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Kindsmörderin zur Feministin: Wie uns die Hexe immer wieder heimsucht
Warum taucht immer wieder die Hexe auf, wenn über Abtreibung und Mutterschaft gestritten wird? Die Kulturwissenschafterin Jana Lammerding hat sich einen tiefsitzenden Mythos vorgenommen
Sie fliegt wahlweise auf einem Besen zum Hexensabbat, braut Heilkräuter zusammen oder tritt als verführerische Femme fatale mit Superkräften auf: Die Hexe ist erstaunlich wandelbar und hat im Lauf der Geschichte einen beachtlichen Imagewandel hingelegt. All die Bilder, die heute durch das kollektive Bewusstsein der Popkultur geistern, basieren auf Mythen, die historisch kaum belastbar sind. Dabei ist die Hexe nicht nur zu Halloween omnipräsent, sondern taucht immer wieder unterschwellig in ganz anderen Diskursen auf, wie der Kulturwissenschafterin Jana Lammerding aufgefallen ist – nämlich dort, wo es um Reproduktion in allen Facetten geht.
Ein Beispiel ist der österreichische Film Des Teufels Bad (2024), der sogenannte mittelbare Suizide um 1750 thematisiert. Dabei werden Kinder getötet, um den eigenen Tod durch Hinrichtung herbeizuführen, da Selbstmord als Todsünde nicht infrage kommt. "Wir sehen im Film Homosexualität, Unfruchtbarkeit, unerfüllten Kinderwunsch, Infantizid – alles Themen, die mit Reproduktion zu tun haben", sagt Lammerding. "Was wir nicht sehen, ist eine Hexe. Trotzdem ist in der Rezeption des Films ständig von der Hexe die Rede, selbst das Produktionsteam sprach von einem Hexenfilm." Daran lasse sich die Wirkmacht der alten Figur ablesen: Sobald eine Erzählung bestimmte Vorstellungen von Mutterschaft, Fruchtbarkeit und deren Verweigerung berührt, scheint das kulturelle Gedächtnis die Hexe aufzurufen.
Wie das kommt, arbeitet Lammerding derzeit in ihrer Dissertation am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien auf. Erste Ergebnisse stellte sie kürzlich beim Symposium "Das okkulte Wien" vor, das sie gemeinsam mit Maximilian Scheffold, Christa Agnes Tuczay und Kira Kaufmann organisiert hat.
Sexbesessene Kinderfresserin
Das erste Dokument, das den jahrhundertealten Volksglauben in eine Art Handbuch zur Hexe gießt, ist der "Hexenhammer" von 1486, auf Latein Malleus maleficarum, des deutschen Dominikaners, Hexentheoretikers und Inquisitors Heinrich Kramer. Das Buch beschreibt auf 700 Seiten, woran Hexen zu erkennen sind und wie sich die christliche Gesellschaft vor ihr schützen kann – und bildet damit die Basis der Hexenverfolgung der frühen Neuzeit.
www.derstandard.at
Warum taucht immer wieder die Hexe auf, wenn über Abtreibung und Mutterschaft gestritten wird? Die Kulturwissenschafterin Jana Lammerding hat sich einen tiefsitzenden Mythos vorgenommen
Sie fliegt wahlweise auf einem Besen zum Hexensabbat, braut Heilkräuter zusammen oder tritt als verführerische Femme fatale mit Superkräften auf: Die Hexe ist erstaunlich wandelbar und hat im Lauf der Geschichte einen beachtlichen Imagewandel hingelegt. All die Bilder, die heute durch das kollektive Bewusstsein der Popkultur geistern, basieren auf Mythen, die historisch kaum belastbar sind. Dabei ist die Hexe nicht nur zu Halloween omnipräsent, sondern taucht immer wieder unterschwellig in ganz anderen Diskursen auf, wie der Kulturwissenschafterin Jana Lammerding aufgefallen ist – nämlich dort, wo es um Reproduktion in allen Facetten geht.
Ein Beispiel ist der österreichische Film Des Teufels Bad (2024), der sogenannte mittelbare Suizide um 1750 thematisiert. Dabei werden Kinder getötet, um den eigenen Tod durch Hinrichtung herbeizuführen, da Selbstmord als Todsünde nicht infrage kommt. "Wir sehen im Film Homosexualität, Unfruchtbarkeit, unerfüllten Kinderwunsch, Infantizid – alles Themen, die mit Reproduktion zu tun haben", sagt Lammerding. "Was wir nicht sehen, ist eine Hexe. Trotzdem ist in der Rezeption des Films ständig von der Hexe die Rede, selbst das Produktionsteam sprach von einem Hexenfilm." Daran lasse sich die Wirkmacht der alten Figur ablesen: Sobald eine Erzählung bestimmte Vorstellungen von Mutterschaft, Fruchtbarkeit und deren Verweigerung berührt, scheint das kulturelle Gedächtnis die Hexe aufzurufen.
Wie das kommt, arbeitet Lammerding derzeit in ihrer Dissertation am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien auf. Erste Ergebnisse stellte sie kürzlich beim Symposium "Das okkulte Wien" vor, das sie gemeinsam mit Maximilian Scheffold, Christa Agnes Tuczay und Kira Kaufmann organisiert hat.
Sexbesessene Kinderfresserin
Das erste Dokument, das den jahrhundertealten Volksglauben in eine Art Handbuch zur Hexe gießt, ist der "Hexenhammer" von 1486, auf Latein Malleus maleficarum, des deutschen Dominikaners, Hexentheoretikers und Inquisitors Heinrich Kramer. Das Buch beschreibt auf 700 Seiten, woran Hexen zu erkennen sind und wie sich die christliche Gesellschaft vor ihr schützen kann – und bildet damit die Basis der Hexenverfolgung der frühen Neuzeit.
Von der Kindsmörderin zur Feministin: Wie uns die Hexe immer wieder heimsucht
Warum taucht immer wieder die Hexe auf, wenn über Abtreibung und Mutterschaft gestritten wird? Die Kulturwissenschafterin Jana Lammerding hat sich einen tiefsitzenden Mythos vorgenommen