Ist das Kopftuchverbot im Interesse der Mädchen? Ein Pro & Kontra
Das Trageverbot in den Schulen löst immer noch heftige Diskussionen aus. Zwei Stimmen aus der Schulpraxis, die völlig unterschiedlich ausfallen
Welche Freiheit schulden wir Mädchen?
Marlies Ettl
Warum ich gerade als Feministin für das Kinderkopftuchverbot bin
Das Kopftuchverbot in Schulen wird als Symbolpolitik kritisiert. Es beseitige weder patriarchale Familienstrukturen noch religiösen Druck, stigmatisiere muslimische Mädchen und sei paternalistisch. Dabei wird auf die Selbstbestimmung der Mädchen verwiesen, die es tragen wollen. Aber was ist mit jenen, die es nicht wollen?
Als Direktorin einer Wiener berufsbildenden höheren Schule habe ich erlebt, wie schwierig diese Frage ist. Eine Schülerin kam zur Aufnahme ohne Kopftuch, zu Schulbeginn trug sie eines. Später wollte sie es ablegen. Doch selbst auf unserer geschützten Schulterrasse geriet sie ohne Kopftuch in Panik: Allah könne ihr Haar sehen. Ihr Wunsch, das Tuch abzulegen, war real. Ihre Angst ebenso.
Kritischer Blick
Ein Mädchen kann etwas selbst wollen und trotzdem gelernt haben, dass die Alternative falsch, unsittlich oder verboten ist. Das macht die Berufung auf Freiwilligkeit bei Kindern so schwierig. Feminismus hinterfragt Vorgaben darüber, wie Frauen und Mädchen auszusehen und sich zu verhalten haben. Warum sollten wir diesen kritischen Blick ablegen, sobald das Gebot religiös begründet wird?
Das Kinderkopftuch betrifft Mädchen, weil sie Mädchen sind. Dahinter steht die Vorstellung, der weibliche Körper müsse vor männlichen Blicken bedeckt werden. Ein Bub muss sein Haar nicht verbergen. Das unterscheidet das Kopftuch von Kreuz oder Kippa. Aber auch die Burschen gehören in diese Debatte: Nicht das Mädchen ist für ihren Blick verantwortlich, sondern Burschen für ihr Verhalten.
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Freiheit entsteht nicht durch Verbote
Sophie Amon
Es ist problematisch, wenn der Staat glaubt, Mädchen durch Vorschriften emanzipieren zu können
Als Lehrerin sehe ich jeden Tag, wie unterschiedlich Mädchen ihren Weg finden. Manche treten selbstbewusst auf, andere brauchen länger, um ihre eigene Stimme zu entdecken. Genau deshalb macht mich das geplante Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren in Österreich nachdenklich. Denn so verständlich der Wunsch nach Schutz klingen mag: Ein Verbot ist für mich kein Ausdruck von Freiheit, sondern vor allem ein Eingriff in das Leben junger Mädchen, der mehr bestimmt als befreit.
Es ist problematisch, wenn der Staat glaubt, Mädchen durch Vorschriften emanzipieren zu können. Emanzipation bedeutet nicht, dass man jungen Menschen vorschreibt, was sie tragen dürfen und was nicht. Emanzipation bedeutet, dass Mädchen lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, ihren Körper und ihr Auftreten selbst zu bestimmen und ernst genommen zu werden — auch dann, wenn ihre Lebenswirklichkeit von Familie, Religion oder sozialem Druck geprägt ist. Ein Verbot ändert an diesen Zwängen oft wenig. Es verschiebt sie nur. Und genau das empfinde ich als unehrlich.
Vertrauen statt Verbote
Besonders als Frau und Lehrerin stört mich, dass hier wieder einmal über Mädchen gesprochen wird, anstatt mit ihnen. Sie werden schnell zu Symbolfiguren in einer politischen Debatte gemacht. Dabei sind sie keine abstrakten Projektionsflächen, sondern Kinder mit ganz eigenen Erfahrungen, Unsicherheiten und Hoffnungen. Manche tragen das Kopftuch aus Überzeugung, andere aus Gewohnheit, wieder andere unter Druck. Aber kein Mädchen wird freier, wenn man es einfach von außen kontrolliert. Freiheit entsteht nicht durch Strafen und Verbote, sondern durch Bildung, Vertrauen und Räume, in denen Mädchen sich sicher ausdrücken können.
www.derstandard.at
Das Trageverbot in den Schulen löst immer noch heftige Diskussionen aus. Zwei Stimmen aus der Schulpraxis, die völlig unterschiedlich ausfallen
Welche Freiheit schulden wir Mädchen?
Marlies Ettl
Warum ich gerade als Feministin für das Kinderkopftuchverbot bin
Das Kopftuchverbot in Schulen wird als Symbolpolitik kritisiert. Es beseitige weder patriarchale Familienstrukturen noch religiösen Druck, stigmatisiere muslimische Mädchen und sei paternalistisch. Dabei wird auf die Selbstbestimmung der Mädchen verwiesen, die es tragen wollen. Aber was ist mit jenen, die es nicht wollen?
Als Direktorin einer Wiener berufsbildenden höheren Schule habe ich erlebt, wie schwierig diese Frage ist. Eine Schülerin kam zur Aufnahme ohne Kopftuch, zu Schulbeginn trug sie eines. Später wollte sie es ablegen. Doch selbst auf unserer geschützten Schulterrasse geriet sie ohne Kopftuch in Panik: Allah könne ihr Haar sehen. Ihr Wunsch, das Tuch abzulegen, war real. Ihre Angst ebenso.
Kritischer Blick
Ein Mädchen kann etwas selbst wollen und trotzdem gelernt haben, dass die Alternative falsch, unsittlich oder verboten ist. Das macht die Berufung auf Freiwilligkeit bei Kindern so schwierig. Feminismus hinterfragt Vorgaben darüber, wie Frauen und Mädchen auszusehen und sich zu verhalten haben. Warum sollten wir diesen kritischen Blick ablegen, sobald das Gebot religiös begründet wird?
Das Kinderkopftuch betrifft Mädchen, weil sie Mädchen sind. Dahinter steht die Vorstellung, der weibliche Körper müsse vor männlichen Blicken bedeckt werden. Ein Bub muss sein Haar nicht verbergen. Das unterscheidet das Kopftuch von Kreuz oder Kippa. Aber auch die Burschen gehören in diese Debatte: Nicht das Mädchen ist für ihren Blick verantwortlich, sondern Burschen für ihr Verhalten.
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Freiheit entsteht nicht durch Verbote
Sophie Amon
Es ist problematisch, wenn der Staat glaubt, Mädchen durch Vorschriften emanzipieren zu können
Als Lehrerin sehe ich jeden Tag, wie unterschiedlich Mädchen ihren Weg finden. Manche treten selbstbewusst auf, andere brauchen länger, um ihre eigene Stimme zu entdecken. Genau deshalb macht mich das geplante Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren in Österreich nachdenklich. Denn so verständlich der Wunsch nach Schutz klingen mag: Ein Verbot ist für mich kein Ausdruck von Freiheit, sondern vor allem ein Eingriff in das Leben junger Mädchen, der mehr bestimmt als befreit.
Es ist problematisch, wenn der Staat glaubt, Mädchen durch Vorschriften emanzipieren zu können. Emanzipation bedeutet nicht, dass man jungen Menschen vorschreibt, was sie tragen dürfen und was nicht. Emanzipation bedeutet, dass Mädchen lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, ihren Körper und ihr Auftreten selbst zu bestimmen und ernst genommen zu werden — auch dann, wenn ihre Lebenswirklichkeit von Familie, Religion oder sozialem Druck geprägt ist. Ein Verbot ändert an diesen Zwängen oft wenig. Es verschiebt sie nur. Und genau das empfinde ich als unehrlich.
Vertrauen statt Verbote
Besonders als Frau und Lehrerin stört mich, dass hier wieder einmal über Mädchen gesprochen wird, anstatt mit ihnen. Sie werden schnell zu Symbolfiguren in einer politischen Debatte gemacht. Dabei sind sie keine abstrakten Projektionsflächen, sondern Kinder mit ganz eigenen Erfahrungen, Unsicherheiten und Hoffnungen. Manche tragen das Kopftuch aus Überzeugung, andere aus Gewohnheit, wieder andere unter Druck. Aber kein Mädchen wird freier, wenn man es einfach von außen kontrolliert. Freiheit entsteht nicht durch Strafen und Verbote, sondern durch Bildung, Vertrauen und Räume, in denen Mädchen sich sicher ausdrücken können.
Ist das Kopftuchverbot im Interesse der Mädchen? Ein Pro & Kontra
Das Trageverbot in den Schulen löst immer noch heftige Diskussionen aus. Zwei Stimmen aus der Schulpraxis, die völlig unterschiedlich ausfallen