Dass die kleinasiatischen Griechen in Gefahr waren, ist aus meiner Sicht unbestreitbar. Schließlich waren sie eine ethnische Minderheit in einem Land, in dem der Nationalismus gerade aufgewacht war (etwas spät, im Vergleich zu den Nachbarn, aber je später desto gewaltiger), und auf sie hatte ein benachbarter Nationalstaat ihre Expansionspläne gestützt.
Genau dieser Faktor, die Kraft einer nationalen Ideologie in Entstehung, war was die griechischen Politiker massiv unterschätzt haben, besonders Venizelos. Und zum bitteren Ende der kleinasiatischen Expedition geführt hat.
Vorrausetzung für deine Behauptung, wäre das die Türken, damals bereit waren die Christen als Gleichberechtigte Bürger anzusehen und zu behandeln, schauen wir uns die folgenden Abschnitten:
Aus dem Buch des Historikers Taner Akçam (auch wenn einige Türken behaupten das er in seinen Jüngeren Jahren ein radikaler Linker war und das er Kurde ist), er ist einer der wenigen der auch die türkischen Archiven studiert hat.
600 Jahre Dominanz der osmanischen Muslime gegenüber den Nicht-Muslimen – insbesondere den Christen – haben eine Mentalität geprägt, die schließlich den Völkermord erst möglich gemacht hat, so die Quintessens von Akçams historischem Rückblick auf die Jahrhunderte vor den Jungtürken. Die Christen wurden – wie auch die Juden - von den Muslimen toleriert, allerdings nur als Untertanen zweiter Klasse. Sie mußten sich anders und bescheidener kleiden, ihre Häuser durften nicht höher sein als die der Muslime und keines ihrer Fenster durfte Einblick in muslimische Viertel geben. Begegneten Christen einem Muslim, mußten sie ehrerbietig Platz machen und durften vor allem keine Waffen besitzen. „Das pluralistische Muslimische Modell“, so Akçam, „bestand auf beidem: Unterdrückung und Toleranz.“ Als die Christen dann im 19. Jahrhundert eine Gleichstellung anstrebten, „wurde das als Verletzung dieser Übereinkunft angesehen“. [24/25; 32]
Unter den türkischen Muslimen herrschte die Meinung vor, sie seien die „Millet-i Hakime“ genannte herrschende Gemeinschaft. „die osmanisch-türkische herrschende Elite identifizierte sich mit dem Islam“, so Akçam, „und sah sich selbst den anderen religiösen Gruppen gegenüber als überlegen an.“ Diese Herrenmentalität übernahmen die Jungtürken. Akçam: „Sie sahen die Vorherrschaft der Türken im Osmanischen Reich als eine natürliche Angelegenheit an, die gar keiner Diskussion bedurfte.“ Selbst als die kosmopolitische Haltung des Osmanismus noch vorherrschte, „blieb die Idee einer muslimische Vorrangstellung eine Konstante.“ [48]
„Damit die Türkei mit ihren territorialen Besitzungen überlebt“, so Talaat, müsse es von „den Fremdvölkern befreit“ werden. Es sei Talaat gewesen, so der Parlamentspräsident und Außenminister Halil Menteşe [Um ihn von Envers Onkel Halil zu unterscheiden, bekam er den Zusatz „Menteşe“, weil er CUP-Abgeordneter von Menteşe war. Envers Onkel wird allgemein als Halil Kut bezeichnet, weil er die Briten bei der Belagerung der Stadt Kut zur Aufgabe gezwungen hatte.] , der vorgeschlagen habe, das Land von „verräterischen Elementen zu säubern.“ Diese Nicht-Muslime bezeichnete ein anderer Hauptverantwortlicher des Völkermord, Kuşçubaşı Eşref, als „interne Krebsgeschwüre“, die „entfernt“ werden müßten. [92]
„Die Deportationen und Massaker der Griechen von 1914 waren ein Vorgänger dessen was kommen sollte“, schreibt Akçam, „die jungtürkischen Führer waren durch ihren Erfolg bei der erzwungenen Vertreibung der griechischen Bevölkerung ermutigt.“ [111]
Die Vertreibung der Griechen fand vor dem Krieg statt, weshalb die osmanische Regierung aus Furcht vor Reaktionen der Großmächte extrem vorsichtig agierte und sich offiziell sogar davon distanzierte, indem sie die Deportationen und Morde als Taten einzelner herunterzuspielen versuchte. [111]
http://www.wolfgang-gust.net/armeno...4a01dc9f75180e56c1257361006d85da!OpenDocument
Wie wolltest du die Türken überzeugen die Christen gleichzubehandeln und nicht als Menschen zweiter Klasse?