Psychologie, Psychotherapie
Die psychiatrische
Pathologisierung der Homosexualität begann Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie wurde als Symptom einer inneren Verkehrung des Geschlechtsempfindens („konträre Sexualempfindung“, „Inversion“) aufgefasst. 1869 publizierte der Berliner Nervenarzt
Carl Westphal den ersten wissenschaftlichen Aufsatz zu diesem Thema, in welchem er auch den Terminus „conträre Sexualempfindung“ einführte.
Sigmund Freud bezeichnete Homosexualität zwar „als Abweichung der sexuellen Funktionen, hervorgerufen durch eine gewisse Stockung der sexuellen Entwicklung“
[32], bezog aber andererseits mehrfach und öffentlich Stellung gegen Kriminalisierung und Pathologisierung. 1903 betonte er in der Zeitschrift
Die Zeit, dass „Homosexuelle nicht als Kranke behandelt werden sollen.“ 1905 stellte er fest: „Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem Versuch, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen abzutrennen.“
[33] 1921 widerspricht er
Ernest Jones, der einen homosexuellen Arzt nicht zur analytischen Ausbildung zulassen wollte.
[34] 1930 unterschreibt er einen Appell an den Nationalrat zur Abschaffung der Strafbarkeit. Und 1935 schrieb er in einem Brief an eine Mutter, dass auch Homosexuelle – durch eine Analyse – zu „Harmonie, Seelenfrieden und volle[r] Leistungsfähigkeit“
[35] gelangen können.
Homosexualität wurde 1974 von der
American Psychiatric Association (APA) gemäß einem Beschluss aus dem Jahr zuvor aus ihrem Krankheitenkatalog (
Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, kurz: DSM, damalige Auflage DSM-II) gestrichen – nicht zuletzt aufgrund der Forschungsergebnisse von
Evelyn Hooker. Zuvor galt Homosexualität als
psychische Störung. Allerdings existierte von da an im DSM-II die „sexuelle Orientierungsstörung“, später im DSM-III „
ich-dystone Homosexualität“ genannt, mit der ein Zustand anhaltenden Leidens an der eigenen Homosexualität diagnostiziert werden konnte.