Hat Israel die Jungen endgültig verloren?
Zahlreiche Studien zeigen, dass die Mehrheit der jungen Menschen heute eine negative Sicht auf den Staat hat, der einst von vielen im Westen bewundert wurde
In diesem Im-Fokus-Newsletter schreibt Flora Mory, Redakteurin Außenpolitik, über das belastete Verhältnis von großen Teilen der weltweiten Jugend zu Israel.
Alle Jahre wieder naht der Eurovision Song Contest (ESC). Und mit ihm sind längst auch die alljährlichen Debatten wiedergekehrt: Ist der meistgesehene Musikwettbewerb der Welt, dem primär junge Zuschauer entgegenfiebern, so unpolitisch, wie er zu sein behauptet? (Nein!) Darf man Kriegsparteien eine Bühne geben?
An dieser Stelle ein kurzer, unvollständiger Blick zurück:
1969 boykottierte Österreich den ESC in Spanien aus Protest gegen die Franco-Diktatur.
1975 und 1976 boykottierten Griechenland und die Türkei wegen des jeweils anderen den ESC.
2021 wurde Belarus wegen eines Liedtexts, der Dissidenten verspottet, ausgeschlossen.
2022 wurde Russland wegen der Ukraine-Invasion verbannt.
2026 boykottieren Spanien, Irland, die Niederlande, Slowenien und Island den ESC in Wien aus Protest gegen das israelische Vorgehen im Gazastreifen und im Westjordanland.
Die Diskussion über die Berechtigung von Boykotten und Doppelstandards, die auch ESC-Fans spaltet, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Doch wie eine vom STANDARD in Auftrag gegebene Studie des Linzer Market-Instituts kürzlich herausgefunden hat, hat die Mehrheit der Jungen in Österreich darauf sehr wohl eine Antwort. Demnach halten 56 Prozent der Befragten zwischen 16 und 29 Jahren einen Boykott des ESC aufgrund der Teilnahme Israels für gerechtfertigt.
Das spiegelt auch einen eindeutigen Trend in den USA wider, der schon lange mit freiem Auge erkennbar war: Israel hat die Jungen im Westen im Ringen um die Deutungshoheit im Nahostkonflikt verloren. Laut einer aktuellen Studie des US-Forschungsinstituts Gallup hegen inzwischen mehr Amerikaner Sympathien für Palästinenser als für Israelis. Und unter den Befragten unter 35 Jahren ist die Unterstützung für Israel so gering wie noch nie: 23 Prozent versus 53 Prozent für Palästinenser.
Zahlreiche Studien zeigen, dass die Mehrheit der jungen Menschen heute eine negative Sicht auf den Staat hat, der einst von vielen im Westen bewundert wurde
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