Afroasiatis
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Es geht bei dem Begriff "Antisemitismus" nicht so sehr um eine begriffliche Definition sondern um eine Ideologische. Dein favorisierter Begriff "Antijudaismus" kann das Phänomen "Antisemitismus" garnicht richtig erfassen da dieser Judenfeindschaft impliziert. Antisemitismus jedoch braucht keine realen Juden sondern richtet sich gegen alles "jüdische" (also alles was mit Zinsen, Börsen, Gier, Urbanität etc. zu tun hat) scheissegal ob Juden dahinter stehen oder nicht.
Oder um es einmal konkret zu erklären damit Ruhe ist: Religiös motivierter Antisemitismus entstand aufgrund der Legende dass die Juden für die Kreuzigung Jesu verantwortlich wären. In dieser Zeit entstanden auch die Mär der Brunnenvergifter und Ritualmordlegenden.
Mit der Enstehung und Aufkommen des modernen warenproduzierenden Systems bzw. des modernen Kapitalismus vermischte sich dieser religiös begründete Judenhass mit weiteren Komponenten. Die Juden lebten in Europa in der Diaspora und hatten nicht die Erlaubnis die meisten der damals bekannten Berufe auszuüben und wurden in die Sphäre des zirkulierenden Kapitals verbannt (als Geldverleiher, Händler etc.). Die durch das neue Wirtschaftssystem verelendete Bevölkerung machte nicht das System als GANZES sondern nur die Zirkulationssphäre des Kapitals für Ihre Not verantwortlich (ähnlich wie später die Nazis, die das "arische schaffende Kapital" förderten aber das "raffende, jüdische Kapital" ausmerzen wollten obwohl beide Seiten eig. der gleichen Medaille angehören).
Hier kurz ein paar Stichpunkte zur Kennzeichung antisemitischer/antizionistischer Stereotype:
- die Juden als die Personifikation des raffenden, geldgeilen Finanzkapitals, die aus allem versuchen Profit zu schlagen
- die Juden als Tätervolk, das zur Vertuschung ihrer Taten (und natürlich um Kohle einzusacken) sich in der Opferrolle suhlt
- die Allmacht der Juden ("Man darf Israel nicht kritisieren, sonst ...")
- die jüdische Kontrolle über die Medien
- der Vorwurf des Selbstverständnisses als "auserwähltes Volk" (was nicht Patent der Juden, sondern zwangsläufig religiöses Prinzip ist)
- am Antisemitismus sind die Juden schuld und nicht die Antisemiten
Es ist Unfug den jüdischen Nationalismus mit dem europäischen Nationalismus zu vergleichen. Natürlich ist Israel formal ein Staat wie jeder andere auch - andererseits aber auch nicht. Du kritisierst an Israel Sachverhalte die für andere Staaten selbstverständlich sind. Eine staatliche bzw. nationale Konstitution hat natürlich immer etwas ausgrenzendes. JEDE Nation - egal ob republikanisch oder völkisch - muss sich die Frage stellen wer zur Nation gehört und natürlich auch wer nicht dazugehört. Und egal welche Antwort dabei herauskommt, ALLEINE die Fragestellung beinhaltet die Negation menschlicher Freiheit und Selbstbestimmung, das gilt auch für Israel.
Andererseits besitzt Israel "Doppelcharakter", das heisst: Einerseits ist Israel eine Nation wie jede andere (was natürlich doof ist, da Nationen an sich doof sind), andererseits aber auch ein bewaffnetes Kollektiv zur Abwehr antisemitischen Terrors bzw. eine Art "Notlösung" bis die Menschheit emanzipiert ist und solche irrationalen Ideologien in der gesellschaftlichen Irrelevanz verschwunden sind. Man sollte die Realitäten und Prinzipien von Staatlichkeit schon erkennen und an Israel nicht etwas kritisieren dass man sich allzuoft für die sog. Palästinenser geradezu herbeisehnt.
Was soll permanent dieses Vertreibungs-Märchen? Es wird immer so getan als ob "Palästinenser" die autochthone "Blut und Boden -verwurzelte"- Bevölkerung dieses Gebietes gewesen seien und die Juden iwann als "fremde Eindringle" den Ureinwohnern "Ihr" Land weggenommen hätten. Es leben heute mehr Araber in diesem Gebiet als vor israelischer Staatsgründung.
2005 wurden z.B. in Jerusalem 174.400 Muslime gezählt, die meisten israelische Staatsbürger. Ein von Organisationen, wie der UNRWA in großen Teilen künstlich geschaffener Flüchlingsstatus, viele der auf der Liste geführten Flüchtlinge sind schon längst in die syrische oder jordanische Mittelschicht integriert (Kennt die Geschichte ein Beispiel von Flüchtlingen seit 60 Jahren?). Es gibt einige Flüchtlingsfragen, die sicherlich mit einer Rückkehrerlaubnis beantwortet werden müssen. Aber warum haben die Araber dieses konkrete Angebot Baraks 2000 denn abgelehnt?
Zu den Atomwaffen: Die USA hat diese Waffen eingesetzt als die genaue Wirkung und die nachfolgenden Konsequenzen noch nicht richtig bekannt waren. War so klar dass dieses Argument kommt. In wievielen Kriegen war die USA seitdem involviert und wie oft kamen Atom-Waffen zum Einsatz? Selbst in Vietnam liess man 58.000 seiner eigenen Staatsbürger im Dschungelkampf krepieren, massakrierte die vietnamesiche Zivilbevölkerung mit Napalm und Agent Orange und dennoch setzte man keine Atomwaffen ein.
Dem iranischen Mullah-Regime ist es egal was es riskiert. Chomenei selbst erklärte inhaltsgemäß: "Der Iran könne getrost untergehen, solange nur der Islam den Sieg davon trägt".
Also, wenn ich dich richtig verstehe, du meinst, dass der Begriff “Antisemitismus” nichts mit Juden oder Semiten zu tun hat, sondern mit der Gegnerschaft zu alles was mit Kapitalismus zu tun hat. Wenn das so ist, warum nennen wir das nicht lieber “Antikapitalismus”? Ist doch ganz unlogisch, den Begriff Antisemitismus für etwas zu verwenden, das mit Semiten nichts zu tun hat. Gerade wenn der arabische Antijudaismus ganz überwiegend mit der Palästina-Frage verbunden ist, und nicht mit Antikapitalismus.
Der deutsche Nationalsozialismus mag vielleicht eine antikapitalistische Rhetorik verwendet haben, in seinem Kern war er aber nicht wirklich antikapitalistisch, wie du auch schon merkst. Also, nach deiner Definition, wären auch die Nazis nicht wirklich antisemitisch.
Das alles was du aufgelistet hast, hat mit dem Antizionismus nicht Vieles zu tun. Mit dem Antisemitismus und Antijudaismus schon. Natürlich sind viele Antizionisten auch antijudisch, und umgekehrt, eine 1:1 Beziehung zwischen den beiden besteht aber nicht. Dass man Israel nicht kritisieren darf, ist nicht das Ergebnis einer jüdischen Übermacht, sondern einfach weil die westlichen (überwiegend nicht-jüdischen) Eliten mit dem Zionismus eng verbunden sind, deswegen erlauben sie auch keine Kritik auf ihn. Das wird nur so lange gelten, als die westlichen imperialistischen Interessen von ihm bedient werden, und danach nicht mehr.
Ich kann aber ein ähnliches Gedankenspiel machen, wie wenn du Antisemitismus mit Antizionismus oder sogar Antikapitalismus gleichsetzst:
Mit der Gründung des israelischen Staates, sind viele europäische Juden aus Europa weg, was natürlich den europäischen Antisemiten nicht so unangenehm war. Außerdem, werden die Juden in so einer Lage versetzt, in der sie ständig in einem Krieg oder kriegsähnlichen Situation sich befinden. So sterben immer wieder einige Juden und gleichzeitig auch viele Araber, also auf jeden Fall Semiten. Also, viel semitisches Blut wird gegossen, ohne dass die europäischen Antisemiten dafür was zu riskieren haben, und dabei werden auch die westlich-europäischen Interessen bedient. Ist das nicht eine fast traumhafte Situation für einen echten Antisemit? Immer besser, wenn dabei besonders Araber sterben, die sprachlich wie wahrscheinlich auch genetisch gesehen semitischer als die Juden sind, die europäischen Juden zumindest.
Die Schlussfolgerung daraus wäre, dass die Unterstützung des Zionismus auch eine Form von Antisemitismus ist.
Das ist natürlich nur ein Gedankenspiel, nicht unähnlich aber zu deinem.
Jetzt zurück in die Wirklichkeit des Palästina-Konflikts:
Nationalstaaten sind im Prinzip falsch, es gibt aber einen Unterschied, wenn zur Nation die Mehrheit der Bevölkerung im Staatsgebiet gezählt wird oder nicht. Im zweiten Fall (wie der Fall von Palästina vor 1948), kann das Problem nur mit Vertreibung oder Entzug der politischen Rechten gelöst werden. Und diese Vertreibung gab es natürlich: wie konnte sonst im Gebiet des israelischen Staates eine ethnische Mehrheit zu einer ethnischen Minderheit innerhalb weniger Monaten verwandelt werden? Wenn du sagst "Es leben heute mehr Araber in diesem Gebiet als vor israelischer Staatsgründung", du meinst bestimmt in absoluten Zahlen, nicht prozentuell, und nicht im Gebiet von damaligen Israel sondern im ganzen Palästina.
Kennt die Geschichte ein Beispiel von Flüchtlingen seit 60 Jahren?
Also, in Zypern sind unsere Flüchtlinge das schon seit 38 Jahren, und wahrscheinlich werden sie leider auch die 60 Jahren erreichen. Darum geht es mir aber nicht jetzt, sondern nur warum man den Rückkehr nicht gleich nach 1948 ermütigt hatte - mit dem es natürlich die jüdische Mehrheit nicht mehr geben würde, und da hast du schon dein Antwort.
Und schließlich, zu Atomwaffen und Iran: von westlichen Medien wird ein ganz falsches Bild vom iranischen Regime oft gegeben, als ob es sich um welche verrückte fanatische Fundamentalisten handelt. Die iranischen Eliten sorgen sich aber vorwiegend um ihre eigene Machterhaltung, wie alle Eliten in der Welt. Egal wie viel sie die eigene Bevölkerung unterdrücken, verfolgen sie eine ziemlich pragmatische Außenpolitik. Sogar wo sie sich in Konflikten außerhalb ihres Gebietes einmischen, machen sie das vorwiegend durch Stellvertreter. Und sie haben kein Problem, sich auch mit sekulären Regimen zu verbünden. Egal was Khomeini gesagt hat.
Dass also der iranische Atomprogramm gefährlicher als der israelische oder der amerikanische ist, ist etwas was man außerhalb der USA, Israels, und vielleicht noch einiger europäischen Länder, nur wenige Leute glauben.
