Radikalisierung beginnt leise – auch im Büro nebenan
Der Anschlag am Rande des Berliner CSD führt vor Augen, wie eine Tat endet. Ihr Vorfeld aber liegt oft dort, wo kaum jemand hinsieht: mitten im Arbeitsalltag
Am 25. Juli fuhr ein Mann im Umfeld des Berliner Christopher Street Day mit seinem Fahrzeug in die friedlich feiernden Menschen und attackierte anschließend wahllos Passanten: Eine Frau starb, viele wurden verletzt. Die Ermittlungen deuten auf ein islamistisches Motiv hin, der mutmaßliche Täter kam einen Tag später bei einem Polizeieinsatz ums Leben. Über solche Taten sprechen wir, Dank der modernen Medienlandschaft, fast immer im selben Moment: kaum, dass sie geschehen sind. Doch die Tat ist der sichtbare Endpunkt eines langen, meist unsichtbaren Weges. In diesem Vorfeld verhärten sich Haltungen, schotten sich Gruppen ab, wird Gewalt erst Rede, dann Drohung und zuletzt Möglichkeit. Wer Taten verhindern will, muss dieses Vorfeld ernst nehmen – und dort ansetzen, wo sie ihren Anfang nehmen.
Es spielt sich nicht im luftleeren Raum ab, sondern in sozialen Kontexten. Radikalisierung folgt Mechanismen, die in jedem Kollektiv wirken: Kränkung, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die Abwertung anderer. Also auch dort, wo Menschen den größten Teil ihres Tages verbringen: am Arbeitsplatz. Gerade die Bedeutung von Profit-Unternehmen unterschätzen wir hier gern. Sie gelten als Orte des Geschäfts, nicht der Gesinnung. Dabei sind sie das Rückgrat unseres Zusammenlebens – sie sichern Einkommen, stiften Zugehörigkeit, prägen den Alltag von Millionen Menschen. Wer die Widerstandskraft dieser Unternehmen gegen Radikalisierung stärkt, stärkt die Widerstandskraft der ganzen Gesellschaft. Denn ein Betrieb ist heute mehr als ein wirtschaftlicher Akteur. Er trägt Mitverantwortung für jene demokratische Kultur, deren Erosion das Problem überhaupt erst erzeugt.
"Wird man wohl noch sagen dürfen"
Der Anschlag am Rande des Berliner CSD führt vor Augen, wie eine Tat endet. Ihr Vorfeld aber liegt oft dort, wo kaum jemand hinsieht: mitten im Arbeitsalltag
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