Die Politik antwortet auf dieses Sterben mit Vorschlägen. Der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, für die SPD im Bundestag, habe Informationsportale und telefonische Auskunft gegen die Hitze angeregt. Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumwelt- und Klimaschutzministerium, halte einen nationalen Hitzeplan bis zum Sommer 2027 für nötig. Burkhard Jung, Präsident des Deutschen Städtetages und Oberbürgermeister von Leipzig, verlange, das Geld gegen Hitze und Klimafolgen im Grundgesetz festzuschreiben.
Ein Portal beantwortet Fragen und senkt keine Temperatur. Eine telefonische Auskunft nützt nur dem, der noch zum Hörer greift, und die Toten dieses Sommers lagen meist allein. Ein Plan, der erst später fertig wird, kommt für die Sommer bis dahin zu spät, und ein Posten im Grundgesetz bindet Geld, das fließt, wenn längst der nächste Bericht vorliegt. Was nicht als Katastrophe erscheint, verlangt kein Notprogramm und erträgt geduldig die Arbeitsgruppen und Fristen. Jede dieser Ideen mag für sich vernünftig sein, zusammen ergeben sie das Eingeständnis, dass für diesen Sommer nichts mehr zu tun war. Ein Sommer wie dieser gewöhnt das Land an seine eigenen Toten. Was sich jährlich wiederholt, verliert die Kraft zu erschrecken, und die Wiederholung selbst wird zum Argument, nichts zu ändern.
Die Regierung kürzt, aber niemand geht auf die Straße
Aus den Kliniken kommt der nüchternste Befund. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft mahnt, die Kühltechnik der Häuser sei veraltet, nur wenige Patientenzimmer verfügten über eine Klimaanlage. Gleichzeitig hat die Bundesregierung aber bei der Krankenhausfinanzierung gekürzt. Allein durch die Aussetzung einer Finanzierungsregel wurden den Kliniken 2026 nach Angaben des Bundesrates rund 1,8 Milliarden Euro entzogen. Im Juli wurde zudem das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossen, das weitere Einsparungen bei den Krankenhäusern vorsieht. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft bezeichnet das ausdrücklich als „Spargesetz zulasten der Krankenhäuser, ihrer Patienten und der Beschäftigten“. Der Ort, der Rettung verspricht, hält der Wärme selbst kaum stand, und die Kranken finden drinnen dieselbe Last, die sie draußen schon geschwächt hat.
Das Sterben endet nicht an der Grenze. Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, sagte im Juni, in einer einzigen Woche seien in Europa 1.300 Menschen der Hitze erlegen, gezählt vom 21. bis 28. Juni. In Frankreich registrierte man während der Junihitze 5.764 Tote über dem Erwartbaren, 36 Prozent mehr, als eine gewöhnliche Sterblichkeit gebracht hätte. Überall dieselbe Rechnung, gezählte Übersterblichkeit, unterschieden nur durch die Sprache der Totenscheine. Der Juni allein forderte auf dem Kontinent Tausende, und dieser Monat ist nur einer von vielen, die noch kommen.
„Die Klimaziele stehen noch auf dem Papier, doch die Werkzeuge, mit denen sie erreicht werden sollen, hat die Bundesregierung gleich mehrfach stumpf gemacht. Der Hitzeschutz im Land bleibt derweil hinter dem zurück, was die Erwärmung anrichtet. Bei rund 14.000 geschätzten Toten in 4 Monaten reicht das Ressort Umwelt nicht mehr aus, um das Versäumnis zu fassen. Verantwortungslosigkeit trifft es genauer.“
Das Wissen bleibt folgenlos, während die Zahl der Toten steigt
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