Erst Öl, dann Kirche – Bulgarien stellt sich gegen neue Russland-Sanktionen
Zum ersten Mal kündigt Bulgarien offen an, ein neues Sanktionspaket der Europäischen Union gegen Russland zu blockieren – nicht wegen der Ukraine insgesamt, sondern wegen der Folgen für die eigene Wirtschaft und wegen eines Namens auf der Liste. Ministerpräsident Rumen Radew erklärte vor dem EU-Gipfel in Brüssel, sein Land werde dem Paket in der vorliegenden Form nicht zustimmen. Im Mittelpunkt steht Lukoil. Die Raffinerie in Burgas ist die einzige des Landes und zählt zu den wichtigsten Treibstoffversorgern Bulgariens. Radew warnte, Einschränkungen könnten den Betrieb gefährden und Folgen weit über den Energiesektor hinaus auslösen. Er verwies zusätzlich auf mögliche Probleme bei Ersatzteilen für die Metro in Sofia und auf Auswirkungen für die Versorgung mit Düngemitteln.
Doch nicht nur wirtschaftliche Fragen spielten eine Rolle. Radew sprach sich auch gegen Sanktionen gegen Tichon Schewkunow aus, einen hochrangigen Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche, der seit Jahren als geistlicher Vertrauter Wladimir Putins gilt. Der bulgarische Regierungschef warnte davor, dass der Konflikt längst nicht mehr nur militärisch geführt werde, sondern inzwischen Wirtschaft, Kultur, Sport und nun auch religiöse Bereiche erfasse. Die Aussagen kommen wenige Tage nachdem die Europäische Union ihre Listen erneut erweitert hatte. Neu aufgenommen wurden Dutzende Personen und Organisationen mit Bezug zum russischen Militärkomplex, zu Tankern des sogenannten Schattenhandels und zu mutmaßlicher Einflussnahme im Ausland. Gleichzeitig geriet auch Tichon Schewkunow unter Sanktionen.
Radew zog dabei eine größere Linie und stellte öffentlich die Frage, welchen konkreten Beitrag Sanktionen bisher zur Beendigung des Krieges geleistet hätten. Gleichzeitig betonte er, Bulgarien werde Entscheidungen der Europäischen Union zur Ukraine insgesamt nicht blockieren und unterstütze weiterhin Gespräche über einen möglichen EU-Beitritt des Landes. Die Debatte zeigt damit etwas, das in Brüssel lange ungern ausgesprochen wurde: Je länger Sanktionen dauern, desto stärker wachsen innerhalb der Europäischen Union die Konflikte darüber, wer den politischen Preis trägt und wer den wirtschaftlichen.