Iran-Experte: „Der Iran ist zu Terroranschlägen in New York fähig“
Der Historiker und Iran-Experte Arash Azizi analysiert den bisherigen Kriegsverlauf. Er sieht das Regime von einem Zusammenbruch weit entfernt und hält baldige Verhandlungen mit den USA für möglich.
Herr Azizi, waren Sie überrascht, dass der langjährige Revolutionsführer Ali Khamenei gleich am ersten Kriegstag bei einem Luftangriff getötet wurde?
Arash Azizi: Überhaupt nicht. Meine Quellen im iranischen Sicherheitsapparat hatten mir schon von ihrer Vermutung berichtet, dass USA und Israel planten, Khamenei zu töten. Mich hat nur überrascht, dass Khamenei in seinem Büro war, als der Angriff kam. Vielleicht wollte er sogar zum „Märtyrer“ werden. Aber das hat absolut nichts Heroisches – so wie auch ein Selbstmordattentäter nichts Heroisches hat. Khamenei hatte viele seiner Familienmitglieder bei sich, er war also bereit, diese Menschen zu opfern.
Hat sich das Regime in den zwei ersten Kriegswochen stabilisiert oder wankt es?
In einem gewissen Sinn wankt die Islamische Republik seit Jahrzehnten – wie ein Mann auf einem Drahtseil, bei dem man jeden Augenblick annimmt, dass er fällt. Das Regime lebte schon immer in einer Art Dauerkrise und ist geübt darin. Es braucht zwei Dinge, um zu überleben: Es muss genügend Menschen töten, die sich gegen den Staat erheben, und es muss verhindern, dass es eine klare Alternative gibt. Und an diesem Punkt hat die iranische Opposition versagt.
Was bedeutet das für die Lage zwei Wochen nach Kriegsbeginn?
Das Regime steht ganz gut da. Es hat seinen Anführer verloren, aber Ersatz gefunden, genau wie die Verfassung es vorsieht. Die verschiedenen Lager – Reformer und Hardliner – haben sich zusammengetan. Es gibt keinen Riss an der Spitze und keinen Riss im Sicherheitsapparat. Inzwischen scheint es sogar so zu sein, dass die USA den Krieg beenden und die Iraner weiterkämpfen wollen. Das bedeutet aber nicht, dass das Regime ein Gleichgewicht finden wird. Es bleibt innenpolitisch zutiefst unbeliebt und hat im Krieg viele Länder der Region gegen sich aufgebracht. Der neue Revolutionsführer, Mojtaba Khamenei, hat den Iranern nichts Neues zu bieten.
Der Historiker und Iran-Experte Arash Azizi sieht das Regime von einem Zusammenbruch weit entfernt und hält baldige Verhandlungen mit den USA für möglich.
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