Teheran droht dem Golf mit Stille: Wenn Krieg kommt, sollen die Kabel unter Hormus reißen und gerissen bleiben
Der Golf wollte sich vom Öl freikaufen und hat dafür auf Rechenzentren gesetzt. Hallen voller Rechner für künstliche Intelligenz, gebaut mit amerikanischen Technologiefirmen, sollten den Reichtum aus dem Boden in Reichtum aus Daten verwandeln. Im März zeigte Iran, wie dünn dieses Versprechen ist. Raketen trafen zwei Einrichtungen von Amazon Web Services in den Vereinigten Arabischen Emiraten direkt, in Bahrain wurde Infrastruktur neben einer weiteren Anlage beschädigt. Auf dem Höhepunkt des Krieges setzten die Revolutionsgarden Microsoft und Google auf ihre Liste erlaubter Ziele, dazu Apple und Nvidia. Diesen Monat legte Mohsen Resaei nach, einer der führenden Sicherheitsleute Teherans: Auch amerikanisch geprägte Datenanlagen am Golf, Rechenzentren für künstliche Intelligenz ausdrücklich eingeschlossen, kämen als Ziel in Frage. Jetzt geht der Blick nach unten, auf den Meeresgrund.
Durch die Straße von Hormus laufen sieben große Datenkabel. Kein Mensch denkt an sie, wenn er eine Überweisung abschickt. Jadollah Dschawani, Vizechef der politischen Abteilung der Revolutionsgarden, hat sie am Mittwoch beim Namen genannt: mögliche Ziele, sollte iranische Infrastruktur angegriffen werden. Zwei hohe Sicherheitsvertreter, die anonym bleiben wollten, behaupten, die Pläne lägen fertig in der Schublade, für den Fall, dass die USA und Israel wieder zuschlagen. Ort und Methode behalten sie für sich. „Wenn Iran angegriffen wird, gibt es keine roten Linien mehr“, sagt einer der beiden, das betreffe Kabel ebenso wie Militärbasen, auch geheime. Washington möge „nicht mit dem Feuer spielen“, Iran komme an die Leitungen jederzeit heran. Bedrohlich, was danach geschehen soll. Teheran wolle nach einem Schlag jede Reparatur verhindern, damit die Leitungen möglichst lange tot bleiben. Ein Kabel zu kappen ist eine Tat. Die Reparatur zu verhindern macht aus dem Schaden einen Zustand, und erst der Zustand trifft ein Land wirklich. Die Drohungen fallen in eine Zeit, in der die Gespräche mit Washington zu kippen drohen und Teherans Führung für den nächsten Krieg eine härtere Antwort plant als beim letzten. Geschehen ist bisher nichts, kein Kabel wurde angegriffen.
99 Prozent des weltweiten Internetverkehrs gehen nach Angaben der Internationalen Fernmeldeunion durch Unterseekabel. Wer daraus den Untergang des Netzes ableitet, rechnet falsch, sagt Alan Mauldin vom Forschungsunternehmen TeleGeography. Durch Hormus führe weniger als ein Prozent der internationalen Übertragungskapazität, die Welt würde es verkraften. Der Golf nicht so leicht. Fallen dort mehrere Leitungen aus, stocken Zahlungen und Onlinehandel, ausgelagerte Rechendienste geraten ins Wanken, und alles hängt dann daran, wie viel Verkehr über andere Wege ausweichen kann. Reparaturschiffe im Kriegsgebiet sind ohnehin ein Problem für sich: Versicherer verlangen mehr, Genehmigungen für fremde Hoheitsgewässer brauchen Zeit. Weit schmerzhafter wäre nach Ansicht von Fachleuten ein Schnitt im Roten Meer, durch das Europa mit Ostafrika und Asien verbunden ist, mit rund 3 Prozent der weltweiten internationalen Nachfrage und etwa 10 Prozent des Verkehrs zwischen den Weltregionen. Die Huthi in Jemen, Teherans Verbündete, säßen dort an der Strecke. Bekannte iranische Pläne dafür gibt es keine.
Ein weiterer Sicherheitsvertreter rät den Golfstaaten, für zerstörte Kabel Washington die Schuld zu geben und nicht Teheran. Alex Vatanka vom Middle East Institute in Washington erkennt die Absicht dahinter: Regierungen und Firmenchefs am Golf sollen gegen einen neuen amerikanischen Angriff mobil machen und Trump vorrechnen, was ihn ein weiterer Krieg kostet. Ihr Geld wird zum Faustpfand. Aus Washington, Teheran und den Golfhauptstädten kam auf Nachfrage zunächst kein Wort. Gebaut wird trotzdem. Landleitungen sollen im Ernstfall einen Teil der Last übernehmen, Regierungen und amerikanische Firmen ziehen neue Strecken, Microsoft will bis 2030 über 400 Millionen Dollar in Verbindungen über und unter Wasser im Nahen Osten investieren. Jede neue Leitung soll die Abhängigkeit kleiner machen. Jede ist auch eine Stelle mehr, an der man reißen kann.
Auch Reparaturarbeiten sollen laut Insidern verhindert werden.
kurier.at