Ex-Sprecherin belastet Präsident Selenskyj bei "Tucker Carlson Show"
Julija Mendel wirft dem ukrainischen Staatschef autoritäres Verhalten vor – was in der Ukraine für Empörung sorgt. Zeitlich fällt das Interview mit Korruptionsermittlungen zusammen
Liest man das Buch, das Julija Mendel im Jahr 2021 über Wolodymyr Selenskyj veröffentlichte – auf dem Cover ist sie selbst zu sehen –, sucht man vergeblich nach fundamentaler Kritik am ukrainischen Staatschef. Zwar beschreibt sie ihn als eigensinnig, zugleich aber auch als Produkt eines neuen, europäischen Ukraine-Modells.
Selenskyj, schreibt Mendel damals, sei weder Charlie Chaplin noch Winston Churchill, sondern "ein aufrichtiger Führer eines modernen europäischen Landes"; und sie bedankt sich ausdrücklich dafür, dass er ihr den Aufstieg in den innersten Machtzirkel ermöglicht habe. Seine Präsidentschaft habe erstmals transparente Bewerbungsverfahren geschaffen, selbst für höchste Staatsämter. Er sei einer, der sich seinem Umfeld gegenüber stets respektvoll erweise.
Umso drastischer wirkt jetzt Mendels Auftritt bei Tucker Carlson an diesem Montag: In der bekannten, rustikalen Studiokulisse bedankt sich der ehemalige Fox-News-Moderator demonstrativ dafür, dass jemand aus Selenskyjs Umfeld endlich mit ihm spreche. Das Interview folgt der Dramaturgie eines großen Auspackens: politischer Clickbait, der eineinhalb Stunden andauert.
Sie habe Selenskyj nach Beginn des russischen Großangriffs 2022 unterstützt, sagt Mendel am Anfang. Sie sei ihm dankbar gewesen, dass er in Kyjiw geblieben sei. Doch die Welt müsse ihn endlich als das sehen, was er wirklich sei: "Wir sehen Putin als böse. Aber Selenskyj ist ebenfalls böse. Vor der Kamera spielt er den Teddybären, tatsächlich ist er aber ein Grizzlybär."
"Keine Insiderin"
Ihr selbst gehe es dabei nicht um persönliche Rache, versichert Mendel. Den Präsidenten, den die Öffentlichkeit kennt, gibt es schlichtweg nicht. Selenskyj wechsle ständig Masken, sei emotional unkontrollierbar, oft hysterisch und manipuliere sein Umfeld. Menschen seien für ihn austauschbar, Empathie fehle ihm. Vieles von dem, was Selenskyj öffentlich sage, sei "völlig von der Realität abgekoppelt".
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In der Ukraine lösen Mendels Aussagen indes scharfe Reaktionen aus. Das Präsidialamt weist ihre Darstellung entschieden zurück. Auf Anfrage des STANDARD erklärte die aktuelle Sprecherin des Präsidenten, dass Mendel seit Beginn der russischen Vollinvasion weder Kontakt zum Präsidialamt noch Zugang zu Gesprächen oder Verhandlungen, die ihre angeblichen Insiderinformationen stützen könnten, gehabt habe. Das Interview selbst werde im Umfeld Selenskyjs als "sehr beschämende Art, Geld zu verdienen" wahrgenommen. Mendel selbst ließ eine Anfrage des STANDARD unbeantwortet.
Julija Mendel wirft dem ukrainischen Staatschef autoritäres Verhalten vor – was in der Ukraine für Empörung sorgt. Zeitlich fällt das Interview mit Korruptionsermittlungen zusammen
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