Ich hatte die Gelegenheit ihn in den späten Achtziger Jahren persönlich kennen zu lernen, da er zu diesem Zeitpunkt in Sibenik und in grossen Teilen Dalmatiens aufgrund seiner aussergewöhnlichen Fähigkeiten als Psychiater sich einen Namen gemacht und grosse Popularität genossen hat, von Kroaten wie von Serben. Raskovic hatte eine interessante Vergangenheit. Seine Mutter war eine Kroatin aus einer streng gläubigen katholischen Familie, die Töchter waren auch mit Kroaten verheiratet und seine Neffen hat er auch als Kroaten deklariert, und trotzdem hat er hartnäckig nach dem ethnischen "corpus separatem" der Serben in Kroatien gefordert. Sein Vater war Richter unter Pavelics Herrschaft in Knin, wo er somit direkt die Legitimität der NDH anerkannt hat, über das er gar nicht gerne gesprochen hat. Er war leider auch nicht frei von Mythen, aber trotzdem war er sich der Realität bewusst. Ich denke vor allem die MASPOK Vorfälle in Dalmatien in den Siebziger Jahren haben seine Meinung bis zu seinem Tod gefestigt und gestärkt.
Was ich immer interessant gefunden aber bis heute nicht begriffen habe, dass Vlado Gotovac aus seiner sozialliberalen Partei gegen den Dialog mit Raskovic war weil er immer die Meinung vertreten hat, dass ihn nicht die serbische Bevölkerung in Kroatien gewählt und legitimiert hat, sondern diese Position als Sprechführer der Serben deswegen erfüllten durfte, weil nur die HDZ ihm diese Bedeutung und das Ansehen geben konnte.
Als er davon sprach dass die Serben ein "verrücktes Volk" seien, wurde das auf verschiedenste Weisen falsch interpretiert. Im Grunde genommen wollte er lediglich die Botschaft weiterleiten, dass sowohl die Serben als auch Kroaten deswegen verrückt waren, weil sie unter einer schlechten historischen kollektiven Wahrnehmung und Amnesie leiden. Die Angst, sei sie begründet oder nicht, kann man wie du schon sagtest gut dazu nutzen, beide Völker gegeneinander aufzuspielen. Das veröffentlichte Interview von Letica hat natürlich auch seinen Zweck erfüllt.
Es liegt eigentlich auf der Hand wieso damals der HDZ ein verrückter Martic oder Babic in die Hände gespielt hat. Raskovic wurde schlussendlich nicht von Tudjman oder Letica politisch beseitigt, sondern von seinem gefährlichsten Gegner, Milosevic. Mit einem Raskovic als Führer der Serben in Kroatien hätte aber Tudjman vor grosse Probleme gestellt. Einen Krieg zwischen Kroatien und den kroatischen Serben hätte es höchstwahrscheinlich nicht gegeben, wobei immer noch die Frage bleibt, wie die JNA und Serbien hier reagiert hätten aber eins wäre sicher gekommen, dass Kroatien schwer ihre vollständige Staatlichkeit ohne eine regionale politische Autonomie für die Serben hergestellt hätte.
Raskovics Konzept für die Zukunft der Serben in Kroatien war im Grunde genommen sehr einfach und zu diesem Zeitpunkt am vernünftigsten: man hätte die demokratischen Veränderungen und den demokratischen Willen der meisten kroatischen Bürger anerkannt, eine vollständige Zusammenarbeit mit der Regierung in Zagreb, aber mit dem Ziel nach der Lösung für seperate Umsetzungen für die serbische Bevölkerung. Raskovic hätte diese Frage wahrscheinlich internationalisiert, er hätte sich Garantien beim europäischen Rat geholt, vielleicht bekäme er grosse Unterstützung von Soros und aus dem NGO-Sektor und der Spielraum für Tudjman und Susak wäre auch definitiv kleiner geworden.