Türkei wird vor NATO-Gipfel zum Machtfaktor für Europa
Kurz vor dem NATO-Gipfel rückt die Türkei wieder stärker ins Zentrum europäischer Diplomatie. In Ankara wirbt die EU um engere Zusammenarbeit mit Präsident Erdoğan – bei Sicherheit, Migration, Energie und der Stabilität an Europas Außengrenzen.
Mutmaßlicher Kriegsverbrecher Erdogan als oberster Hüter des Weltfriedens und Verfechter der Gerechtigkeit ist eine ähnlich kreative Fehlbesetzung, bei der man gar nicht weiß, wo man mit dem Lachen anfangen soll.

Natürlich hofiert die EU Erdogan in Ankara, denn nichts schreit schließlich lauter nach "europäischen Werten“ als die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit einem lupenreinen Autokraten.
Sicherheit a la Ankara: Während Erdogan Journalisten die Akkreditierung verweigert und Versammlungen verbietet, bittet Europa ihn höflich, doch bitte die Außengrenzen zu bewachen.
Der 150-Milliarden-Euro-Poker: Für ein bisschen Stabilität klopft die Türkei gleich beim milliardenschweren EU-Verteidigungstopf an. Erpressung? Nein, das nennt man jetzt "strategische Partnerschaft“.
Demokratie? Später vielleicht, Menschenrechte und die Inhaftierung von Oppositionellen ignoriert die NATO vor dem Gipfel lieber dezent. Hauptsache, die Migrationsrouten bleiben dicht.
Es ist ein diplomatisches Meisterstück des Zynismus. Die EU gerät angesichts globaler Krisen und der unberechenbaren US-Politik unter Donald Trump so sehr in Panik, dass sie Erdogans Palast zum europäischen Sicherheitsgaranten verklärt. Wer die eigene Opposition mundtot macht, darf nun Europa erklären, wie man Stabilität sichert. Am Ende zeigt dieser Kuschelkurs vor allem eines, wenn es um Migration und Geopolitik geht, tauscht Brüssel seine moralischen Zeigefinger liebend gerne gegen ein Ticket nach Ankara.