Luka Karadzic hält seinen vom UN-Kriegsverbrechertribunal
gesuchten Bruder Radovan für einen Humanisten
Radovan Karadzic
Belgrad - Wenn man durch die Innenstadt Belgrads wandelt, sieht man junge Männer in Radovan-Karadzic-T-Shirts. Auf der Fußgängerzone kann man Souvenirs mit dem Aufdruck des ehemaligen bosnisch-serbischen Präsidenten kaufen. Darauf steht: "Srpski Heroj" (auf Deutsch: "Serbischer Held"). Manche Restaurants ziert ein gerahmtes Karadzic-Porträt. Die Buchläden zeigen seine Werke in den Auslagen. Alltag in Belgrad. Radovan Karadzic ein Kriegsverbrecher? Vielen Serben ist das nicht bewußt. Der Belgrader Radio- und Fernsehsender B92 versucht, mit BBC-Dokumentationen die Kriegsverbrechen von Radovan Karadzic den Serben näherzubringen. Doch die Einschaltquote bleibt gering. Viele Serben mißtrauen dem Sender und meinen, er sei vom Westen gekauft. Die westliche Sicht der früheren Jugoslawien-Kriege mögen viele Serben nicht glauben. Zu lange waren sie der Propaganda des ehemaligen Präsidenten Slobodan Milosevic ausgesetzt. Und viel zu wenige konnten durch die strikten Visumbestimmungen in den letzten Jahren reisen. Mit Luka Karadzic sprach Susanne Simon über dessen umstrittenen Bruder Radovan.
DIE WELT: Herr Karadzic, Ihr Bruder ist der meistgesuchte Kriegsverbrecher im ehemaligen Jugoslawien. Jetzt hat er seinen ersten Roman veröffentlicht. Geht es Radovan Karadzic gut?
Luka Karadzic: Das weiß ich nicht. Ich habe keinen Kontakt zu ihm. Seit Ende 1998 habe ich ihn nicht mehr gesehen. Den Zeilen seines Romans zufolge, scheint er auf einer mentalen Höhe zu sein. Mein Bruder ist ein starker Mann. Ein Humanist, der Menschen über alles liebt. Ein Psychiater, der sich immer unter Kontrolle hat.
DIE WELT: Heißt das, daß er immer noch sehr viele Menschen um sich hat? Freunde? Familie? Ehemalige Parteianhänger?
Karadzic: Mein Bruder hält sich wahrscheinlich in der bosnischen Serbenrepublik auf. Jeder ist dort sein Freund. Fahren Sie dorthin und überprüfen Sie das. Seine politische Gesinnung wird von der Bevölkerung geteilt. Er wird respektiert und verehrt. An einem Lösegeld für seine Verhaftung ist kein Serbe interessiert. Und jene, die sich aufmachten, ihn des Geldes wegen zu suchen, waren ausländische Nichtsnutze.
DIE WELT: Wie und wo lebt Ihr Bruder? Mit seinen alten Freunden in Pale?
Karadzic: Ich weiß nicht, wie und wo Radovan lebt. Wie gesagt, ich habe keinen Kontakt. Aber ich kenne und liebe meinen Bruder und weiß, daß er die schwierigen Umstände nutzt, die serbische Wahrheit ans Licht zu bringen. Dokumentarisch, poetisch und jetzt literarisch.
DIE WELT: Könnten Sie die serbische Wahrheit genauer beschreiben. Um was geht es Radovan Karadzic?
Karadzic: Mein Bruder hat sich immer für die Interessen des serbischen Volkes eingesetzt. Für ihr Wertesystem, für die serbische Moral und Gerechtigkeit. Er liebt unsere Menschen und unsere Natur. Er hatte Serbiens erste Grüne Partei gegründet. Er wollte immer, daß alle Ethnien in Bosnien friedlich zusammenleben. Kroaten, Moslems und Serben. Mein Bruder war immer gegen den Krieg. Er wollte kein Blutvergießen. Er wollte keine ethnisch gesäuberten Gebiete ...
DIE WELT: . . . die es jetzt in der bosnischen Serbenrepublik gibt.
Karadzic: Der Westen schreibt immer negativ über uns Serben. Wir sind die Täter. Schluß aus. So war es aber nicht. Der Krieg in Bosnien wurde durch die moslemische Bevölkerung initiiert. Unsere Kinder und Frauen wurden angegriffen. Unsere Kirchen und Klöster zerstört. Religiöse Motive waren Auslöser für so viel Leid. Mein Bruder, damals erfolgreicher Psychiater, wollte nicht zulassen, daß wir Jahrhunderte zurückfallen. Daß aus religiösen Gründen wieder gemordet wird. Wir hörten schon damals, daß die moslemischen Bosnier Unterstützung aus Saudi-Arabien, aus dem Iran und selbst aus Afghanistan bekamen. Geld, Waffen, Kämpfer, mit denen sie uns Serben vertreiben wollten. Mein Bruder hat uns durch sein politisches Handeln verteidigt. Den Serben eine Stimme gegeben und Waffen zur Verteidigung besorgt. Mein Bruder Radovan konnte die serbische Seele in Bosnien retten ...
DIE WELT: . . . dabei floß viel Blut.
Karadzic: Jedes Blutvergießen ist ein Grauen. Aber schauen Sie sich die Amerikaner an. Sie wurden nur an einem Tag von einer islamistischen Terrororganisation angegriffen. Seither führen sie Krieg. Fast gegen die ganze islamische Welt. Jeden Tag sterben unschuldige Menschen. In Bosnien wurden wir über Jahre von Moslems und Kroaten angegriffen. Sie wollten uns aus dem eigenen Land vertreiben. So, als wollten die islamischen Amerikaner sämtliche Christen aus den USA vertreiben. Das darf man doch nicht zulassen. Da muß man sich verteidigen.
DIE WELT: Und die Massengräber in Srebrenica? Die rund 7000 ermordeten moslemischen Männer, für die Ihr Bruder vom Haager UN-Tribunal wegen Völkermordes angeklagt ist?
Karadzic: Ich war in Srebrenica nicht dabei gewesen. Ich weiß nicht genau, was geschah. Im Westen heißt es, die Serben haben dort ein Massaker veranstaltet. Meinen Bruder, Radovan Karadzic, nimmt man als Projektionsfläche, als Inbegriff des Bösen. Wer aber genauer hinschaut, wer an der serbischen Wahrheit interessiert ist, sollte den schrecklichen Fall dort untersuchen. Unser Komitee zur Wahrheitsfindung recherchiert seit einiger Zeit. Wir haben viele Schwachstellen bei den Franzosen gefunden. Und bei weiteren internationalen Friedenstruppen. Die gefundenen Massengräber in der Nähe von Srebrenica enthalten Gebeine aus anderen Kampfregionen. Aus Zenica, aus Tuzla, selbst aus Sarajevo hat man später die Gebeine der Verstorbenen dort vergraben, um den Serben die Schuld an einem Massaker vorwerfen zu können.
DIE WELT: Sie meinen also, daß Ihr Bruder kein Kriegsverbrecher ist?
Karadzic: Nein, mein Bruder ist kein Kriegsverbrecher. Im Gegenteil, mein Bruder ist ein serbischer Held, auf den viele Serben stolz sind.
DIE WELT: Und die Anklage des
Haager UN-Tribunals wegen Vertreibung und Völkermord?
Karadzic: Die Anklage steht. Und eines Tages werden sie meinen Bruder verhaften. Noch lebt er wie im Exil. Ich bete zu Gott, daß er weiterhin bei guter Gesundheit bleibt.