Jugoslawien unter Milosevic
To be continued20.2. Von der Zerstörung der Provinzautonomie zur Aggression gegen die nördlichen Republiken
Das Memorandum, ein „Konglomerat von weinerlicher Selbstbemitleidung, gepaart mit Aggressivität und Feindseligkeit gegenüber allen anderen Mitbewohnern Jugoslawiens" (V Meier), beklagte die Benachteiligung des größten Volkes Jugoslawiens vor allem durch i Verfassung von 1974. Es ließ außer Acht, dass die Serben im jugoslawischen Staat kein» wegs unterrepräsentiert waren. In der Parteispitze, in Polizei und Geheimdienst stark vertreten, dominierten sie mit 65 Prozent des Offizierskorps auch in der Armee. Dies kam Milosevic bei seiner Strategie zugute, die Jugoslawische Volksarmee (JVA) zu einem
Istrument seiner Politik zu machen. Ein wichtiger Gönner Milosevics am Anfang seiner Karriere war der frühere langjährige Verteidigungsminister und einflussreiche General Nikola Ljubicic, der später (Dezember 1990) mit Mira Markovic den „Bund der Kommunisten Bewegung für Jugoslawien" gründete. Bis zur Ablösung von Admiral Branko Mamula als Verteidigungsminister im Juni 1988 hatten in der Armeeführung noch jene Strömungen Einfluss, die die Rolle der JVA als kollektive Nachfolgerin Titos, als stärkste und letzte Klammer Jugoslawiens, verstanden wissen wollten. Unter Mamulas Nachfolger Veljko Kadijevic, der bis 1992 im Amt war, wurde die alte Rhetorik nach außen hin beibehalten, aber die Armee, politisch den serbischen Dogmatikern näher stehend als den Reformern in Kroatien und vor allem Slowenien, wurde Teil des Belgrader Machtgefuges um Milosevic. In den Territorialverteidigungen (TO) der Republiken sah die JVA - vor allem in Kroatien und Slowenien - bald feindliche Kräfte, gegen die vorzugehen sei. Schließlich ergriff die JVA deutlich Partei für die serbische Seite und half bei der Versorgung und Aufrüstung der serbischen Milizen - in Kroatien zunächst aus den beschlagnahmten Beständen der TO.
Doch die ersten Feldzüge führte Milosevic ohne Armee. Nach der ersten größeren Versammlung in Kosovo Polje überzog im Sommer 1988 eine Serie von scheinbar spontanen, in Wirklichkeit aber minutiös geplanten „Meetings", sogenannten „Versammlungen der Wahrheit", ganz Serbien. In Gestalt von gedungenen Demonstranten aus dem Kosovo wurde die „serbische Wahrheit" nach ganz Serbien exportiert und als Kampfmittel gegen die Parteiführungen und Regierungen in den beiden Provinzen und der Teilrepublik Montenegro eingesetzt. Die Methode der Verkündung dieser Wahrheit offenbart ihre Herkunft aus der kommunistischen Wahrheit-Lüge-Dichotomie. Als oberster Einpeitscher fungierte
Miroslav Solevic, ein Serbe aus dem Kosovo, der schon bei der denkwürdigen Begegnung mit Milosevic in Kosovo Polje Regie gefuhrt hatte. (Zehn Jahre später sollte sich Solevic, von Milosevic abgehalftert, gegen seinen früheren Befehlshaber wenden und ihm vorwerfen, er habe das Kosovo „verkauft" und sich mit einer künftigen Teilung der Provinz abgefunden
Die Massenbewegung des „serbischen Sommers" 1988, d. h. der „antibürokratischen Revolution" (auch „Joghurt-Revolution" genannt, weil die Demonstranten Joghurt-Becher als Wurfgeschosse verwendet hatten) erreichte ihre Ziele mit dem Sturz der montenegrinischen Regierung im Januar 1989 und mit der Gleichschaltung des Kosovo und der Vojvodina durch die weitgehende Aufhebung der Autonomie in der neuen serbischen Verfassung Ende März 1989. Zuvor waren die Demonstrationen der Kosovo-Albaner gegen Jen Angriff auf ihre Autonomie und gegen die Absetzung der Parteiführer des Kosovo, Azem Vllasi und Kaqusha Jashari, brutal bekämpft worden. Beim Vorgehen gegen die protestierenden Albaner und die streikenden Bergarbeiter (in den Minen von Trepca) griff man zu allen Mitteln; die Medien diffamierten die „Konterrevolution" der Kosovo-Albaner i->Kap.. Auf einer Demonstration von etwa 800.000 Serben am 19. November 1988 in Belgrad, bei der der Tod Vllasis und anderer nichtserbischer Politiker gefordert wurde, rief Milosevic der Menge zu, Vllasi werde der Prozess gemacht werden, denn: „Wir furchten uns nicht. Wir gehen in jeden Kampf mit der Absicht zu siegen." (Little/Silber) Höhepunkt und vorläufiger Abschluss des Kampfes um das Kosovo war Milosevics Rede zum 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld am 28. Juni 1989, an der Gedenkstätte Gazimestan nördlich von Prishtina. Milosevic geißelte an jenem Vidovdan (Sankt-Yeits-Tag) vor einer Million Serben Zwietracht und Verrat, die zur Niederlage gegen die Heere der Osmanen gefuhrt hätten, und hob die jüngste Wiedergewinnung der nationalen Einheit als (eigene) große historische Leistung hervor. „Heute, sechshundert Jahre später",
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