Recherchen zeigen auf: Millionen spielten Pokémon Go – und trainierten womöglich unbemerkt Systeme für das Militär!
Über Jahre liefen Menschen mit dem Smartphone durch Straßen, Parks und Wohngebiete, drehten ihre Kamera im Kreis und sammelten in Pokémon Go kleine Belohnungen. Für die meisten war es ein Spiel. Eine neue Recherche zeichnet nun ein Bild, das deutlich weiter reicht. Demnach könnten rund 30 Milliarden Rundum-Aufnahmen, die Nutzer seit 2021 innerhalb des Spiels erstellt haben, in die Entwicklung eines Systems eingeflossen sein, das heute für militärische Navigation eingesetzt oder vorbereitet wird. Die Daten stammen von Niantic Spatial, einem Unternehmen aus dem Umfeld des Pokémon-Go-Entwicklers. Daraus entstand ein visuelles Positionierungssystem, kurz VPS. Anders als GPS soll es ohne Satellitensignal arbeiten und Positionen allein über Kamerabilder mit einer Genauigkeit von wenigen Zentimetern bestimmen können.
Ende 2025 begann eine Partnerschaft mit dem US-Unternehmen Vantor, das Software für militärische Geodaten und Anwendungen entwickelt. Ziel des gemeinsamen Systems ist es laut Recherche, militärische Drohnen, bodengebundene Fahrzeuge und Soldaten mit AR-Brillen auch dann navigieren zu lassen, wenn elektronische Störmaßnahmen klassische Orientierungssysteme außer Kraft setzen. Vantor bestreitet, direkt Daten aus Pokémon Go einzusetzen. Gleichzeitig wollte das Unternehmen nicht beantworten, ob Trainingsmodelle auf Grundlage dieser Aufnahmen entwickelt wurden. Niantic Spatial bestätigte dagegen, dass Rundum-Aufnahmen aus dem Spiel in einer frühen Version des Systems verwendet wurden. Das Unternehmen verweist auf die Zustimmung der Nutzer zu den Nutzungsbedingungen. Diese hätten eine übertragbare und weiterlizenzierbare Nutzung der Inhalte erlaubt.
Kritiker sehen darin mehr als eine gewöhnliche Datenschutzdebatte. Denn erfasst wurden nicht nur öffentliche Plätze. Ein Teil der Aufnahmen entstand auch in Wohnungen und Innenräumen. Aussagen aus dem Unternehmensumfeld deuten darauf hin, dass gerade solche Innenaufnahmen für bestimmte Anwendungen interessant sein könnten. Ein Ethikprofessor aus Delft erklärte, ohne diese enorme Menge freiwillig erzeugter Daten hätte sich ein solches militärisches System kaum in dieser Geschwindigkeit entwickeln lassen.
Parallel kündigte Niantic Spatial bereits eine ähnliche Zusammenarbeit mit dem Robotikunternehmen Coco Robotics an, dessen autonome Lieferroboter in amerikanischen Städten und in Helsinki unterwegs sind. Der Spieleentwickler Adrian Hon rät Nutzern inzwischen, die Aufnahmefunktion zu deaktivieren oder auf kleinere Studios auszuweichen. Die irritierende Frage lautet am Ende nicht, ob Menschen Daten erzeugt haben. Sondern ob sie wussten, dass aus einem Handyspiel irgendwann Material für Systeme werden könnte, die weit über ein Spiel hinausgehen.
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