Fernreise-Impfungen sind für viele kein Thema, Corona schon. Warum?
Wieso lassen sich Menschen gegen FSME impfen, aber zögern bei Influenza? Weil Risiken oft nicht nüchtern, sondern subjektiv bewertet werden, sagt eine Expertin
Die Erfolgsgeschichte der Impfungen beginnt in Österreich im Kleinen. Sie beginnt am Waldboden, im Gras, im Unterholz, bei einem kaum sichtbaren Überträger: der Zecke. Die Impfung gegen die Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME, steht hierzulande exemplarisch für den nachhaltigen Erfolg präventiver Medizin. Seit 50 Jahren schützt sie vor einer Virusinfektion, die das zentrale Nervensystem angreifen und bleibende Schäden hinterlassen kann.
Als 1976 der weltweit erste FSME-Impfstoff in Österreich entwickelt und zugelassen wurde, erkrankten jährlich 300 bis 700 Menschen, viele davon schwer. Laut einer 2025 veröffentlichten Studie konnten mit der Impfung seither mehr als 10.000 Hospitalisierungen verhindert werden, darunter etwa 4.000 schwere Verläufe. Auch rund 80 Todesfälle wurden vermieden. "Ohne Impfung hätten fast fünfmal so viele Menschen im Spital behandelt werden müssen", sagt Judith Aberle, Virologin an der Med-Uni Wien.
Individuelles Abwägen
Der Erfolg war kein Zufall. Mit großen Kampagnen gelang es, die Durchimpfungsrate auf rund 80 Prozent zu steigern. Derartige Zahlen sind bei anderen Schutzimpfungen wie etwa gegen Covid-19 undenkbar. Auch bei Influenza liegt Österreich mit rund 13 Prozent weit hinter dem Zielwert von 75 Prozent. Woran liegt das? Warum wird eine Impfung selbstverständlich akzeptiert und andere werden verteufelt?
Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht, sagt Katharina T. Paul. Am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien forscht sie zu Impfentscheidungen. In der Sozialpsychologie wird dieses Entscheidungsverhalten häufig entlang der fünf C’s beschrieben: Confidence, also das Vertrauen in die Sicherheit und Wirksamkeit von Impfstoffen; Complacency, die Einschätzung des Risikos; Constraints, damit meint man strukturelle Hürden; Calculation, das Abwägen von Nutzen und Risiko; sowie Collective Responsibility, das Verantwortungsgefühl und die Bereitschaft, sich zum Schutz der Gemeinschaft impfen zu lassen.
Wieso lassen sich Menschen gegen FSME impfen, aber zögern bei Influenza? Weil Risiken oft nicht nüchtern, sondern subjektiv bewertet werden, sagt eine Expertin
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