Ankunft im Flüchtlingslager
Viele Vertriebene landeten schließlich in Notquartieren für „Volksdeutsche“, etwa auf dem Gelände der heutigen Kaserne in Saalfelden (Pinzgau), im zerbombten Hotel Europa (Salzburg-Elisabethvorstadt) und in Grödig (Flachgau). Um diesem Schicksal zu entgehen, seien verwandtschaftliche Beziehungen und persönliche Netzwerke damals enorm wichtig gewesen.
Diese erleichterten auch die Ankunft von Christine Resch-Grüneberg in Tamsweg (Lungau). Die Karpatendeutsche musste als Zwölfjährige ihr ursprüngliches Zuhause in Bratislava (Slowakei) verlassen. Das Fabriksareal ihres Vaters, ein wohlhabender Industrieller, sollte kurz vor Kriegsende als Waffen- und Pferdelager verwendet werden.
Von Bratislava nach Tamsweg
Deshalb beschloss die Familie, aus der slowakischen Hauptstadt in den Lungau zu flüchten, erinntert sich Christine Resch-Grüneberg: "In Tamsweg lebte damals eine Freundin meiner Mutter, und sie hat immer gesagt: Dort fallen keine Bomben, dort kommt ihr mal hin, wenn ihr Angst habt.“
Dabei konnte die Familie Grüneberg nur das Allernotwendigste mitnehmen, mit dem Ziel endlich wieder ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben. Die Karpatendeutschen kamen schließlich am Wengerhof in Tamsweg unter: „Man hat in dem gleichen Raum zu fünft gekocht und geschlafen. Dahinter war ein Plumpsklo, das für uns auch sehr ungewohnt.“
Wer sich entschied, trotz allem im Herkunftsland zu bleiben, wurde meist aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Trotz ihrer jugoslawischen Staatsbürgerschaft seien die Donauschwaben in der Vojvodina zu Feinden im eigenen Land erklärt worden, sagt Dorothea Steinlechner-Oberläuter vom donauschwäbischen Kulturzentrum in Salzburg: „Das hat dazu geführt, dass jene, die nicht geflüchtet sind, ihrer Bürgerrechte beraubt und auch enteignet wurden.“
Generationenübergreifende Traumata
Dadurch seien teils generationenübergreifende Traumata entstanden, sagt die Psychotherapeutin Ilse Maly. Angesichts der schweren Schicksalsschläge hätten viele beim Neustart versucht, negative Gefühle vollständig auszublenden. Die Suche nach einem Ort, an dem man vollständig dazugehört, begleitete die Vertriebenen dennoch oft ein Leben lang.
Es lohne sich deshalb auch für die Nachkommen, ihre Familiengeschichte besser zu verstehen: „Wenn wir jetzt mit diesem Schicksal der Vorfahren bewusst umgehen, dann entsteht eine heilsame Kraft und da kann sich auch etwas lösen. Und dann darf irgendwann etwas auch einmal vorbei sein.“
Nach Kriegsende haben rund 400.000 Angehörige deutscher Volksgruppen aus Ost- und Südosteuropa in Österreich Zuflucht gefunden. Aus Vergeltung für NS-Verbrechen wegen ihrer deutschen Muttersprache vertrieben, stießen sie auch in der neuen, noch fremden Heimat auf Ablehnung.
salzburg.orf.at