20 Minuten Online - Kalaschnikow schreibt Putin einen Bettelbrief - News
Die AK-47 ist das meistgebaute Sturmgewehr der Welt. Zwischen 80 und 100 Millionen Stück sollen seit seiner Erfindung durch Namensgeber Michail Kalaschnikow im Jahr 1947 produziert worden sein. Dutzende Armeen schwören noch immer auf die für ihre tödliche Zuverlässigkeit berüchtigte Waffe, ebenso private Waffennarren, Rebellen oder Terroristen.
Amerikaner fliegen auf die Kalaschnikow
Für das kurzfristige Überleben des Kalaschnikow-Waffenwerks sorgte ausgerechnet der einstige Erzfeind: Die Exporte in die USA haben im Jahr 2011 um 50 Prozent zugenommen, wie die «New York Times» im August berichtete. Die Waffenkäufe in den USA sind seit der ersten Wahl von Barack Obama zum Präsidenten explodiert, insbesondere aus der Furcht vor einem neuen Verbot halbautomatischer Waffen, wie es von 1994 bis 2004 bestanden hatte.
Man könnte also meinen, dem Hersteller der Awtomat Kalaschnikowa obrasza 47 (kurz AK-47) müsste es blendend gehen. Doch die russischen Waffenwerke Ischmech und Ischmasch stecken tief in der Krise. Erst letzte Woche beklagte sich der am 10. November 93 Jahre alt werdende Michail Kalaschnikow in einem offenen Brief an Präsident Wladimir Putin. Darin schreibt er, dass die Herstellung «seiner» Gewehre komplett zum Erliegen gekommen sei. «Die Produktion ist ins Nichts gefallen.» Das zu erleben, sei «bitter und peinlich».
17 Millionen Kalaschnikows auf der Halde
Bitter ist die Situation besonders für die Angestellten: Das gut ausgebildete Personal verlasse den Betrieb Ischmesch, schreibt Kalaschnikow, da die meisten von ihnen nicht mehr als 10 000 Rubel (umgerechnet 300 Franken) im Monat bekämen. «Manche erhalten noch viel weniger.» Mitte Oktober hatten hunderte Angestellte gegen ihre kümmerliche Bezahlung protestiert.
Kalaschnikows Bitte an Putin: Er solle doch zusehen, das marode Geschäft wieder in die Gänge zu bringen. Doch beim Präsidenten dürfte Kalaschnikow auf taube Ohren stossen. Denn die russische Armee besitzt mehr Sturmgewehre aus dem Hause Kalaschnikow, als sie je brauchen wird. Nach Angaben des Generalstabs befinden sich 17 Millionen AK-47 auf Lager, obwohl das Land nur eine Million Soldaten hat.
Zudem passen die antiquierten Gewehre nur noch bedingt ins Arsenal der Atommacht: Moderne Waffen sollen her, vor allem Kampfjets und Hubschrauber – und das für hunderte Milliarden Franken, wie Putin vor seiner Rückkehr in den Kreml angekündigt hatte.
Billige Kopien aus Asien setzen dem Originalhersteller
Die Probleme sind ohnehin weitgehend hausgemacht: Zu Sowjetzeiten hatte man grosszügig Genehmigungen zur Herstellung des Maschinengewehrs ins Ausland vergeben. Dabei standen weniger die Einnahmen aus Lizenzen um Vordergrund, sondern vielmehr der Einsatz der Waffe als Instrument der Volksbefreiung. So gibt es etwa eigene AK-47-Versionen aus China, Bulgarien oder dem Irak.
Nach dem Ende des Warschauer Pakts im Jahr 1991 liefen zwar alle Lizenzen zur Herstellung aus, doch frühere Partner bastelten munter weiter an ihren eigenen Knarren und jagten den Russen Marktanteile ab. Besonders die billigen Kopien aus Asien, heisst es, setzen dem Hersteller des Originals zu.
Fusionspläne wegen drohendem Konkurs
Der für die russische Rüstungsindustrie zuständige Vizepremier Dmitri Rogosin hat nun den Zusammenschluss der Waffenschmieden Ischmech und Ischmasch gefordert, wie die Zeitung «Nowyje Iswestija» berichtet. Das fusionierte Unternehmen soll unter der Dachmarke Kalaschnikow zusammengelegt werden. Viele halten Entlassungen in den Werken für unvermeidlich. Die Fusion sei das Gebot der Stunde, wird Rüstungsexperte Igor Korotschenko von der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti zitiert. «Dadurch können die Ausgaben optimiert werden, und der neue Betrieb kann sich auf die Entwicklung und Produktion der neuen Maschinenpistole AK-12 konzentrieren.»
Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass das russische Verteidigungsministerium auch an der neuen Kalaschnikow nicht sonderlich interessiert ist. Der Unterschied zu den Vorgängermodellen ist schlicht zu klein.