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Putin ist es mittlerweile egal, ob sein Volk hinter dem Krieg steht oder nicht
In seiner Rede einen Monat vor der "Wahl" zur russischen Duma setzte der Kreml-Chef alles auf eine Karte. Kompromiss? Fehlanzeige

Seit Jahrhunderten kursiert in Russland ein Sprichwort, das viel über die politische Verfasstheit des Riesenlandes verrät: "Guter Zar, schlechte Bojaren". Die Russinnen und Russen, so besagt es, geben nicht dem obersten Führer im Winterpalast oder im Kreml die Schuld an Missständen, sondern dessen Beratern und lokalen Lakaien.

Lange konnte sich auch Wladimir Putin, der aktuelle Zar, darauf verlassen, dass diesem Klischee ein wahrer Kern innewohnt.

Immerhin richtete sich sogar die bisher größte Bedrohung für Putins Regime, Jewgeni Prigoschins Marsch auf Moskau 2023, nicht gegen den Kriegsherrn selbst, sondern gegen jene, die dessen Befehle seiner Auffassung nach mangelhaft ausführten.

Zwar weiß viereinhalb Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs im Westen niemand so genau, wie die Leute in Russland wirklich denken. Vieles spricht aber dafür, dass das alte Sprichwort noch immer gilt.

 
Es finden sich immer cerebral entkernte...
Putin zeichnet südkoreanische Übersetzerin aus – sie beschreibt Russland als Opfer von Krieg und Sanktionen
Wladimir Putin hat die südkoreanische Dostojewski-Übersetzerin Kim Jong-a mit der Puschkin-Medaille ausgezeichnet. Laut dem am 24. August veröffentlichten Erlass erhält sie die Ehrung für ihren Beitrag zur Bewahrung und Verbreitung russischer Kultur und Kunst im Ausland. Kim beschäftigt sich seit rund 30 Jahren mit Dostojewski und übersetzte als erste Südkoreanerin allein dessen vier große Romane „Schuld und Sühne“, „Der Idiot“, „Die Dämonen“ und „Die Brüder Karamasow“. Im Oktober 2025 reiste sie nach Moskau zur Versammlung der von Putin gegründeten Stiftung „Russki Mir“, die russische Sprache und Kultur im Ausland fördern soll. Dort hielt sie nach eigenen Angaben als erste Bürgerin Südkoreas eine programmatische Rede. Einige Monate später veröffentlichte sie in Südkorea einen Text über ihre Reise – und darin entstand ein bemerkenswertes Bild vom Russland des Krieges.

Kim schrieb, sie habe in Moskau zunächst kaum etwas vom Krieg bemerkt, später aber dessen „Opfer und Verluste“ sowie die wirtschaftlichen Folgen westlicher Sanktionen erkannt. Als Beleg führte sie unter anderem ein Büfett bei der Veranstaltung von „Russki Mir“ an, an dem für sie kaum noch Essen übrig gewesen sei. Wenn selbst ein Ort für Gäste so aussehe, könne man sich vorstellen, wie schwer das wirkliche Leben der Moskauer sei, schrieb sie. Auch geschlossene Geschäfte westlicher Luxusmarken im Moskauer Kaufhaus GUM wurden für sie zum Beweis der Sanktionen. Dior, Louis Vuitton, Cartier und Chanel seien verschwunden, das GUM gleiche einer Karte europäischer Strafmaßnahmen gegen Russland. Den Rückzug des südkoreanischen Autobauers Hyundai kritisierte sie ebenfalls und führte ihn darauf zurück, dass Seoul auf die Vereinigten Staaten Rücksicht nehmen müsse. Gleichzeitig lobte sie Folgen der Sanktionen: Russische Unternehmen hätten McDonald’s und Starbucks ersetzt, außerdem sei die heimische Produktion gestärkt worden. Kim schrieb sogar, sie könne sich eines Tages eigene Geschäfte in Moskau und St. Petersburg vorstellen. Gegen die Fortsetzung des Krieges sprach sie sich allerdings ausdrücklich aus: Es dürfe keine weiteren sinnlosen Toten geben.

Die Beziehungen zwischen Kim und russischen staatlichen Strukturen gingen danach weiter. Im Januar übergab sie dem russischen Botschafter in Seoul ihre Dostojewski-Ausgaben. Das russische Außenministerium und „Russki Mir“ bereiten für sie zudem eine Reise zu Orten aus Dostojewskis Leben vor, von Moskau und St. Petersburg bis Omsk. Kim bezeichnete dies als besonders tiefe kulturelle Freundschaft zwischen Russland und Südkorea, obwohl die politischen Beziehungen seit dem russischen Angriff auf die Ukraine weitgehend eingefroren sind. Seoul beteiligt sich an Sanktionen gegen Moskau und kritisiert zugleich die militärische Zusammenarbeit Russlands mit Nordkorea. Ausgerechnet in dieser Lage ehrt Putin nun eine südkoreanische Übersetzerin, die in ihrer Heimat beschreibt, wie Russland unter Krieg und Sanktionen leidet – und dabei aus einem leeren Büfett und geschlossenen Luxusläden politische Schlüsse zieht.
 
Russischer Angriff gegen die freie Presse
Deutschland sollte sich entschiedener gegen die Repressionen zur Wehr setzen, mit der Russland auch gegen deutsche Journalisten vorgeht

Im fünften Jahr des russischen Angriffkrieges gegen die Ukraine werden Kyjiw und andere Grosstädte mit ballistischen Raketen, Drohnen und Gleitbomben attackiert ; in Krywyj Rih wurden am Donnerstag mindestens 16 Menschen in einem belebten Einkaufszentrum getötet. Kritiker des Krieges in Russland werden strafrechtlich verfolgt. So wurde am Donnerstag der Verleger Lew Schlossberg wegen seiner Stellungnahme gegen die "Lüge und Heuchelei" in der Politik des Putin Regimes zu elf Jahren Haft in einem Straflager verurteilt.

Fast gleichzeitig haben nun die russischen Behörden Michael Martens, den Balkan-Korrespondenten der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", zur Fahndung ausgeschrieben. Gegen ihn sei ein Strafverfahren wegen "Aufstachelung zu Hass und Feindschaft in Massenmedien" eröffnet worden. Das Gesetz sieht dafür bis zu sechs Jahre Haft vor!

Missverständlich formuliert
Martens, seit einem Vierteljahrhundert bei der FAZ, ist Autor einer ausgezeichneten Biografie von Ivo Andric´, dem Literaturnobelpreisträger, und gilt als einer der kenntnisreichsten Berichterstatter über Südosteuropa. Er hatte auf einer Pressekonferenz Anfang August in Belgrad den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gefragt, was "wir Europäer tun könnten, um der Ukraine zu helfen mehr russische Soldaten zu töten". Hintergrund für diese Frage waren Diskussionen nicht nur in der Ukraine darüber, wie viele Soldaten Russland in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine verlieren müsse, um diesen aufzugeben und in Friedensverhandlungen mit der Ukraine einzutreten. Die FAZ erklärte später, die Frage sei missverständlich formuliert gewesen, und äußerte Bedauern.

 
US-Militärflugzeug nach Moskau geflogen
Ein US-Militärflugzeug ist nach Angaben des Flugbeobachtungsportals Flightradar24 heute Früh vom Flughafen der lettischen Hauptstadt Riga in Richtung des Moskauer Flughafens Wnukowo geflogen.

Den Daten der Website zufolge startete die Maschine, die von Regierungsvertretern genutzt wird, zunächst am Sonntag von der US-Luftstreitkräftebasis Andrews bei Washington und flog nach Riga.

Zuletzt wurde das Flugzeug von Flightradar24 in der Nähe des Moskauer Flughafens Wnukowo lokalisiert, seine Landung wurde auf der Website jedoch nicht bestätigt. Dem Portal Flightradar24 war nicht zu entnehmen, wer sich an Bord der Boeing C-17 Globemaster III befand oder warum die Maschine nach Russland flog.

Kreml-Sprecher: Kein Kommentar
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wollte die Informationen nicht kommentieren und sagte bei seinem täglichen Pressebriefing, er „verfüge nicht über diese Information“. Vonseiten der US-Regierung lagen keine Informationen zu der Angelegenheit vor. Die Nachrichtenagentur AFP konnte die Daten zunächst nicht überprüfen.

 
Russland baut seine Flüssiggas-Flotte aus – China soll übernehmen, wenn Europa dichtmacht
Russland bereitet sich sichtbar auf den nächsten Schritt im Energiekrieg mit Europa vor. Novatek und seine Partner bauen die Flotte für das sanktionierte Projekt Arctic LNG 2 aus, während der Schiffsverkehr über die Nordostpassage neue Rekorde erreicht. Seit Jahresbeginn gingen nach Angaben von Reuters 2,3 Millionen Tonnen Flüssiggas in 31 Lieferungen vom Projekt in den chinesischen Hafen Beihai. Mindestens 18 Gastanker sind inzwischen im Einsatz, darunter neue russische Schiffe wie Aleksey Kosygin und Konstantin Posiet. Andere Einheiten sind deutlich älter und wurden offenbar gezielt für diese Transporte zugekauft. Selbst der im März bei einem Drohnenangriff im Mittelmeer schwer beschädigte Tanker Arctic Metagaz gehörte zu dieser Flotte.

Arctic LNG 2 steht seit 2023 unter internationalen Sanktionen, Teile seiner Infrastruktur und mehrere Schiffe ebenfalls. Gebremst hat das Moskau nicht. Produziert und exportiert wird weiter, über schwimmende Speicher vor der Kola-Halbinsel und Kamtschatka wird die Logistik zusätzlich gestützt. Gleichzeitig entstehen neue Schiffe, Sergey Witte und Viktor Chernomyrdin sollen 2026 und 2027 dazukommen. Russland baut sich damit eine eigene Transportkette für Flüssiggas auf, die möglichst wenig auf westliche Häfen und Dienste angewiesen ist.

Der Zeitpunkt ist natürlich kein Zufall. Am 1. Januar 2027 soll das vollständige EU-Verbot für russisches Flüssiggas greifen. Dann wird auch Yamal LNG betroffen sein, das bislang anders als Arctic LNG 2 nicht selbst sanktioniert ist. Moskau richtet den Blick deshalb noch stärker nach China. Je weniger Europa kauft, desto wichtiger wird Beihai. Die Rechnung ist einfach: Europa macht zu, Russland stellt mehr Schiffe hin, China hält den Abfluss offen. Sanktionen erschweren das Geschäft, beendet haben sie es bislang nicht.
 
15 Jahre Haft für eine 70-Jährige – weil sie Geld an die Ukraine überwiesen haben soll
Der von Russland kontrollierte Regionalgerichtshof der Region Saporischschja hatte Swetlana Loi am 10. Februar wegen Hochverrats zu 15 Jahren Straflager verurteilt. Wir hatten bereits damals über den Fall berichtet. Die jetzige Berufung wurde anschließend vom Ersten Berufungsgericht der allgemeinen Gerichtsbarkeit in Moskau verhandelt. Dieses Gericht ließ das Urteil bestehen. Die 70-jährige Swetlana Loi aus der Region Saporischschja muss für 15 Jahre in ein Straflager. Der absurde Vorwurf lautet Hochverrat. Seit Monaten werden Dutzende solcher menschenverachtenden Urteile gesprochen.

Zwischen Januar und November 2024 soll sie über eine ukrainische Bank-App insgesamt 24 Überweisungen zugunsten der ukrainischen Streitkräfte getätigt haben. Zusammengerechnet ging es um umgerechnet 63.420 Rubel. Weitere Einzelheiten zu den Zahlungen legte das Gericht nicht offen. Der von Russland kontrollierte Regionalgerichtshof in Saporischschja verurteilte die Rentnerin bereits am 10. Februar nach Artikel 275 des russischen Strafgesetzbuches. Jetzt bestätigte ein Moskauer Berufungsgericht das Urteil. Die Berufung wurde hinter verschlossenen Türen verhandelt, Journalisten und Zuschauer durften erst zur Verkündung wieder in den Saal.

Kurz bevor der Richter die Entscheidung verlas, begann Loi zu singen. „Рідна мати моя“, „Meine liebe Mutter“, ein ukrainisches Lied nach einem Gedicht von Andrij Malyschko, bekannt aus dem sowjetischen Film „Junge Jahre“ von 1958. Mehr blieb ihr in diesem Gerichtssaal offenbar nicht. Der erste Prozess hatte nur eine einzige Sitzung gebraucht. Eine zuvor angesetzte Verhandlung fiel aus, weil Loi aus unbekannten Gründen nicht zum Gericht gebracht worden war. In der Mitteilung des Gerichts hieß es außerdem, die Rentnerin habe „antirussische Ansichten“ vertreten. Schon dieser Satz verrät viel darüber, was in diesem Verfahren neben den Überweisungen mitverhandelt wurde.

Loi erhielt im Dezember 2023 die russische Staatsbürgerschaft und behielt zugleich ihre ukrainische. Das Gericht hielt ihr sogar vor, weiterhin eine ukrainische Rente bezogen und zusätzlich eine russische beantragt zu haben. Für umgerechnet wenige Hundert Euro Unterstützung der ukrainischen Armee soll eine 70 Jahre alte Frau nun 15 Jahre ihres Lebens im Straflager verbringen. Russland nennt das Hochverrat. Vor der Verkündung des Urteils sang sie ein ukrainisches Lied. Mehr musste sie zu diesem Verfahren eigentlich nicht sagen.
 
Kreml bestätigt Besuch von CIA-Chef Ratcliffe in Moskau
Der Kreml hat die Reise von John Ratcliffe, Direktor des US-Auslandsgeheimdiensts CIA, nach Moskau bestätigt. Ratcliffe sei zu Kontakten „zwischen den Geheimdiensten“ in die russische Hauptstadt gekommen, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow der „Washington Post“.

Zu den Inhalten von Ratcliffes Gesprächen in Moskau machte Peskow keine Angaben. Gemutmaßt wurde unter anderem, dass Ratcliffe Russland vor einer weiteren Eskalation im Ukraine-Krieg warnen wollte, aber auch der Iran-Krieg könnte ein Thema gewesen sein. In der Früh sagte Peskow auf Anfrage russischer Nachrichtenagenturen, dass es kein Treffen Präsident Wladimir Putins mit Ratcliffe gegeben habe.

Keine Drohnenangriffe auf Moskau
Am Vortag hatte Peskow nach Landung eines US-Militärflugzeugs in Moskau noch behauptet, ihm sei nichts über einen Besuch Ratcliffes bekannt. Es gab belustigte Kommentare in sozialen Netzwerken, nachdem dort Aufnahmen von dem Flugzeug auftauchten, etwa mit der Frage, wie eine riesige Maschine ohne Wissen der Staatsführung mit dem CIA-Chef an Bord einfach auf dem Flughafen Wnukowo landen könne.

 
Putins Optionen schwinden
Unerfreuliche wirtschaftliche Aussichten für den russischen Präsidenten

Unter Russland-Beobachtern herrscht weitgehend Einigkeit, dass das Land vor einer langen Stagflation steht. Das Wachstum dürfte in diesem Jahr kaum über 1 Prozent hinauskommen, und die Inflation verharrt bei 6 Prozent (oder mehr). Zudem ist die vielversprechendste Option zur Wiederbelebung der Wirtschaft zugleich die unwahrscheinlichste, da sie die Bereitschaft Wladimir Putins voraussetzt, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden.

Die Abwärtsrisiken sind Legion. Russische Truppen sind heuer in der Ukraine kaum vorgerückt, und die Militärausgaben zu erhöhen, hieße finanzielle Instabilität auslösen. Indes hat die Ukraine den Krieg nach Russland getragen: ukrainische Drohnen zerstören Öl- und Gasanlagen und Warenlager von Online-Händlern, was die Menschen in Russland zunehmend gegen Putins Krieg aufbringt. Die öffentlichen Ausgaben bilden die deutlichste Schwachstelle. Der Haushalt für 2026 überraschte Analysten durch die Allokation von 183 Milliarden US-Dollar für nationale Sicherheit und Verteidigung – etwa genauso viel wie im Jahr 2025. Daraus hätte man ableiten können, dass Putin einen Zermürbungskrieg akzeptiert, anstatt zu versuchen, die Ausgaben zu erhöhen und einen entscheidenden Sieg zu erringen. Tatsächlich hielt er sich in den ersten drei Kriegsjahren zwar an ein Haushaltsdefizit von etwa 2 Prozent des BIP, doch dieser Anteil stieg 2025 auf 2,6 Prozent, und in den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 ließ er das Defizit auf 2,8 Prozent des BIP anwachsen – fast doppelt so viel wie geplant.

 
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