Historikerin Shore: "Die Menschen in Kyjiw weigern sich, gebrochen zu werden"
Schon mehrmals seit Kriegsbeginn ist die US-amerikanische Osteuropa-Expertin Marci Shore in die Ukraine gereist, wo sie stets auf "eine surreale Mischung aus normal und abnormal" stößt
Die US-amerikanische Osteuropa-Historikerin Marci Shore übersiedelte wegen der aktuellen politischen Lage in den USA nach Kanada. Dieser Tage nahm sie am ukrainischen Literaturfestival "Book Arsenal" in Kyjiw teil und schildert dem STANDARD ihre Eindrücke.
STANDARD: Welche Rolle hatten Sie bei dieser internationalen Veranstaltung?
Shore: Vergangenes Jahr hatte ich "Book Arsenal" gemeinsam mit der ukrainischen Autorin und Herausgeberin Oksana Forostyna kuratiert. Heuer nahm ich an mehreren Podiumsdiskussionen teil, so etwa an "Beyond the Victim Narrative", wo es um den bemerkenswerten Dokumentarfilm Traces von Alissa Kowalenko ging – um Frauen, die Opfer sexueller Gewalt in diesem Krieg wurden. Das diesjährige Schwerpunktthema, kuratiert von Maksym Butkewytsch, lautet "To Bear Your Freedom". Maksym ist eine wirklich außergewöhnliche Person: Er überlebte zwei Jahre und vier Monate in russischer Gefangenschaft und spricht äußerst selbstreflektiert über seine Erfahrungen.
STANDARD: Im Programm heißt es, in der Nähe sei ein Luftschutzbunker – und man dürfe im Fall eines Luftalarms das Ticket wiederverwenden …
Shore: Jeder hier ist gezwungen, nach dem Rhythmus der Luftalarme zu leben. Ich habe Gedichtlesungen im Bunker gehört, Exemplare meiner Bücher im Bunker signiert, an Gesprächen über Feminismus teilgenommen. In der Nacht gab es zwei Luftalarme, einer gegen Mitternacht dauerte etwa eine Stunde und ein weiterer war gegen drei Uhr. Und dann gab es heute (Freitag, 29.5., Anm.) drei Alarme – was leider alle Panels unterbrochen hat, an denen ich teilgenommen habe.
Schon mehrmals seit Kriegsbeginn ist die US-amerikanische Osteuropa-Expertin Marci Shore in die Ukraine gereist, wo sie stets auf "eine surreale Mischung aus normal und abnormal" stößt
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