Zur selben Zeit aber, um 172, richtet im Orient Tatian, der Syrer, bereits eine aufreizende Philippika an das Heidentum.
Denn für den (in Rom Christ gewordenen) Schüler des hl. Justin und nachmaligen Führer der «ketzerischen» Enkratiten, für den «Barbarenphilosophen Tatian», wie er sich selber nennt, sind Heiden Angeber, Nichtwisser, Streithähne und Speichellecker.
Sie sind voll von «Dünkel» und «prunkenden Phrasen», sind geil und lügen. Ihre Einrichtungen, ihre Sitten, ihre Religion und Wissenschaft, alles ist «albern», «vielfältige Torheit», «wahnwitzig». In seiner «Rede an die Bekenner des Griechentums verunglimpft Tatian die «Großsprecherei der Römer», die «Windbeutelei der Athener», die «zahllose Menge eurer nichtsnutzigen Dichterinnen, Buhldirnen und Taugenichtse».
Der einstige Sophistenschüler wirft dem Diogenes «Unmäßigkeit » vor, dem Platon «Völlerei», Aristoteles «Unwissenheit», Pherekydes und Pythagoras «Altweibergeschwätz», Empedokles «Prahlerei». Die Sappho ist «ein unzüchtiges, liebestolles Frauenzimmer», Aristippos «ein scheinheiliger Lüstling», Heraklit «ein hoffärtiger Autodidakt», kurz: «Lärmer sind sie, keine Lehrer», höhnt der Christ, «in Worten großmäulig, aber im Erkennen schwachsinnig», und sie «gehen mit Nägeln umher wie die wilden Tiere»23.
Tatian verdonnert die antike Rhetorik, die Schule, das Theater,
«diese Hörsäle, die … mit Vorträgen von Schweinereien ergötzen»; er reißt selbst die Plastik herunter (wegen ihrer Thematik, ihrer Modelle), und stets von neuem, was heute noch die Welt bewundert, griechische Dichtkunst und Philosophie; wobei er immer wieder der heidnischen «Windbeutelei», «Torheit », «Krankheit» die christliche «Weltweisheit» konfrontiert, den «Kampf- und Truglehren verblendeter Dämonen» die «Lehren unserer Wissenschaft»..
Jeder, der Philosophie schätze, behauptet Tatian, der gehe in die Kirche. «Wir sind ja keine Narren, ihr Anhänger der Griechenlehre, und wir reden keine Possen», «und wir lügen nicht», «albern ist euer Geschwätz …» Zu «der Wahrheit, deren Herold ich bin», gehörte auch Tatians Greuelmärchen, die Heiden äßen Fleisch von Christen, um deren Auferstehung zu verhindern!24
Mit dieser Rede – «eine einzige vernichtende Anklage gegen die gesamten Leistungen des hellenischen Geistes auf sämtlichen Gebieten» (Krause) – beginnt jene unflätige Herabsetzung der ganzen heidnischen Kultur, der dann deren Verfemung, fast Vergessenheit im Abendland durch mehr als ein Jahrtausend folgt. Doch während ein kritischer Forscher wie Johannes Geffcken den Syrer Tatian einen «orientalischen Bildungsfeind», «affektierten Heuchler», «prahlenden Aftergelehrten» nennt, einen «seichten Denker» und «verlogenen Menschen von äußerst geringer Ehrlichkeit gegen andere und sich selbst», verteidigt man auf katholischer Seite, gleichfalls noch im 20. Jahrhundert, die «Schönheit und Nützlichkeit» des Hauptinhalts der zitierten Schrift, von der schon im 4. Jahrhundert Kirchengeschichtsschreiber Euseb berichtet, daß sie bei vielen «den größten Ruhm genießt». Scheint sie doch auch
diesem Bischof «das schönste und nützlichste von allen Werken Tatians zu sein»25.
Tatian aber steht nur in jener Front der antiken Kirche, die von dem hl. Ignatius (der jeden Kontakt mit heidnischer Literatur, auch beinah den ganzen Schulunterricht verwirft) und dem genauso denkenden Bischof Polykarp von Smyrna zu Kirchenschriftsteller Hermias führt und seiner ebenso rüden wie dürftigen, «Verspottung der heidnischen Philosophen», zu Kirchenvater Irenäus, dem antiochenischen Bischof Theophilus und anderen, die die gesamte antike Philosophie hassen, verdammen als «lügenhafte Flunkerei», als «Abenteuerlichkeit, Unsinn oder Wahnwitz oder Absonderlichkeit oder alles zugleich». Sämtliche Repräsentanten der griechischen Kultur verbreiten, laut dem hl. Theophilus, einem sehr bescheidnen Geist, doch auf einem der angesehensten Bischofssitze, nur
«Wortschwall», «nutzloses Gerede», sie haben «nicht einmal den geringsten Funken der Wahrheit», «auch nicht das kleinste Körnlein davon gefunden»16.