Schön! Mein Fachgebiet (also nicht diei Albaner/Serben-Sache, sondern die Nation/Volk-Sache).
Zuerst: Nation/Volk können nicht einfach so gleichgesetzt werden. Ich schätze, bei der Ursprungsfrage geht es um die Ethnie. Eine Ethnogenese entsteht, wenn sich eine Gruppe von Menschen aufgrund Gemeinsamkeiten von den Menschen in den benachbarten Regionen abgrenzen. Auch innerhalb dieser Gruppe kann es Unterschiede geben, aber so lange die Gemeinsamkeiten überwiegen, kann von EINEM Volk gesprochen werden, und die relevanten Gemeinsamkeiten waren in erster Linie Sprache und Religion. Hierbei ist es nicht unbedingt von Relevanz, ob diese Ethnie sich selbst als solche sieht bzw. ob sie von anderen so wahrgenommen wird, sondern ob sie als Ethnie in diesem Sinne definiert werden kann. Die Ethnologie ist eigentlich eine neuere Wissenschaft, was aber nicht bedeutet, dass sie für Zeiten, als es diese Wissenschaft noch überhaupt nicht gab, nicht gültig ist. Früher definierten sich die Menschen weniger nach Ethnien als nach regionaler Zugehörigkeit. Ein Gemeinschaftsgefühl bildeten Sprache und Religion/Kultur, wobei zu erwähnen ist, dass die Religion grundlegender Faktor für Kultur war. Nur schon deshalb kann der oft benutzte Einwand, bosnische Serben/Kroaten seien doch einfach nur bosnische Christen verworfen werden, weil die Religion als äusserst relevanter Faktor bei der definition der Zugehörigkeit zu einem Volk anzusehen ist.
Besonders relevant ist diese Thematik im Bezug auf die Völkerwanderungen. Damals sahen sich die Menschen selbst nicht in heutigem Sinne bzw. im Sinne der Ethnologie als Volk. Volkszugehörigkeit beduetete damals aus der eigenen Sicht eher die Zugehörigkeit zu einem Stamm oder Clan. Von Aussen wurden Völker benannt, aber nach welcher Definition das geschah, ist schwierig festzulegen. D.h., dass sich eine Ethnogenese durchaus vollziehen konnte, diese aber erst Jahrhunderte später definiert wurde. Herrscher benannten ihr Reich und damit "ihr Volk", sich aber durchaus bewusst, dass in ihrem Reich unter Umständen nicht alle Menschen gleich waren.
Was genau nun zu einer Ethnogenese führt bzw. wann diese stattgefunden hat, ist oft schwierig zu bestimmen. Es ist ja nicht so, dass eine Ethnogenese während eines kurzen Zeitraums vollzogen wird. Oft war das ein Prozess über Jahrhunderte hinweg. Die Lehre der Ethnologie erlebte ihre Blütezeit im 19. Jahrhundert. Ein heute relevantes Kriterium ist das Zugehörigkeitsgefühl. Während früher einfach nach sachlichen Kriterien Völker definiert wurden, ist heute vor allem relevant, ob sich verschiedene benachbarte Menschen einer Region auch zueinander zugehörig fühlen, natürlich ohne dass die sachlichen Kriterien ausser Acht gelassen werden können. Damit übertreten wir die Grenze zur Willensnation. Beispiel hierfür: die Schweiz. Die Nation der Schweizer besteht im Prinzip aus 3-4 Ethnien, welche sich vor allem durch die Sprache voneinander abgrenzen, jedoch sind durchaus auch kulturelle Unterschiede wahrnehmbar. Die Schweizer sehen sich selbst aber als einen Nation und drücken das auch unmissverständlich aus --> Willensnation. Hätten sich alle oder zumindest ein relevanter Grossteil des ehem. Jugoslawiens zu einem jugoslawischen Volk bekannt, wäre auch das eine Willensnation gewesen, ganz ungeachtet der sprachlichen und kulturellen/religiösen Unterschiede.
Grundsätzlich muss davon ausgegangen werden, dass z.B. Kroaten oder Serben, welche z.B. in Deutschland aufgewachsen sind, in ethnischem Sinn gar keine Kroaten oder Serben sind, sondern dass sie im Prinzip eine neue, eigene Ethnie bilden (sozusagen die Ethnie der Deutsch-Kroaten/Kroato-Deutschen oder Deutsch-Serben/Serbo-Deutschen).