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Identitäre Faschist:innen und Neonazis marschieren am Wiener Kahlenberg auf. Sie wollen damit die osmanische Belagerung Wiens im Jahr 1683 zu einer "Christentum gegen Islam"-Geschichte umdeuten. Doch da gibt es ein Problem: Das ist historisch Bullshit!
Wenn Nazis und Faschist:innen sich auf geschichtliche Ereignisse beziehen, wird es meistens sehr schnell komplett absurd. Und genauso ist es auch bei der osmanischen Belagerung Wiens im Jahr 1683. Denn was ist damals tatsächlich passiert?
In Kürze: Christliche Staaten und Fürsten waren die besten Verbündeten der Osmanen. Und auf Seiten Habsburg kämpften muslimische Soldaten. Sehen wir uns die Fakten an!
Die Habsburger-Diktatur und die Osmanen-Diktatur kämpften zum Zeitpunkt der Belagerung Wiens 1683 bereits sehr lange gegeneinander.
Bei diesem Konflikt ging vor allem um den Einfluss am Balkan, Ungarn und Rumänien. Habsburg hatte allerdings keineswegs nur die Osmanen als Gegner.
Der zweite zentrale Gegner der Habsburger war traditionell Frankreich, hier ging es etwa um die Herrschaft über Italien.
Und damit war Frankreich auch schon seit Mitte des 16. Jahrhunderts ein logischer Verbündeter des Osmanischen Reichs. Erste Vereinbarungen zwischen Frankreich und den Osmanen zum gemeinsamen Kampf gegen Habsburg gab es bereits in den 1530er Jahren – also mehr als 100 Jahre vor der Belagerung Wiens.
Und die Zusammenarbeit ging noch weit darüber hinaus: Schon 1537 belagerte eine vereinigte französisch-osmanische Flotte sogar gemeinsam die griechische Insel Korfu (die damals zu Venedig gehörte).
Genauso war es dann auch 1683 vor Wien: Es waren christlich-französische Ingenieure, die damals versuchten, Wiens Stadtmauern zum Einsturz zu bringen. Passt nicht so ganz zu den rechten Unsinnigkeiten über den angeblichen Religionskampf, aber das sind die Fakten.
Von Seiten Habsburgs wurde 1683 sogar ein paralleler Angriff Frankreichs im Westen befürchtet. Damit wären die Habsburger in der Zange zwischen Frankreich und dem Osmanischen Reich gewesen. Dieser Angriff kam aber dann doch nicht zustande.
Rechte versuchen heute, die Schlacht um Wien zu einem Kampf von Christentum gegen Islam umzudeuten. Tatsächlich sahen sich große Teile des "christlichen Europas" den Kampf um Wien aus der Popcorn-Perspektive an. Vor allem damals mächtige protestantische Staaten wie Schweden hofften dabei auf Habsburgs Niederlage.
Auf osmanischer Seite kämpften sogar zahlreiche christliche Truppen aus Ungarn und Rumänien (die Fürstentümer Moldau, Siebenbürgen und Walachei). Es waren teils besetzte Gebiete, teils aber auch Verbündete.
Die dortigen Herrschenden wollten lieber unter osmanischer Erbschaft leben als unter der Herrschaft Habsburgs. Oder/und das Osmanische Reich hatte diesem oder jenem christlichen Fürsten schlicht das bessere Angebot gemacht.
Das Fürstentum Siebenbürgen hatte bereits davor, im 30-jährigen Krieg von 1618 bis 1648, gemeinsam mit den deutschen protestantischen Fürsten, Schweden und Frankreich gegen Habsburg gekämpft. Auch hier war das Osmanische Reich als Verbündeter Frankreichs natürlich involviert.
Die Story vom großen Kampf des Christentums funktioniert auch auf habsburgischer Seite so überhaupt nicht: Denn Habsburg konnte gerade einmal Truppen aus einigen deutschen Staaten wie Bayern und Sachsen mobilisieren, dazu polnische Truppen unter Johann Sobieski.
Sobieski, bis heute ein Säulenheiliger der österreichischen Rechten, hatte davor übrigens auch schon mal Frankreich verhandelt – also mit den traditionellen Verbündeten der Osmanen.
Und als Sahnehäubchen brachte Sobieski zur Schlacht um Wien auch noch ganz besondere Soldaten mit: Die Lipka-Tataren, muslimische Tataren aus Polen, die vermutlich seit dem 14. Jahrhundert in der Region lebten. Es waren Polens Elitetruppen. Vermutlich noch bis in die 1930er Jahre benutzten die Lipka-Tataren das arabische Alphabet.
Es gibt Berichte, wonach die muslimischen Lipka-Tataren auf Seiten Habsburgs bei der Schlacht um Wien auf ihren Waffen sogar eigens Schleifen angebrachten – damit sie nicht mit osmanischen Tataren verwechselt werden konnten.
Die tatsächliche Geschichte des Jahres 1683 ist eine Geschichte von Herrscherhäusern, die sich jeweils ihr Stück vom Kuchen sichern wollten. Religion war egal, es ging um Macht, Einfluss und Geld. Wer unter den Kämpfen des Adels leiden musste, war die bäuerliche und städtische Bevölkerung aller Länder –unabhängig von der Religion.
All das werden Euch extreme Rechte nicht erzählen. Sie verbreiten lieber ihren faktenfreien Unsinn über einen Kampf der Religionen und Kulturen. Doch die tatsächliche Geschichte sieht anders aus. Und das sollten alle Menschen wissen.