E
Ego
Guest
Alqosh – Vor hundert Jahren war jeder vierte Iraker Christ. Heute, in den Zeiten von Terror und Verfolgung, leben die meisten irakischen Christen im Exil. Es gibt aber eine kleine Schar Gläubiger, die sich weigert, ihr Land zu verlassen. Und es gibt einen Pater, der ihnen beisteht.
Fünf Uhr morgens, wenn all das Böse in seinem Land noch schläft, steht Pater Gabriel auf, schlüpft in die Soutane, legt die Kette mit dem silbernen Kreuz um seinen Hals und betet; für Frieden im Irak, seiner Heimat, dafür, dass der Tag ohne schlechte Nachrichten vorübergeht, dass keine Kirche brennt in Bagdad oder Mosul; dass keine Bombe explodiert, die Christen, Jesiden oder Kurden in den Tod reißt. Es stirbt sich leicht im Irak und deswegen gibt es viel zu beten – aber zur Zeit ist es relativ ruhig und, so Gott will, wird es noch eine Weile so bleiben. Die Gewalt, das weiß der Priester, kommt und geht wie Ebbe und Flut.
Vater Gabriel K. Tooma ist ein schmaler Mann mit Brille, sein grau meliertes Haar trägt er akkurat frisiert. Mit seinen 41 Jahren ist er bereits Abt aller katholischen Klöster im Irak. Er geht ein bisschen gebückt, die Hände hinter seinem Rücken verschränkt, das Kreuz um seinen Hals wirkt wie eine Last, an der er schwer zu tragen hat. Seine Heimat hat er im Kloster der Jungfrau Maria in dem Städtchen Alqosh, einer von Christen bewohnten Enklave im Nord-Irak. Sie ist knapp zwei Autostunden von Mosul entfernt, der zweitgrößten Stadt des Landes.
Alqosh liegt im kurdisch verwalteten Teil des Iraks. Dieses Gebiet ist zum Rückzugsort für alle Vertriebenen im Zweistromland geworden. Hier wohnen sie friedlich nebeneinander, auch wenn sie sich nicht unbedingt mögen: Kopten, Christen, Jesiden, Kurden, Moslems und die Anhänger Johannes des Täufers teilen sich das Land – und pflegen ihre Vorurteile.
Das Kreuz im Handschuhfach
Seit einiger Zeit schon strömen immer mehr Iraker in diese Region. Oder sie ziehen gleich ins Ausland. Sie fliehen vor religiösem Fanatismus und einer Politik, die machtlos ist gegen die Gewalt. Die religiösen nicht-islamischen Gruppen machen nur drei Prozent der Bevölkerung aus, aber sie stellen zwanzig Prozent der Flüchtlinge. Wenn sich die Lage beruhigt, kehren einige wieder zurück. So pendelt sich das Leben ein.
Es ist kalt in der Gegend um Ninive, der Wiege des christlichen Glaubens im Mittleren Osten. Ein eisiger Wind pfeift über das Hochplateau. Vater Gabriel steigt in seinen Toyota Corolla, um sich auf die gefährliche Reise zu begeben. Er will seinen Glaubensbruder Vater Steven im Kloster San Giorgio in Mosul besuchen, den letzten katholischen Priester dort.
Letzte US-Kampftruppen haben Irak verlassen
Für die Fahrt legt der Priester die Soutane ab, wie auch das Kreuz, das er im Handschuhfach verstaut. Nur der Priesterkragen, der unter seiner schwarzen Winterjacke hervorlugt, verrät seine Gesinnung. Die kurdischen Milizionäre, die sein Kloster bewachen, schieben das eiserne Rolltor beiseite und salutieren, Gabriel K. Tooma murmelt ein Vaterunser. Am Checkpoint zum Ortsausgang von Alqosh scherzt er mit einem irakischen Soldaten, sagt, dass er keinen Führerschein habe und er ihn bitteschön trotzdem durchlassen möge.
Vater Gabriel fährt dann los, als besäße er wirklich keinen Führerschein. In rasantem Tempo und Gottvertrauen wechselt er immer wieder von der rechten auf die linke Fahrbahn. Sie zieht sich schnurgerade durch die Hügel Kurdistans, auf denen Raureif den Winter ankündigt. Er raucht eine Zigarette nach der anderen und redet noch schneller, als er fährt: „Ich bin der einzige Priester, der sich noch nach Mosul wagt, aber als Abt ist es meine Pflicht.“
In Mosul tummeln sich ehemalige Angehörige von Saddams Baath Partei, religiöse Hetzer und Terroristen der Al-Kaida. Bis vor ein paar Jahren lebten hier mehr als 100000 Christen, jetzt sind es weniger als 5000. Pater Gabriel erzählt, dass alle Kirchen in Mosul geschlossen seien, alle Priester, bis auf einen, die Stadt verlassen hätten und Weihnachten im vergangenen Jahr abgesagt werden musste. Je näher Mosul rückt, desto mehr Straßensperren behindern den Verkehr. Kurdische und irakische Soldaten mit entsicherten Gewehren verlangen nach Ausweisen, schauen in Kofferräume.
Allgegenwärtige Angst
Drei Checkpoints der irakischen Armee sichern das Kloster San Giorgio, das auf einem Hügel neben einer Ausfallstraße am Rande von Mosul steht. Die Zufahrt ist mit Zementblöcken und Stacheldraht versperrt. Als Vater Gabriel ankommt, kann er Priester Steven nicht finden. Das Kloster ist verlassen. Muss er sich Sorgen machen? Er macht sich Sorgen. Familie Maqdasay, die ein paar Straßen weiter wohnt, weiß auch nicht, was passiert sein könnte. Die Maqdasays waren vor einem Jahr nach der blutigen Belagerung einer Kirche in Bagdad von Mosul ins Kloster Alqosh geflüchtet. Zwei Monate lang versorgte sie Vater Gabriel dort. Erst nach Weihnachten trauten sie sich zurück.
Gedämpft dringen die Geräusche der Stadt in das Haus der Familie. Bei Bier und gebrannten Nüssen sitzen Vater Gabriel und die anderen im eiskalten Wohnzimmer und halten sich an den Händen. Atemwolken schweben in der Luft.
Ein paar Mal sind die Maqdasays in den vergangenen zwei Jahren aus Mosul geflohen. Einmal, weil jemand „Christen verschwindet aus Mosul oder wir töten euch“ an eine Hauswand geschmiert hatte. Wenn sie die Wohnung verlassen, bleiben sie per Handy in Kontakt: „Bin nur noch schnell Zigaretten holen, ich bin okay!“ Die Angst ist allgegenwärtig. Dabei seien die Beziehungen zu den Nachbarn eigentlich ganz gut.
Moslemische Freunde der Familie kommen vorbei, weil sie gehört haben, dass Vater Gabriel da ist. Das Bier verschwindet vom Tisch, stattdessen wird gezuckerter Tee serviert. „Wenn wir fliehen, dann lassen wir den Hausschlüssel bei den Nachbarn, sie passen auf alles auf“, sagt Amer Maqdasay, 62 Jahre alt, das Familienoberhaupt. Seine Frau sitzt am Fenster, sie guckt spazieren, wie sie es nennt. „Ich habe Angst, zur Arbeit zu gehen. Viele Frauen verlassen das Haus gar nicht mehr“, sagt sie. Vater Gabriel schaut auf die Uhr. Er will noch einmal nach dem Priester schauen. Umarmungen, Küsse. Friede sei mit euch. Von Pater Steven immer noch keine Spur. Aber Vater Gabriel muss zurück, ehe es dunkel wird.
Am nächsten Tag in Alqosh sitzt er mit Josef Younis in dessen winzigem Wohnzimmer vor einer Tasse türkischen Kaffees. Ein Streifen Sonne fällt durch das Fenster, aus dem man freie Sicht auf St. Michael hat. Das 1400 Jahre alte Kloster klebt wie ein Schwalbennest an einer Felswand. Es ist schon lange verlassen. Der 62-jährige Josef Younis floh mit seiner Familie aus Mosul, nachdem ihn Al-Kaida-Leute entführt und gegen 20000 Dollar Lösegeld wieder freigelassen hatten. „Alles, was ich in dreißig Jahren aufgebaut hatte, wurde innerhalb von Tagen zerstört“, sagt er.
Probleme rechtzeitig erkennen
Vor hundert Jahren war jeder vierte Iraker ein Christ, heute leben die meisten irakischen Christen in Amerika, Skandinavien, Deutschland. Immer mehr Länder bieten den Vertriebenen ein Exil. Vater Gabriel gefällt das nicht. Denn so verliere der Irak seine Identität, seine Kultur. „Seit zweitausend Jahren sind wir ein Teil dieses Landes. Je mehr Christen ins Ausland fliehen, desto mehr Bestätigung erhalten die Terroristen“, sagt er. Mit der zunehmenden Aufmerksamkeit, die das Leiden der Christen im Ausland erfährt, nehmen auch die Terroranschläge zu. „Die Terroristen wähnen sich ihrem Ziel nahe, alle Andersgläubigen zu vertreiben.“
Auch Vater Gabriel wurde angegriffen. Einmal explodierte eine Autobombe vor den Mauern seines Klosters, damals noch in Bagdad. Ein andermal schickten ihm die Killer eine unmissverständliche Botschaft: eine Kugel in einem Briefumschlag. Und auch er entging nur knapp einer Entführung. Die Frau, bei der er immer Zigaretten kaufte, habe ihn gewarnt, sagt er. Da fasste er den Entschluss, nach Alqosh zu gehen. Ins Ausland zu fliehen stand für ihn dagegen nie zur Debatte. „Ich bin Iraker, ich liebe mein Land und die Menschen.“
Wann immer es seine Zeit zulässt, trifft er sich mit Gleichgesinnten zum Tee, dann reden sie und versuchen, Probleme zu erkennen, bevor sie entstehen: Vater Gabriel, der Christ, Younis Ali Musa, der Imam, Peer Hassan Ali, der Jeside, Mohammed Yousif Khamo, der Kurde. Als Verbündete stemmen sie sich gegen den Sog, der die Menschen fortzieht aus ihrem Land. Sie haben den Verein Eyan gegründet, was so viel wie Haus der Weisheit bedeutet. Weil vor der Freiheit das Wissen steht. Ab und an veranstalten sie zum Beispiel Nähzirkel für die Frauen der Umgebung. „Es geht nicht darum, die Sachen zu verkaufen. Unser Ziel ist, dass die Frauen Freundschaften schließen, merken, dass die Christin nicht anders ist als die Muslimin“, sagt der Imam.
Oder sie halten gemeinsam Gottesdienste in Kirchen, Moscheen oder den Tempeln der Jesiden ab. „Die Menschen sollen sehen, dass Christen, Moslems und Jesiden zusammen beten. Wenn sie merken, dass wir uns wie vier Brüder verhalten, bauen sie vielleicht ihre Vorurteile ab“, sagt der Pater. Oft gehe es aber auch nur darum, Streit zu schlichten. Neulich gab es Ärger zwischen den Clans der Jesiden und der Moslems, weil muslimische Jungs mit jesidischen Mädchen angebändelt hätten: „Das haben wir geklärt!“
Wesentlich komplizierter war es, als einem kurdischen Lastwagenfahrer ein Reifen absprang und in der Windschutzscheibe eines Autos landete, in dem eine christliche Familie saß. Ein 13-jähriges Mädchen war nach dem Unfall gelähmt. Die Leute forderte den Kopf des Truckers. „Auch das haben wir auf unsere Art geregelt“, sagt der Imam, ein Hüne mit weißem Bart. „Der Lastwagenfahrer hat sich entschuldigt, 10.000 Dollar Entschädigung an die Familie des Mädchens gezahlt und ein neues Auto besorgt.“ Danach war wieder Ruhe.
Unter Brüdern
Es sind vorsichtige Schritte von Menschen, die sich in ihrem Glauben nicht nahe stehen, die aber genug haben von Krieg, Chaos und Gewalt. Erst die Jahrzehnte unter Saddam, dann die Invasion der Amerikaner, schließlich der Terror. Alle Versprechen für einen demokratischen Neuanfang blieben Lippenbekenntnisse. Die Enttäuschung ist groß, die Hoffnung klein. Das schweißt zusammen. Aber es gibt nicht viel, was man der eigenen Furcht entgegensetzen kann.
Die vier Männer in Alqosh haben für sich eine Lösung gefunden: In Gottvertrauen ausharren! Jeder mit seinem eigenen. Gott ist geduldig. „Wir leben seit Hunderten von Jahren nebeneinander“, sagt der Imam, der aus Mosul flüchten musste, weil islamistische Extremisten ihn für einen Spion der Christen hielten. „Jesus ist mein Bruder. Er war ein Prophet, ich bin ein Prophet. Christen und Moslems sind Brüder“, sagt er und schlägt dabei mit der flachen Hand auf den Oberschenkel von Vater Gabriel. Es ist eine Geste des Respekts und der Zuneigung. Sie lachen und fallen sich in die Arme.
Dann widmen sie sich ihrem Lieblingsthema, der Politik. Sie scherzen, dass sie einen Diktator los sind, aber dafür Hunderte bekommen haben. Und sie schimpfen über die Amerikaner. Erst mit deren Einmarsch sei die Gewalt zwischen den Volksgruppen ausgebrochen. „Nie war es für die Christen im Irak so schwierig wie heute“, sagt Vater Gabriel. Sein jesidischer Kollege nickt heftig: „Uns geht es genauso, aber ihr Christen bekommt die ganze Aufmerksamkeit.“ Und der Imam meldet sich zu Wort, dass man bitteschön nicht die moslemischen Binnenflüchtlinge vergessen soll. Mohammed Yousif Khamo, der Kurde, wippt nur mit den Füßen, hört zu und spitzt manchmal seine Lippen, als wolle er etwas sagen. Er behält seine Gedanken dann aber doch für sich.
Schluss mit Diskutieren, Zeit fürs Mittagessen. Imam Younis Ali Musa lädt zu gebratenem Huhn und Kebabs in sein Haus, anschließend gibt es Kaffee beim Jesiden. Zurück in seinem Kloster, setzt Pater Gabriel sich an den Computer. Er schreibt einen langen Brief an den irakischen Präsidenten. Darin bedankt er sich in schönen Worten für die Soldaten, die die Christen in seinem Land künftig besser schützen sollen.
Am nächsten Tag tötet eine junge Frau in Mosul einen katholischen Arzt.
Christen im Irak: Gott ist geduldig | Politik - Berliner Zeitung
Fünf Uhr morgens, wenn all das Böse in seinem Land noch schläft, steht Pater Gabriel auf, schlüpft in die Soutane, legt die Kette mit dem silbernen Kreuz um seinen Hals und betet; für Frieden im Irak, seiner Heimat, dafür, dass der Tag ohne schlechte Nachrichten vorübergeht, dass keine Kirche brennt in Bagdad oder Mosul; dass keine Bombe explodiert, die Christen, Jesiden oder Kurden in den Tod reißt. Es stirbt sich leicht im Irak und deswegen gibt es viel zu beten – aber zur Zeit ist es relativ ruhig und, so Gott will, wird es noch eine Weile so bleiben. Die Gewalt, das weiß der Priester, kommt und geht wie Ebbe und Flut.
Vater Gabriel K. Tooma ist ein schmaler Mann mit Brille, sein grau meliertes Haar trägt er akkurat frisiert. Mit seinen 41 Jahren ist er bereits Abt aller katholischen Klöster im Irak. Er geht ein bisschen gebückt, die Hände hinter seinem Rücken verschränkt, das Kreuz um seinen Hals wirkt wie eine Last, an der er schwer zu tragen hat. Seine Heimat hat er im Kloster der Jungfrau Maria in dem Städtchen Alqosh, einer von Christen bewohnten Enklave im Nord-Irak. Sie ist knapp zwei Autostunden von Mosul entfernt, der zweitgrößten Stadt des Landes.
Alqosh liegt im kurdisch verwalteten Teil des Iraks. Dieses Gebiet ist zum Rückzugsort für alle Vertriebenen im Zweistromland geworden. Hier wohnen sie friedlich nebeneinander, auch wenn sie sich nicht unbedingt mögen: Kopten, Christen, Jesiden, Kurden, Moslems und die Anhänger Johannes des Täufers teilen sich das Land – und pflegen ihre Vorurteile.
Das Kreuz im Handschuhfach
Seit einiger Zeit schon strömen immer mehr Iraker in diese Region. Oder sie ziehen gleich ins Ausland. Sie fliehen vor religiösem Fanatismus und einer Politik, die machtlos ist gegen die Gewalt. Die religiösen nicht-islamischen Gruppen machen nur drei Prozent der Bevölkerung aus, aber sie stellen zwanzig Prozent der Flüchtlinge. Wenn sich die Lage beruhigt, kehren einige wieder zurück. So pendelt sich das Leben ein.
Es ist kalt in der Gegend um Ninive, der Wiege des christlichen Glaubens im Mittleren Osten. Ein eisiger Wind pfeift über das Hochplateau. Vater Gabriel steigt in seinen Toyota Corolla, um sich auf die gefährliche Reise zu begeben. Er will seinen Glaubensbruder Vater Steven im Kloster San Giorgio in Mosul besuchen, den letzten katholischen Priester dort.
Letzte US-Kampftruppen haben Irak verlassen
Für die Fahrt legt der Priester die Soutane ab, wie auch das Kreuz, das er im Handschuhfach verstaut. Nur der Priesterkragen, der unter seiner schwarzen Winterjacke hervorlugt, verrät seine Gesinnung. Die kurdischen Milizionäre, die sein Kloster bewachen, schieben das eiserne Rolltor beiseite und salutieren, Gabriel K. Tooma murmelt ein Vaterunser. Am Checkpoint zum Ortsausgang von Alqosh scherzt er mit einem irakischen Soldaten, sagt, dass er keinen Führerschein habe und er ihn bitteschön trotzdem durchlassen möge.
Vater Gabriel fährt dann los, als besäße er wirklich keinen Führerschein. In rasantem Tempo und Gottvertrauen wechselt er immer wieder von der rechten auf die linke Fahrbahn. Sie zieht sich schnurgerade durch die Hügel Kurdistans, auf denen Raureif den Winter ankündigt. Er raucht eine Zigarette nach der anderen und redet noch schneller, als er fährt: „Ich bin der einzige Priester, der sich noch nach Mosul wagt, aber als Abt ist es meine Pflicht.“
In Mosul tummeln sich ehemalige Angehörige von Saddams Baath Partei, religiöse Hetzer und Terroristen der Al-Kaida. Bis vor ein paar Jahren lebten hier mehr als 100000 Christen, jetzt sind es weniger als 5000. Pater Gabriel erzählt, dass alle Kirchen in Mosul geschlossen seien, alle Priester, bis auf einen, die Stadt verlassen hätten und Weihnachten im vergangenen Jahr abgesagt werden musste. Je näher Mosul rückt, desto mehr Straßensperren behindern den Verkehr. Kurdische und irakische Soldaten mit entsicherten Gewehren verlangen nach Ausweisen, schauen in Kofferräume.
Allgegenwärtige Angst
Drei Checkpoints der irakischen Armee sichern das Kloster San Giorgio, das auf einem Hügel neben einer Ausfallstraße am Rande von Mosul steht. Die Zufahrt ist mit Zementblöcken und Stacheldraht versperrt. Als Vater Gabriel ankommt, kann er Priester Steven nicht finden. Das Kloster ist verlassen. Muss er sich Sorgen machen? Er macht sich Sorgen. Familie Maqdasay, die ein paar Straßen weiter wohnt, weiß auch nicht, was passiert sein könnte. Die Maqdasays waren vor einem Jahr nach der blutigen Belagerung einer Kirche in Bagdad von Mosul ins Kloster Alqosh geflüchtet. Zwei Monate lang versorgte sie Vater Gabriel dort. Erst nach Weihnachten trauten sie sich zurück.
Gedämpft dringen die Geräusche der Stadt in das Haus der Familie. Bei Bier und gebrannten Nüssen sitzen Vater Gabriel und die anderen im eiskalten Wohnzimmer und halten sich an den Händen. Atemwolken schweben in der Luft.
Ein paar Mal sind die Maqdasays in den vergangenen zwei Jahren aus Mosul geflohen. Einmal, weil jemand „Christen verschwindet aus Mosul oder wir töten euch“ an eine Hauswand geschmiert hatte. Wenn sie die Wohnung verlassen, bleiben sie per Handy in Kontakt: „Bin nur noch schnell Zigaretten holen, ich bin okay!“ Die Angst ist allgegenwärtig. Dabei seien die Beziehungen zu den Nachbarn eigentlich ganz gut.
Moslemische Freunde der Familie kommen vorbei, weil sie gehört haben, dass Vater Gabriel da ist. Das Bier verschwindet vom Tisch, stattdessen wird gezuckerter Tee serviert. „Wenn wir fliehen, dann lassen wir den Hausschlüssel bei den Nachbarn, sie passen auf alles auf“, sagt Amer Maqdasay, 62 Jahre alt, das Familienoberhaupt. Seine Frau sitzt am Fenster, sie guckt spazieren, wie sie es nennt. „Ich habe Angst, zur Arbeit zu gehen. Viele Frauen verlassen das Haus gar nicht mehr“, sagt sie. Vater Gabriel schaut auf die Uhr. Er will noch einmal nach dem Priester schauen. Umarmungen, Küsse. Friede sei mit euch. Von Pater Steven immer noch keine Spur. Aber Vater Gabriel muss zurück, ehe es dunkel wird.
Am nächsten Tag in Alqosh sitzt er mit Josef Younis in dessen winzigem Wohnzimmer vor einer Tasse türkischen Kaffees. Ein Streifen Sonne fällt durch das Fenster, aus dem man freie Sicht auf St. Michael hat. Das 1400 Jahre alte Kloster klebt wie ein Schwalbennest an einer Felswand. Es ist schon lange verlassen. Der 62-jährige Josef Younis floh mit seiner Familie aus Mosul, nachdem ihn Al-Kaida-Leute entführt und gegen 20000 Dollar Lösegeld wieder freigelassen hatten. „Alles, was ich in dreißig Jahren aufgebaut hatte, wurde innerhalb von Tagen zerstört“, sagt er.
Probleme rechtzeitig erkennen
Vor hundert Jahren war jeder vierte Iraker ein Christ, heute leben die meisten irakischen Christen in Amerika, Skandinavien, Deutschland. Immer mehr Länder bieten den Vertriebenen ein Exil. Vater Gabriel gefällt das nicht. Denn so verliere der Irak seine Identität, seine Kultur. „Seit zweitausend Jahren sind wir ein Teil dieses Landes. Je mehr Christen ins Ausland fliehen, desto mehr Bestätigung erhalten die Terroristen“, sagt er. Mit der zunehmenden Aufmerksamkeit, die das Leiden der Christen im Ausland erfährt, nehmen auch die Terroranschläge zu. „Die Terroristen wähnen sich ihrem Ziel nahe, alle Andersgläubigen zu vertreiben.“
Auch Vater Gabriel wurde angegriffen. Einmal explodierte eine Autobombe vor den Mauern seines Klosters, damals noch in Bagdad. Ein andermal schickten ihm die Killer eine unmissverständliche Botschaft: eine Kugel in einem Briefumschlag. Und auch er entging nur knapp einer Entführung. Die Frau, bei der er immer Zigaretten kaufte, habe ihn gewarnt, sagt er. Da fasste er den Entschluss, nach Alqosh zu gehen. Ins Ausland zu fliehen stand für ihn dagegen nie zur Debatte. „Ich bin Iraker, ich liebe mein Land und die Menschen.“
Wann immer es seine Zeit zulässt, trifft er sich mit Gleichgesinnten zum Tee, dann reden sie und versuchen, Probleme zu erkennen, bevor sie entstehen: Vater Gabriel, der Christ, Younis Ali Musa, der Imam, Peer Hassan Ali, der Jeside, Mohammed Yousif Khamo, der Kurde. Als Verbündete stemmen sie sich gegen den Sog, der die Menschen fortzieht aus ihrem Land. Sie haben den Verein Eyan gegründet, was so viel wie Haus der Weisheit bedeutet. Weil vor der Freiheit das Wissen steht. Ab und an veranstalten sie zum Beispiel Nähzirkel für die Frauen der Umgebung. „Es geht nicht darum, die Sachen zu verkaufen. Unser Ziel ist, dass die Frauen Freundschaften schließen, merken, dass die Christin nicht anders ist als die Muslimin“, sagt der Imam.
Oder sie halten gemeinsam Gottesdienste in Kirchen, Moscheen oder den Tempeln der Jesiden ab. „Die Menschen sollen sehen, dass Christen, Moslems und Jesiden zusammen beten. Wenn sie merken, dass wir uns wie vier Brüder verhalten, bauen sie vielleicht ihre Vorurteile ab“, sagt der Pater. Oft gehe es aber auch nur darum, Streit zu schlichten. Neulich gab es Ärger zwischen den Clans der Jesiden und der Moslems, weil muslimische Jungs mit jesidischen Mädchen angebändelt hätten: „Das haben wir geklärt!“
Wesentlich komplizierter war es, als einem kurdischen Lastwagenfahrer ein Reifen absprang und in der Windschutzscheibe eines Autos landete, in dem eine christliche Familie saß. Ein 13-jähriges Mädchen war nach dem Unfall gelähmt. Die Leute forderte den Kopf des Truckers. „Auch das haben wir auf unsere Art geregelt“, sagt der Imam, ein Hüne mit weißem Bart. „Der Lastwagenfahrer hat sich entschuldigt, 10.000 Dollar Entschädigung an die Familie des Mädchens gezahlt und ein neues Auto besorgt.“ Danach war wieder Ruhe.
Unter Brüdern
Es sind vorsichtige Schritte von Menschen, die sich in ihrem Glauben nicht nahe stehen, die aber genug haben von Krieg, Chaos und Gewalt. Erst die Jahrzehnte unter Saddam, dann die Invasion der Amerikaner, schließlich der Terror. Alle Versprechen für einen demokratischen Neuanfang blieben Lippenbekenntnisse. Die Enttäuschung ist groß, die Hoffnung klein. Das schweißt zusammen. Aber es gibt nicht viel, was man der eigenen Furcht entgegensetzen kann.
Die vier Männer in Alqosh haben für sich eine Lösung gefunden: In Gottvertrauen ausharren! Jeder mit seinem eigenen. Gott ist geduldig. „Wir leben seit Hunderten von Jahren nebeneinander“, sagt der Imam, der aus Mosul flüchten musste, weil islamistische Extremisten ihn für einen Spion der Christen hielten. „Jesus ist mein Bruder. Er war ein Prophet, ich bin ein Prophet. Christen und Moslems sind Brüder“, sagt er und schlägt dabei mit der flachen Hand auf den Oberschenkel von Vater Gabriel. Es ist eine Geste des Respekts und der Zuneigung. Sie lachen und fallen sich in die Arme.
Dann widmen sie sich ihrem Lieblingsthema, der Politik. Sie scherzen, dass sie einen Diktator los sind, aber dafür Hunderte bekommen haben. Und sie schimpfen über die Amerikaner. Erst mit deren Einmarsch sei die Gewalt zwischen den Volksgruppen ausgebrochen. „Nie war es für die Christen im Irak so schwierig wie heute“, sagt Vater Gabriel. Sein jesidischer Kollege nickt heftig: „Uns geht es genauso, aber ihr Christen bekommt die ganze Aufmerksamkeit.“ Und der Imam meldet sich zu Wort, dass man bitteschön nicht die moslemischen Binnenflüchtlinge vergessen soll. Mohammed Yousif Khamo, der Kurde, wippt nur mit den Füßen, hört zu und spitzt manchmal seine Lippen, als wolle er etwas sagen. Er behält seine Gedanken dann aber doch für sich.
Schluss mit Diskutieren, Zeit fürs Mittagessen. Imam Younis Ali Musa lädt zu gebratenem Huhn und Kebabs in sein Haus, anschließend gibt es Kaffee beim Jesiden. Zurück in seinem Kloster, setzt Pater Gabriel sich an den Computer. Er schreibt einen langen Brief an den irakischen Präsidenten. Darin bedankt er sich in schönen Worten für die Soldaten, die die Christen in seinem Land künftig besser schützen sollen.
Am nächsten Tag tötet eine junge Frau in Mosul einen katholischen Arzt.
Christen im Irak: Gott ist geduldig | Politik - Berliner Zeitung