Ariel Sharon nach Hirnblutung im Künstlichen Koma
04. Januar 2006
Scharon nach Hirnblutung im künstlichen Koma
Der herzkranke israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hat erneut einen Schlaganfall erlitten. Scharon sei wegen plötzlichen Unwohlseins ins Krankenhaus eingeliefert worden, gab sein Büro bekannt. Ein Arzt der behandelnden Hadassah-Klinik in Jerusalem stufte den Schlaganfall als "bedeutsam" ein. Nach Angaben der Ärzte wurde er in ein künstliches Koma versetzt. Er habe schwere Hirnblutungen und werde künstlich beatmet, berichteten israelische Medien unter Berufung auf die Ärzte. Die Regierungsgewalt ging auf Scharons Stellvertreter Ehud Olmert über.
Scharon war am frühen Abend in die Universitätsklinik gebracht worden. Zuvor befand sich der 77-jährige Ex-General auf seiner Farm in der Negev-Wüste. Er habe sich dort mit seinen Ärzten auf eine geplante Herzbehandlung vorbereitet, als er einen Druck in der Brust verspürte, hieß es.
Beim Eintreffen im Krankenhaus sei Scharon bei vollem Bewusstsein und ansprechbar gewesen, berichtete das israelische Fernsehen. Er habe während der Fahrt mit einem Krankenwagen in die Klinik sogar noch telefoniert. Scharons Söhne Gilad and Omri sind den Angaben zufolge bei ihm. Ein Krankenhausarzt sagte dem israelischen Fernsehen, dass Scharon inzwischen in einen OP gebracht wurde, um das Blut aus dem Gehirn abzusaugen.
Der 77-jährige Scharon musste bereits am 18. Dezember nach einem leichten Schlaganfall stationär behandelt werden. Er wurde bereits zwei Tage nach dem Schlaganfall aus dem Krankenhaus entlassen. Seine Ärzte versicherten damals, dass er keine bleibenden Schäden davongetragen habe. Bei den Untersuchungen wurde jedoch ein angeborener Herzfehler entdeckt.
Geplante Herz-OP
Scharon wollte sich an diesem Donnerstag am Herzen operieren lassen. Die Ärzte wollten mit einem Katheter ein kleines Loch am Herzen schließen, das sie als Ursache des Schlaganfalls im Dezember ausgemacht hatten. Seit dem ersten Schlaganfall erhielt der Ministerpräsident blutverdünnende Medikamente, die das Entstehen eines weiteren Blutgerinnsels verhindern sollten. Außerdem nahm er seinen Ärzten zufolge mehrere Kilogramm ab.
Scharon ist seit 2001 israelischer Präsident. Er will im März bei vorgezogenen Parlamentswahlen an der Spitze seiner neuen Partei Kadima antreten. Nach einem monatelangen Streit um den israelischen Abzug aus dem Gazastreifen hatte Scharon den regierenden Likud-Block verlassen. Umfragen zufolge kann Scharon mit einem Wahlsieg rechnen.
(N24.de, Netzeitung)
05. Januar 2006
Scharons "letzte Schlacht"
Carsten Hoffmann
Das plötzliche Ausscheiden des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon aus dem politischen Leben bedeutet für Israel das Ende einer Ära. Nach einer dramatischen Nacht, in der viele seiner Landsleute schockiert die Nachrichten aus dem Hospital verfolgten, sprachen Ärzte am Donnerstag von geringen Aussichten auf eine vollständige Genesung des 77-jährigen. Auch Vertraute aus den Reihen von Scharons neuer Partei Kadima stellen sich darauf sein, dass er nicht mehr Regierungschef sein kann.
«Selbst wenn der Ministerpräsident, wie durch ein Wunder, unversehrt zurückkehrt, wird sich seine politische Situation geändert haben», kommentiert die israelische Tageszeitung «Jedioth Achronot». Sie schreibt von einer «letzten Schlacht» Scharons, die die politische Situation im Land umkrempele.
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Scharon 2005 in Gaza: Vom Unwählbaren zum Unverzichtbaren (dpa)
Vom Unwählbaren zum Unverzichtbaren
«Die Kadima-Partei, die gestern registriert (ins Parteienverzeichnis eingetragen) wurde, wurde als Ein-Mann-Partei aus der Taufe gehoben. Scharon war der Anführer und die Botschaft.» Selbst bei einer Besserung seines Gesundheitszustandes würde Scharon die Wähler erst überzeugen müssen, dass seine Partei das Land auch ohne ihn führen könnte.
Etwa ein Drittel der Wähler in Israel wäre bisher nach Umfragen bereit gewesen, Scharon und seiner Partei ihre Stimme zu geben. Der Ex-General und Politiker, dem oftmals Methoden eines Bulldozers nachgesagt wurden, hat in den Augen vieler Israelis den Wandel zum Staatsmann vollzogen.
Der einst als «unwählbar» bezeichnete Scharon, hat sich ihnen unverzichtbar gemacht. Er hat den Israelis ein politisches Programm vorgelegt, das den Abzug aus einigen Palästinensergebieten damit verknüpfte, Teile des besetzten Westjordanlandes «für immer» zu beanspruchen und mit einer Sperranlage abzutrennen.
Palästinenser verfolgen die Nachrichten: Machtvakuum befürchtet (dpa)
Palästinener fürchten Machtvakuum
Deswegen gilt Scharon den Palästinensern auch nach dem Abzug aus dem Gazastreifen nicht als Mann, der zu einem friedlichen und gerechten Ausgleich im Nahost-Konflikt bereit gewesen wäre. Scharons Bedeutung liege aber darin, dass er getroffene Vereinbarungen in Israel habe durchsetzen können, sagen Palästinenservertreter. Scharons Ausscheiden aus dem Führungsamt könne in Israel zu einem Machtvakuum auf Kosten der Palästinenser führen, warnte deren Chefunterhändler Sajeb Erekat.
Die Lage in den Palästinensergebieten könne sich zunächst verschlechtern, meint der palästinensische Kommentator Hani Masri in Ramallah. Langfristig werde Scharons Abwesenheit besser für die Palästinenser sein, weil er starke internationale Unterstützung für seine Politik gehabt habe, meint Masri. «Scharon konnte ohne Kritik und Widerspruch tun und lassen, was er wollte. Für die Zukunft der Palästinenser war dies eine ernste Gefahr. Scharon war dabei, einen palästinensischen Ministaat zu schaffen. Er hat den Friedensprozess gestoppt. Die Themen Jerusalem und palästinensische Flüchtlinge wollte er von der politischen Landkarte wischen», erklärt Masri.
Scherze über strotzende Gesundheit trotz Leibesfülle (dpa)
Vor Herzoperation zurückgeschreckt
Doch ein politisches Durchstarten Scharons, wie er es nach der für Ende März geplanten Parlamentswahl beabsichtigt hatte, schien am Donnerstag unwahrscheinlich. Auch wenn Scharon die kommenden Tage überlebe, werde er für lange Zeit im Krankenhaus bleiben müssen, erklärten Ärzte. Fachleute diskutieren, ob ein Mittel zur Blutverdünnung, das Scharon seit seinem leichten Schlaganfall Mitte Dezember bekomme hatte, zu der schweren Gehirnblutung beigetragen habe.
Scharon selber habe vor einer für Donnerstag geplanten Herzoperation zurückgeschreckt, berichten israelische Medien. Der 77-Jährige, der keinem Konflikt aus dem Weg ging, habe die Behandlung gescheut. Einen bitteren Schlagabtausch habe er stets dem Gang zum Zahnarzt vorgezogen. Über seine strotzende Gesundheit habe Scharon Scherze gemacht. Nun habe er den Stuhl des Ministerpräsidenten verlassen, ohne einen Nachfolger aufgebaut zu haben. (N24.de, dpa)
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05. Januar 2006
Comeback der Hardliner?
Von Steven Gutkin
Der schwere Schlaganfall des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon wird vermutlich auch verheerende Auswirkungen auf den Friedensprozess im Nahen Osten haben.
Knapp drei Monate vor der israelischen Parlamentswahl könnten in Israel die Hardliner um den populistischen Exministerpräsidenten Benjamin Netanjahu neuen Auftrieb bekommen. Und obwohl Scharon bei den Palästinensern keineswegs beliebt ist, so hat er doch durch den
Abzug aus dem Gazastreifen seine generelle Bereitschaft zu einem Kompromiss gezeigt.
Zukunft der Kadima ohne Scharon offen
Erst im November hatte Scharon den konservativen Likud-Block verlassen, um eine moderate Partei der Mitte zu Gründen. Kadima galt als aussichtsreichste Partei bei der für den 28. März geplanten Wahl. Doch die Partei ist vor allem eine Ein-Mann-Schau Scharons, und ohne ihn wäre ihre Zukunft völlig ungewiss. Doch Ärzte beurteilten die Aussicht auf eine vollständige Genesung Scharons nach dem Schlaganfall und den starken Hirnblutungen als äußerst schlecht.
In den vergangenen Monaten haben viele Israelis ihre Hoffnungen in Scharon gesetzt. In ihren Augen ist der einst eisenharte Kommandeur und Verteidigungsminister der einzige Politiker, der die endgültigen Grenzen ihres Staates festlegen kann.
Jahrzehntelang war Scharon der eifrigste Verfechter der Siedlungspolitik, doch im September setzte er gegen massiven innenpolitischen Widerstand den Abzug aus dem Gazastreifen durch. Als erster israelischer Regierungschef trat er damit Land an die Palästinenser ab, das diese für einen künftigen Staat beanspruchen.
Stellvertreter Olmert fehlt das Profil
Scharons Wandlung vom Falken zum Pragmatiker - zusammen mit dem Tod des langjährigen palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat vor 14 Monaten - hat dem Friedensprozess nach fünf Jahren Intifada wieder Schwung verliehen.
Für den März war ein Sieg Scharons über den als friedensunfähig geltenden Netanjahu und gegen den neuen Chef der Arbeitspartei, Amir Perez, erwartet worden. Beiden war nicht zugetraut worden, eine neue Koalition schmieden zu können. Das könnte sich jetzt ändern.
Scharons Stellvertreter, Vizeministerpräsident Ehud Olmert, hat zwar die Amtsgeschäfte übergangsweise übernommen. Er ist als langjähriger Vertrauter und gelegentlich als Sprachrohr Scharons sehr bekannt. Allerdings ist sein politisches Profil bislang zu flach, als dass ihm zugetraut würde, sich leicht gegen Netanjahu oder Perez durchsetzen zu können.
Comeback von Schimon Peres?
Nachdem der Friedensnobelpreisträger Schimon Peres den Machtkampf in der Arbeitspartei gegen Perez verloren hat, schloss er sich Scharons Kadima an. Ob er in der neuen Partei die Führung übernehmen könnte, ist fraglich. Zwar war er drei Mal für jeweils kurze Zeit Ministerpräsident. Doch nicht ein Mal konnte der 82-Jährige bislang eine Wahl gewinnen.
Gleichwohl hat er seine Ambitionen bis heute nicht fallen gelassen. Als Scharon am
Mittwochabend seinen Schlaganfall erlitt, hatte er die Liste der Kadima-Kandidaten noch nicht fertig gestellt.
Der israelischen Politik droht Chaos
Trotz der ausufernden Gewalt im Gazastreifen drei Wochen vor der palästinensischen Parlamentswahl gab sich Scharon zuletzt zuversichtlich, im Jahr 2006 Fortschritte im Friedensprozess zu erzielen. Damit war allerdings erst nach der israelischen Wahl im März zu rechnen.
Sein Ausfall als Ministerpräsident könnte die israelische Politik ins Chaos stürzen. Gleichzeitig würde sich das Beziehungsgeflecht zwischen Palästinensern, Israelis, aber auch den USA neu zusammensetzen. Trotz der Aufgabe israelischer Siedlungen im Gazastreifen und im Westjordanland sehen die meisten Palästinenser in Scharon einen Feind, der brutale Militärkampagnen gegen ihr Volk geführt hat.
Unterstützung der Bush-Regierung
Mit US-Präsident George W. Bush verbindet Scharon dagegen eine persönliche Freundschaft. Bush empfing den Gast aus Israel häufig im Weißen Haus, und er lobte dessen Entscheidung, den Gazastreifen aufzugeben, als mutigen Schritt zum Frieden. Und Bush unterstützt Scharon in dessen Forderung an die palästinensische Autonomiebehörde, entschiedener die radikalen Gruppierungen zu bekämpfen. (AP)
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Gute Besserung Herr Ministerpräsident
