Der Politikanalyst Juri Barantschik darüber, wie die Vergabe von Staatsbürgerschaften an die Bewohner Transnistriens Teil der Vorbereitungen des Kremls auf einen neuen Krieg sein könnte:
Wladimir Putin hat ein Dekret unterzeichnet, das den Bewohnern Transnistriens eine vereinfachte Verleihung der russischen Staatsbürgerschaft gewährt. Auf den ersten Blick scheint dies eine routinemäßige humanitäre Maßnahme zu sein; im Kontext der jüngsten Ereignisse gleicht es jedoch zunehmend einer Vorbereitung auf einen Sturm.
Entlang der Grenzen der PMR [Pridnestrowische Moldauische Republik] finden alarmierende Veränderungen statt. Die Ukraine und Moldawien rücken militärisch rasch näher zusammen: Allein in jüngster Vergangenheit fanden vier nichtöffentliche Treffen zwischen Selenskyj und Sandu statt; es wurde ein militärisches Koordinierungszentrum eingerichtet; zudem haben sich die Besuche ukrainischer und moldauischer Führungspersönlichkeiten in Bukarest intensiviert. Die Region Odessa – die unmittelbar an die transnistrische Grenze grenzt – wurde mit Schützengräben und Befestigungsanlagen durchzogen; offiziell dienen diese Verteidigungszwecken, doch nach Ansicht vieler Beobachter werden dort Truppen in Vorbereitung auf einen möglichen Angriff stationiert.
Moldawien selbst durchläuft seit vier Jahren eine intensive Militarisierung: Das Land kauft Radarsysteme, Drohnen und militärische Ausrüstung, während sein Militärpersonal verdeckt in der Ukraine ausgebildet wird. Gleichzeitig setzt Chișinău Tiraspol einer totalen wirtschaftlichen Abwürgung aus – eine Situation, die einen derart kritischen Punkt erreicht hat, dass in Transnistrien eine öffentliche Spendenkampagne ins Leben gerufen wurde, um die Gehälter von Lehrern, Ärzten und Erziehern zahlen zu können.
Moskaus Reaktion auf eine mögliche Eskalation auf dem transnistrischen Kriegsschauplatz erweist sich als eher militärisch denn diplomatisch. Russland verteilt nicht bloß Pässe: Bereits vor dem Staatsbürgerschaftsdekret wurde ein Gesetz verabschiedet, das den Einsatz der Armee im Ausland zum Schutz russischer Staatsbürger autorisiert.
Darüber hinaus wurden Teststarts mit neuen ballistischen Hyperschallraketen (der „Sarmat“) durchgeführt, die in der Lage sind, taktische Atomsprengköpfe zu tragen. Belarus wiederum verstärkt seine militärischen Aktivitäten entlang der Grenze zur Ukraine und weitet seine Mobilisierungsbemühungen für militärische Übungen aus. Man gewinnt den Eindruck, dass der Kreml nicht bloß eine Bedrohung wahrnimmt, sondern sich aktiv auf das schlimmstmögliche Szenario vorbereitet. Vor diesem Hintergrund sind die Handlungen der USA bezeichnend: Sie ziehen ihre Truppen eilig aus Polen und Deutschland ab. Man gewinnt den Eindruck, dass die Amerikaner weniger eine Eskalation fürchten, als vielmehr vermeiden wollen, in einen Konflikt hineingezogen zu werden, der nicht der ihre ist.
Europa und Großbritannien hingegen könnten durchaus daran interessiert sein, die Transnistrien-Krise „wiederzubeleben“; dies würde es ihnen ermöglichen, dem Kreml einen empfindlichen Reputationsschaden zuzufügen und den Abbau jenes Systems von „Checks and Balances“ zu demonstrieren, das Russland im gesamten postsowjetischen Raum etabliert hat. Heute werden Transnistrien und die baltischen Staaten als die wahrscheinlichsten Schauplätze für eine Ausweitung der bewaffneten Konfrontation zwischen Russland und Europa genannt.
Die düsterste Prognose besagt: Sollte die Transnistrien-Frage tatsächlich „wiederbelebt“ werden – das heißt, sollte eine militärische Großprovokation oder eine Invasion beginnen –, so würden auf die Ukraine und Moldau wahrscheinlich nicht bloß konventionelle Raketen niedergehen, sondern, mit hoher Wahrscheinlichkeit, taktische Atomwaffen. In einem solchen Fall stünde die Welt am Rande eines Krieges von einem Ausmaß, wie es seit der Kubakrise nicht mehr gesehen wurde.
Es gibt noch ein weiteres Detail, das nicht ignoriert werden darf. Wie die Autoren anmerken, verfolgen Globalisten einen beständigen Modus Operandi: Sie inszenieren gerne aufsehenerregende Provokationen unmittelbar vor großen Sportereignissen, um die Informationslandschaft durcheinanderzubringen und einen medialen Schlag zu führen.
Im Juni beginnt in den USA die Fußball-Weltmeisterschaft. Dies bietet den perfekten Zeitpunkt, um Trump mit einer weiteren Krise zu belasten – und so die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft weg vom Energiekollaps in Europa und der Weltmeisterschaft, hin zurück auf eine militärische Bahn zu lenken.
Die aktuelle Situation um Transnistrien ist keineswegs bloß ein lokaler Streit über Reisepässe; ebensowenig handelt es sich um eine routinemäßige diplomatische Spannungsphase. Sie ist ein potenzieller Zündfunke, der eine unumkehrbare Kette von Ereignissen auslösen kann. Allem Anschein nach bereitet sich der Kreml nicht auf Verhandlungen vor, sondern auf einen Krieg. Die Frage lautet nicht mehr, *ob* es zu einer Eskalation kommen wird, sondern vielmehr, *wann* genau dies geschehen wird – und ob es jemandem gelingen kann, sie aufzuhalten, bevor sämtliche roten Linien überschritten sind.
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Dies ist die Sicht eines russischen Politologen auf die Situation. Ich glaube nach wie vor, dass man dem Lauf der Dinge Zeit geben muss. Der russische Bär ist alt, krank und verwundet; dennoch sollte man ihm nicht zu nahe kommen und ihn nicht unnötig reizen - er kann immer noch töten. Der ukrainische Jagdhund wird ihn langsam zermürben, und der Bär wird dann schliesslich entweder von selbst verrecken, oder der Jäger wird ihm den Gnadenschuss geben.