Tatsächlich hatte Armenien sich vor dem letzten Krieg um Bergkarabach schon eine Weile von Russland zu den USA umorientiert. Ich glaube dass Russland auch ansonsten nicht interveniert hätte (von Feindschaft zu Aserbaidschan kann keine Rede sein), aber enttäuscht waren die Armenier wahrscheinlich vor allem von den USA.
Die geopolitische Realität war etwas komplizierter, als dass Armenien sich einfach von Russland zu den USA umorientiert hätte. Fakt ist aber, Armenien war bis zuletzt sicherheitspolitisch komplett von Russland abhängig, Militärbasis in Gjumri, CSTO‑Bündnis, russische Grenztruppen. Die angebliche Hinwendung zu den USA war eher ein diplomatisches Signal, weil Russland seit 2020 sichtbar passiv blieb und Armenien im Stich ließ. Und genau das ist der Kern, Russland intervenierte nicht, weil es Aserbaidschan nicht verärgern wollte, nicht weil Armenien plötzlich pro‑amerikanisch geworden wäre.
Die Enttäuschung der Armenier richtete sich am Ende gegen beide:
– Russland, das trotz Bündnisverpflichtungen nicht half,
– und die USA/EU, die politisch unterstützten, aber militärisch nichts änderten.
Kurz gesagt, Armenien stand 2023 schlicht alleine da, wie seinerzeit im osmanischen Reich, als Millionen ermordet wurden, nicht wegen eines Seitenwechsels, sondern weil keiner der großen Akteure bereit war, sich mit Aserbaidschan und der Türkei anzulegen.