamuk:
Das Ende der Sowjetunion verwirrte türkische Autoren, die vor allem politische Motive verfolgten.
Die türkische Spielart des Sozialismus war die Idealisierung eines autoritären Staates. Dem huldigten diese Linken.
Ihr ruhmreicher Sozialismus verschwand.
Doch das hat die Türkei als Ganzes nicht ausgeschlossen.
Das war das Problem dieser Autoren und Intellektuellen.
Die Isolierung der Türkei kam erst später mit der Erweiterungsdebatte, als Europa viele Herzen in der Türkei brach.
ZEIT: Haben Sie in Ihren Büchern einen bestimmten Geist der neunziger Jahre reflektieren wollen?5
Pamuk:
In Rot ist mein Name wollte ich die mystische Tradition der Türkei literarisch wiederbeleben.
Ich nahm Ereignisse und Erzählungen aus der Geschichte des Islams auf und verarbeitete sie auf postmoderne Weise.
Das linksintellektuelle säkulare Establishment der Türkei willte von dieser mystischen Tradition nichts wissen.
Sie behaupteten, dass Europa immer ein säkularer Ort gewesen sei.
Das ist der verkrüppelte Positivismus der säkularen Elite hierzulande.
ZEIT: In Ihren Büchern beschreiben Sie Glanz und Elend der säkularen türkischen Oberklasse, die so gern nach Europa schaut. Was ist das Problem dieser Bourgeoisie?6
Pamuk:
Ihr Leben ist mein Leben, wir sind aus derselben Klasse, aus derselben Straße, wir haben die gleichen Gewohnheiten, gehen in dieselben Läden.
Ich habe über sie liebevoll geschrieben, ich habe sie aber auch lächerlich gemacht.
Diese Bourgeoisie macht mich wütend.
Ich verabscheue ihre Überheblichkeit, ihren engstirnigen Egoismus und die Art, wie sie ihre eigenen Landsleute hasst.
Die türkische säkulare Oberklasse stört sich nicht an Armeeputschen und and er Misshandlung der Kurden.
Das erinnert mich an die Haltung der Weißen in Südafrika gegenüber den Schwarzen früher.
Hat sich das nicht geändert unter der Regierung des konservativen Premiers Tayyip Erdogan?7
Pamuk:
Im vergangenen Jahrzehnt hat diese Oberklasse ihr Einkommen verdreifacht und einiges an politischem Einfluss verloren.
Die Klügeren erkennen die Wahrheit. Sie beginnen eine Vorstellung von Respekt zu bekommen.
ZEIT: Was ist europäisch an dieser Klasse?
Pamuk:
Vieles beschränkt sich auf den Lebensstil und das Kaufen von europäischen Markenwaren.
In den sechziger udn siebziger Jahren fuhren sie nach Europa um einzukaufen.
Heute kaufen sie europäische Waren in den eleganten Straßen des Istanbuler Viertels Nisantasi.
ZEIT: Mittlerweise gibt es Konkurrenz. Auch die konservative, gläubige Mittelklasse ist zu Geld gekommen …
Pamuk:
… ja, und sie kaufen mittlerweile selber in Nisantasi ein.
Sie sind die Aufsteiger aus Anatolien, die in den letzten zehn Jahren viel Selbstvertrauen geschöpft haben.
Und das verdanken sie auch dem Drängen Europas und den EU-Reformen in der Türkei.