Mord und Vorurteil: Über den Fortbestand jüdischer Alterität in Dalmatien
Ein Mordprozess zwischen Dalmatien, Venedig und Rom zeigt, wie jüdische Konvertiten trotz Taufe über Jahrhunderte "die Anderen" blieben
Im Gastblogbeitrag schildert Lena Sadovski anhand eines Mordprozesses, der sich durch die Archive von Zadar, Split, Venedig und dem Vatikan verfolgen lässt, wie wirkmächtig und hartnäckig antijüdische Vorurteile waren und wie sie in Konfliktfällen instrumentalisiert werden konnten, um die Nachkommen von Konvertiten noch 300 Jahre nach der Konversion ihrer Vorfahren zu diffamieren.
August 1577, Split, venezianisches Dalmatien: Alessandro und Marino de Barisano stehen vor Gericht wegen Mordes. Beweise gibt es keine. Dennoch werden die beiden Angeklagten und die gesamte Familie Barisano aus Split verbannt und ihr Eigentum konfisziert.
Die Grundlage dafür? Blasphemie und Krypto-Judentum, die den Barisanos in einer anonymen Hetzschrift vorgeworfen werden, um sie im Rahmen des Mordprozesses zu diskreditieren. Wie konnte es dazu kommen, und warum waren die Vorwürfe, die Barisanos seien versteckte Juden und würden im Geheimen das Christentum lästern, plausibel genug, um die Verbannung der gesamten Familie zu bewirken?
Die Ursprünge der Neuchristen in Apulien
Die Antwort führt zurück ins Apulien des späten 13. Jahrhunderts. Dort waren die jüdischen Vorfahren der Barisanos im Zuge von Massenkonversionen zum Christentum übergetreten. Dadurch wurden sie und ihre Nachkommen zu sogenannten "Neuchristen" (Lat. "christiani novi", Ital. "cristiani novelli"), die zwar als Christen getauft wurden, aber aufgrund ihrer gemeinsamen jüdischen Herkunft weiterhin eine eigene gesellschaftliche Gruppe innerhalb des Königreichs von Neapel bildeten.
Ausgehend von unterschiedlichen Steuerklassen verfestigte sich diese Differenz auch auf der soziopolitischen Ebene: In apulischen Städten wie Trani, Barletta und Manfredonia waren die Neuchristen neben den Adeligen und Bürgerlichen die dritte gesellschaftliche Schicht, die im Stadtrat vertreten war. Verstärkt wurde diese Gruppenbildung durch Eheschließungen innerhalb der eigenen Gruppe und den geteilten beruflichen Fokus auf den Handel.
Ein Mordprozess zwischen Dalmatien, Venedig und Rom zeigt, wie jüdische Konvertiten trotz Taufe über Jahrhunderte "die Anderen" blieben
www.derstandard.at