DarkoRatic
Heraldiker
In Serbien müssen sich Medien, die jahrelang weitgehend ungestraft hetzen konnten, plötzlich vor der Medienaufsicht verantworten.
Heute hat die Serbische Medianaufsicht REM weitere Verfahren gegen Informer TV eingeleitet. Gegen den Sender, der Aleksandar Vučić, Ana Brnabić, der SNS-Führung und dem Ultranationalisten Vojislav Šešelj eine Bühne bietet und bot.
Seit Beginn der Studentenproteste gehört die Diffamierung der Bewegung zum Programm. Im Wahlkampf wurde die Studentenliste als „Vergewaltiger-Sekten-Liste“ beschimpft. Senderchef Dragan J. Vučićević zeigte intime Fotos einer Studentin live im Fernsehen und kommentierte sie mit seinen Gästen. Heimliche Aufnahmen von Regierungskritiker*innen wurden ausgestrahlt, darunter Bilder eines Journalisten mit seiner minderjährigen Tochter.
Šešelj rechtfertigte im Programm Angriffe mit Baseballschlägern auf Studierende und bedrohte eine Studentin. Die Moderation ließ ihn gewähren. Dazu kamen die Verherrlichung verurteilter Kriegsverbrecher und die Leugnung der montenegrinischen nationalen Identität.
Informer TV sendet seit Mai 2023. Solange ich diesen Sender kenne, sehe ich dort Propaganda, Einschüchterung und Hetze.
Gegen TV Prva hat REM heute bereits Sanktionen verhängt: einen Tag Ausstrahlungsverbot für die Nachrichtensendung „Vesti“, fünf Tage für das Morgenprogramm. Der Grund sind Verstöße gegen die Regeln der Wahlkampfberichterstattung. Gegen Informer laufen weitere Verfahren; eine Abschaltung ist bislang nicht beschlossen.
Vor dem REM-Gebäude demonstriert unterdessen eine kleine, wütende Gruppe für Informer. Eine Reporterin und ein Kameramann des unabhängigen Senders N1 werden bei ihrer Arbeit behindert und weggedrängt. N1 wird von Vučićs Ultras regelmäßig als „Ustaša-Sender“ diffamiert.
Sie demonstrieren für die Pressefreiheit und hindern gleichzeitig Journalist*innen daran, ihre Arbeit zu machen.
Die Bilder sind erschreckend vertraut. Neu ist für mich die Hoffnung, dass solche Vorgänge endlich Konsequenzen haben könnten. Dass eine Medienaufsicht ihrer Aufgabe nachkommt. Ich merke, wie schwer es mir noch fällt, daran zu glauben.
Vučić behauptet bereits, Informer werde in wenigen Tagen abgeschaltet, und spricht von einem Angriff auf die Pressefreiheit. Auch Ana Brnabić war heute unter den Demonstrierenden. Die kommissarische Präsidentin des Landes. Vor der Medienaufsicht. Um diesen Sender zu verteidigen. Unglaublich.
Hätte jemand meinem 16-jährigen Ich gesagt, dass Serbien zwanzig Jahre später eine offen lesbische Präsidentin haben würde, hätte ich es niemals geglaubt. Noch weniger hätte ich geglaubt, dass ich es kaum erwarten könnte, sie gehen zu sehen.
Wenn sich Promis und Politiker im Fernseher anmaulen und prügeln ist es vollkommen okay ebenso Prügeleien in der Nationalversammlung