Noch einmal: Der „Plan“ war kein Friedensplan, sondern lediglich die Grundlage für weitere Verhandlungen. Das Ding war von „Umsetzen“ weit entfernt, bzw. war in dieser Form nicht umsetzbar. So haben ihm zum damaligen Zeitpunkt auch alle empfunden – sogar die Serben. Genau aus diesem Grunde war die Annahme ja auch leicht, denn es war kein finales Dokument. Zu einem „fertigen Friedensvertrag“ wurde diese Lissabon-Roadmap erst später, im Rahmen serbischer Rechtfertigungspropaganda für den Krieg.
Villeicht haette die Fortführung der Verhandlungen den Krieg verhindert. Sicher. Genau so wie eine Kapitulation Izetbegovics einen Krieg verhindert haette und er eine Enklavierung haette somit hinnehmen müssen. Praktisch wäre es nämlich genau darauf hinausgelaufen.
Dieses Gespräch hatte niemals den ihm unterstellten Charakter. Schauen wir uns das mal im Detail an. Im August 93 veröffentlicht David Binder einen Artikel in der Washington Post der suggeriert, das Zimmermann Izetbegovic zu einem Rückzug der Unterschrift gedrängt hat. Eine Quelle wird nicht benannt, es existiert auch keine zweite, nachprüfbare Quelle die Binders Artikel bestätigt. Das alles interessiert die serbische Propagandapresse aber weder damals, noch heute. Denn es klang ja auch zu gut:
The Bush Administration was pushing the Europeans to recognize Bosnia as an independent country, with a Muslim led Government (Izetbevogic) backed them (Lisbon agreement) off then when he became aware of United States plans to push through recognition of his Government
…
We were surprised at what he had agreed to’ said a senior State Department official responsible for Yugoslav policy whospoke on condition of anonymity
(David Binder, NYT)
Die Feststellung: Zimmermann hat Izetbegovic zur Rücknahme seiner Unterschrift bewogen. Das passt der serbischen Propaganda im Sinne von „
Wer Krieg will, soll ihn auch bekommen. Wir sind nicht Schuld wenn es knallt“. So verwundert es auch nicht, dass die Gegendarstellung von Zimmermann kurze Zeit später, niemals ihren Weg in die serbische Wahrnehmung finden wird. Zimmermann wird da nämlich deutlich und sagt:
The truth is the reverse (…) I encouraged him to stick by his commitment. I believe your assertions that
the United States encouraged Bosnia to scrub the Lisbon agreement (…) are wrong. I am aware of no such
encouragement to Bosnia; none was communicated to me or through me to Mr. Izetbegovic
Heisst also: Das Gegenteil von dem was Binder behauptet ist der Fall. Zimmermann weist die Behauptung, Izetbegovic zur Rücknahme der Unterschrift gedrängt zu haben, von sich. Die bis dato einzige systematische Studie zum Bosnienkonflikt, die auch die Verfassungsverhandlungen analysiert, unterstützt Zimmermanns Position (Burg/Shoup):
„Although the ambassador’s explanation hardly sounded like a ringing endorsement for the Cutileiro plan, the United States was officially supportive of the EC efforts to find a constitutional solution to the
Bosnian crisis”
Ich empfehle die Publikation von Burg/Shoup mal zu lesen. Dort werden die Friedensgespräche analysiert (Die einzige Publikation die sich da analytisch & systematisch mit befasst) . Um es vorweg zu nehmen: Tatsächlich hat es die von Serben immer wieder gerne erwähnte Antiserbische Verschwörung so nicht gegeben. Einzig Deutschland war zu diesem Zeitabschnitt für eine Zerschlagung Jugoslawiens, allerdings nur beschränkt auf Slowenien & Kroatien. Kannst Dir ja das Buch kaufen und mal drin lesen….
Somit wäre der Zimmermann-Mythos demontiert. Noch einmal zu Lissabon: Ich schrieb bereits das die Serben den Plan unterschrieben haben, die militärischen Aktivitäten jedoch auch „Fakten-Schaffen-auf-Terrain“ ausgerichtet waren:
20.3.1992 meldet Kukanjac nach Belgrad, das die militärische Aufrüstung der Serben faktisch abgeschlossen ist (Cenic/ICTY 27.3.2006) . 70.000 Serben wurden bewaffnet, am
22.3.1992 begannen militärische Operationen der Serben um die Kontrolle bosnischer Gemeinden.
23.3.1992: Einheiten der HVO und der TO BiH leisteten bei Bosanski Brod Widerstand gegen serbische Kräfte (Vgl. Tanjug 22.3.1992 und BBC 24.3.1992, UPI 25.3.1992 und auch C.I.A. 2002: 145.). Von regulären Einheiten der HV kann hier keine Rede sein, auch wenn natürlich nicht ausgeschlossen ist, das von der kroatischen Seite Hilfe gekommen ist. Im gleichen Zeitraum beginnen serbische Kräfte (ab
25.3.1992) mit gross angelegten militäroperationen in der Semberija, die später darin enden wird, das die Verteidiger des Serbentums auf wehrlose Frauen eintreten.
Diese militärischen Vorgehen fussten praktisch auf den Variant A/B Plan der Serben von
1991, die von ihnen beanspruchten Gebiete auch gewaltsam einzunehmen. Brod gehörte zu diesem Gebieten, da es im Hinblick auf das tatsächliche Ziel, nämlich der Vereinigung aller serbischen Länder, ein wichtige Rolle spielte.
Mit anderen Worten: Die Serben höhlten die Grundlagenerklärung durch militärische Aktionen aus, in den sie versuchten in den Gebieten militärisch die Kontrolle zu erlangen, die sie ohnehin beanspruchten. Besonders deutlich erkennbar am Verhalten Koljevics: Am
24.3.
92 verlangte er in London die Anerkennung Bosniens so lange nicht zu vollziehen, wie die territoriale Aufteilung nicht zwischen den Volksparteien vereinbart war. Carrington verweigerte hier eine Zusage. Kommen wir hier zur Aussage von Aleksa Buha, ehem. Aussenminister der RS:
„Mi smo ga samo prihvatili, da bi dobili na vremenu“
"Wir nahmen den Plan an, um Zeit zu bekommen"
Um diesen Satz zu verstehen, ist es wichtig sich die eigentlichen Territorialforderungen der Serben anzusehen:
Wozu brauchte man Zeit? Ganz einfach: Der Variant A/B Plan wurde auf serbischer Seite bereits umgesetzt. Während man also noch verhandelte, konnte man so auf dem Terrain seine eigenen, gewünschten Fakten schaffen und so seine Verhandlungsposition stärken. Dabei nutzer er das katastrophale Krisenmanagement der EG/GASP (siehe Tobias Heider – Dissertation) geschickt aus und musste eine Intervention nicht fürchten. Zieht man dan die Verhandlungen in die Länge und ist Herr über weite Territorien, drückt man seine Bedingungen auf. Das Prinzip nennt sich dann: Recht des Eroberers. In diesem Zusammenhang erscheint auch ein Satz Milosevics, just zu jener Zeit, völlig plausibel:
„Soll Izetbegovic doch seinen Staat bekommen. Er wird so gross sein wie er in Sarajevo aus seinem Keller überblicken kann“.
Man wusste also:
- Europa wird nicht in BiH intervenieren
- Eroberte Gebiete werden legalisiert
- Erfolgt die territoriale Aufteilung noch vor einer endgültigen Friedenslösung und vor Anerkennung des Staates, ist letzterer vlt. aufgrund seiner Nicht-Lebensfähigkeit auch gar nicht mehr anerkennenswert
Na….wird Dir jetzt klar warum Karadzic nur zum Schein unterschrieb und Zeit brauchte ? Ich behaupte ganz klar: Wenn die Verhandlungen weiter gegangen wären, hätten die Serben just jene Zeit bekommen um den Staat nicht anerkennungswürdig zu machen. So aber blieb die Option die serbischen Gewaltekszesse hinnehmen zu müssen, parallel dazu aber eine Anerkennung zu erhalten bei der -auch im Rahmen von Verhandlungen- die serbischen Eroberungen nicht automatisch komplett legalisiert werden.
Manch einer behauptet, das Dayton im Vergleich zu Lissabon Scheisse ist. Das aber stimmt nur insofern, wenn man die Lissabon Verhandlungen total und völlig falsch auslegt. Weder war die Karte final, noch findet sich ein Aspekt aus dem Lissabon-Vertrag in der heutigen Verfassung wieder. Nämlich das in den ethnischen Regionen immer nur das Volk konstitutiv ist, welches den „Zuschlag“ für dieses Territorium erhalten hat. Ferner hat auch nicht jede Region das Recht eine eigene Armee zu haben.
Kurzum: Die Lissabon-Runden waren Verhandlungsvorschläge und der Vertrag selbst kein Friedensvertrag, sondern Grundlage für weitere Gespräche.
Kommen wir aber nun wieder auf Koljevic zurück. Nachdem er eine Abfuhr erhalten hat und sich die Engländer nicht auf serbische Forderungen einliessen, stellten die Serben das Abkommen vom
18.3.1992 faktisch noch vor Izetbegovic in Frage in dem sie es an diese Bedingung knüpften die so nicht Bestandteil der Verhandlungsgrundlage waren (Territorialaufteilung/Innere Verfassung vor Anerkennung). Parallel dazu liessen sie ihre militärischen Aktivitäten verstärken und Izetbegovic zog hier -auch wenn ich ihn persönlich nicht mag- die richtige Konsequenz. Er zog seine Unterschrift zurück.
Wie bescheuert der serbische Mythos von Lissabon ist, lässt sich anhand folgender Fakten aber schnell erkennen. Am
30.3.
1992 gab es erneute Gespräche im Rahmen der Lissabon Initiative (Brüssel). Auf explizite Nachfrage Cutileiros wurde das Abkommen von Sarajewo
von allen drei Parteien als Verhandlungsgrundlage akzeptiert. Als weiteres Problem erwiesen sich hier die Kroaten, diese standen zwar nach dem Sturz des pro-bosniakischen Führers Stjepan Kljujic mit Mate Boban eher auf Linie der Serben. Hier aber schwenkten sie um und liessen die praktisch mit Karadzic auf einer Linie liegende Forderung nach "Innere Verfassung vor Anerkennung" fallen und standen nun praktisch näher am bosniakischen Lager und der Haltung des inzwischen abgesägten Stjepan Kljujic.
Bei den Gesprächen forderte Karadzic die Anerkennung Bosniens nur als Staatenbund mit 3 Staaten und keinesfalls mit seiner Republiksverfassung. Ohnehin hat er mehrfach deutlich gemacht, dass die bisherige Verfassung, egal ob unabhängig oder nicht, für ihn nicht akzeptabel ist. Milosevic bekräftigte einen Tag später diese Position. Die Gespräche scheiterten sowohl an der serbischen Forderung, als auch an der Tatsache das man sich nicht gemeinsam auf eine Roadmap einigen konnte.
Am
3.4.1992 stellte sich Kukanjac als oberster JNA-Vertreter hinter die bosnischen Serben, was im Grunde nur noch Makulatur war. Denn der Serbensupport durch die JNA war ja bereits seit mehr als einem Jahr offensichtlich. Die Serben verschärften nun ihre Kampfhandlungen, worauf Izetbegovic legitimer Weise den Ausnahmezustand und die Mobilmachung der TO ausrief. Karadzic stellte Izetbegovic hier ein Ultimatum das zurückzunehmen (Obgleich er schon an mehreren Stellen angriff) und letzlich führte die Verweigerung Izetbegovic zu einem Angriff der Serben am
5.4.92 auf das Regierungsviertel und die Polizeiakademie (Vraca). Kampfflugzeuge der JNA griffen das Stadtzentrum von Sarajevo an. Somit war klar: Die einst gemeinsame Armee ist nun Agressor. Parallel schossen serbische Scharfschützen in eine Menge die für den Frieden demonstrierte. Der
5.4.92 forderte 5 Tote und an diesem Tag wurde die Lähmung des bosnischen Regierungsviertels durch die SDS verhindert, die Angriffe zurückgeschlagen. Der EU, welche die Anerkennung immer als letztes Druckmittel gegen die Serben in der Hand hielt, blieb nichts anderes übrig als die Anerkennung im Rahmen der EPZ-Sitzung auszusprechen:
Anerkennung BiH´s in den Republiksgrenzen und gemäss der Republiksverfassung.
Tobias Heider stellt in seiner Dissertation "EU/GASP Krisenmanagement am Beispiel Bosnien & Hercegovina" hierzu sehr treffend fest:
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass sich der Konflikt um die äußere Verfasstheit im Zeitabschnitt maximal verschärfte und in einen gewaltsamen Konfliktaustrag überging. Der Umschwung des kroatischen Lagers zugunsten der international anerkannten Unabhängigkeit als oberstes Ziel und die zunehmend kompromisslose Haltung des bosnischen Lagers in der Frage waren in erster Linie der Tatsache geschuldet, dass das serbische Lager in der Frage der inneren Verfasstheit bereits zwei Wochen vor der Anerkennung zu militärischen Mitteln gegriffen hatte. Am Ende des Zeitabschnitts war der Konflikt um die bosnischen Außengrenzen nicht nur militärisch eskaliert, sondern durch die Ausrufung der Republika Srpska auch institutionalisiert.
Na? Noch Fragen dazu wer hier den Krieg vom Zaun gebrochen hat bzw. nach Sjekovac und der Bascarsija die endgültige Eskalation einleitete ?
Natürlich waren auch die Bosniaken Schuld. Hätten sie kapituliert, sich 100% den serbischen Forderungen unterworfen, wäre uns allen ein Krieg erspart geblieben. So wie es 1999 der Fall gewesen wäre, wenn die Serben Rambouillet vollständig akzeptiert haetten. Ne ?
Noch einmal zur Erinnerung: Der Carrington-Cutileiro Plan war kein fertiger Friedensplan, sondern eine Verhandlungsgrundlage – Auch für die Serben. Warum die Serben darauf eingehen konnten habe ich Dir faktenbasiert dargestellt. Ich nehme an es hält Dich trotzdem nicht davon ab der serbischen Auslegung weiter zu folgen: Nicht weil sie wahr ist, sondern weil Sie Dir nur am besten passt. Das man als Serbe gerne an Mythologien festhält, trifft auf mein vollstes Verständnis....(*spass*)
Izetbegovic hatte keinen Variant A/B Plan, der die gewaltsame Übernahme in Gemeinden mit serbischer Mehrheit vorsah. Er hat sich auch nicht bewaffnet oder sich eindeutig militärisch mit den Kroaten geeinigt. Izetbegovic hat sich auch nicht mit Tudjman über die Teilung Bosniens zu Lasten der Serben, respektive mit Milosevic zu Lasten der Kroaten unterhalten. Einen Plan hatte der nicht und genau das begründet auch die hohen Opferzahlen der Bosniaken und die richtige Feststellung Karadzics bei seiner Rede im bosnischen Parlament, die man auch anders auslegen kann:
„Wir halten euch eine Knarre an den Kopf und ihr wagt es tatsächlich nicht klein beizugeben?“
Die Unterschiede zwischen den Vorschlägen von Carrington-Cutileiro und Dayton habe ich Dir dargestellt. Der Verhandlungsvorschlag von Carrington-Cutileiro beinhaltete faktisch ein noch dezentraleres Modell, die Exklusivität der Konstitution immer nur auf ein Volk bezogen. Es beinhaltete eine Armee und ein Modell einer Staatenföderation. Da ist Dayton durchaus vorteilhafter.
Aber wie erwähnt: Carrington-Cutileiro war kein fertiger Friedensplan (Auch wenn er für eine Verhandlungsgrundlage -die ich hier gerne posten kann- sehr umfangreich war). Man kann also nicht etwas annehmen, was nur die Grundlage für weitere Verhandlungen darstellt. Ein Krieg wäre am Ende sicherlich dadurch verhindert worden, dass zum Schluss der Verhandlungsvorschlag im Prinzip keiner mehr ist, weil die Serben zwischenzeitlich Fakten geschaffen haben die auf eine völlige Kapitulation der Bosniaken hinausgelaufen wäre.
Du hast Recht wenn Du sagst das es keinen Krieg gegeben haette. Langfristig haetten die Serben so ihre Ziele eleganter erreicht: Kaum lebensfähigke Enklaven haetten zu einem Fortgang der Bosniaken geführt (Wie von Biljana Avramov während der Tikves-Verhandlungen
Anfang 91 im Falle einer Teilung Bosniens zwischen Kroaten & Serben, prognostiziert) und die RS könnte heute niemand mit Fug & Recht als serbischer Wunsch nach Afirmation, geschaffen auf Mord, Vertreibung und Genozid, bezeichnen.
In Kroatien ist diese Nummer nicht aufgegangen (Daher wird da wohl auch nix gefeiert). Während man in Bosnien sein Ziel teilweise erreicht hat und Irinej dort mit seinen Kerzen rumschwingen kann und von serbischen Staat faselt, hält man auf die RSK wohl nicht mal mehr ´ne Trauerlithurgie ab – Glückwunsch.